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Unsere tägliche Dosis Glyphosat

© by Erich Westendarp / pixelio.de

Mit dem Glyphosat-Bericht der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA), das Pflanzengift als gesundheitlich unbedenklich einzustufen und damit die Zulassung für weitere 10 Jahre vorzubereiten, sieht es für uns VerbraucherInnen, für Tiere, Pflanzen und unsere Umwelt düster aus. Besonders bemerkenswert ist, dass die Behörde sogar empfielt, die als unbedenklich geltende Dosis für die tägliche Aufnahme durch den Menschen von 0,3 Milligramm auf 0,5 Milligramm pro Kilo Körpergewicht angehoben werden soll. Gerade wurde vom Umweltbundesamt festgestellt, dass 60 Prozent der Bundesbürger Glyphosat im Körper haben. Auch für Menschen, die nicht zur Hysterie neigen, ist die Vorstellung, dass es völlig in Ordnung ist mit dem täglichen Brot und Brötchen Pflanzengift zu essen, befremdlich. Was auch Nicht-HysterikerInnen beunruhigt ist, dass die Weltgesundheitsorganisation im März 2015 Glyphosat als krebserregenden Stoff eingestuft hat. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen in Aufsichtsbehörden, die sich vor allem auf Studien der Hersteller berufen. Unabhängige wissenschaftliche Prüfung sieht anders aus.

Die Auswirkungen auf unsere Kulturlandwirtschaft wird beim Zulassungsverfahren gar nicht berücksichtigt und die sind enorm. Durch die flächendeckende Vernichtung von allen Pflanzen und artenreichen Grünstreifen, finden Insekten wie Biene und Falter keine Nahrung mehr, diese fehlen dann in der Nahrungskette für Vögel und andere Tiere oder als Bestäuber. Auch in Kleingewässern nimmt der Artenreichtum ab. Wer den Schutz der Biodiversität Ernst nimmt, muss den Einsatz von Totalherpizide wie Glyphosat verbieten.

Aber ganz offensichtlich hat es Monsanto und Co. geschafft, die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion von dem Stoff abhängig zu machen, da bleiben dann Gesundheits- und Umweltschutz auf der Strecke. Wie sieht diese Abhängigkeit aus? Zum einen sind da die Landwirte, die um zu überleben, jedes Quäntchen aus den Äckern rausquetschen müssen. Und dieser Wettbewerb wird immer härter, so dass zunehmend die Agrarunternehmen die Landwirtschaft dominieren und spätestens die brauchen Glyphosat für ihre Produktionsweise. Schon heute wird auf 40 Prozent der deutschen Äcker Glyphosat versprüht – Tendenz steigend. Und natürlich braucht die Massentierhaltung Futtermittel, die nur in diesen Mengen und zu diesem Preis zur Verfügung stehen, wenn das Totalherbizid zum Einsatz kommt. Als weitere Abhängige sind die Lebensmittelindustrie und der Handel auszumachen, viel und billig geht nur mit der industriellen Landwirtschaft, die auf den Einsatz von Glyphosat basiert. Und am Ende der Süchtigen steht der Verbraucher, der süchtig ist, nach billigen Lebensmitteln – oft stark verarbeitet. Billig, praktisch und immer verfügbar.

Weder die Politik noch die Aufsichtsbehörden trauen sich, dieses Sucht-System grundlegend umzukrempeln. Und das Verbot des Totalherpizid, hieße diesem System einen richtigen Knacks zu verpassen. Abgesehen davon, dass es zu einem enormen Umsatzeinbruch bei Monsanto käme, müsste ein Großteil der Landwirtschaft sich neu ausrichten. Bis zu viermal im Jahr spritzen und dann ist gut mit den sogenannten „Unkräutern“ geht dann nicht mehr. Mehr Arbeit mit geringerem Ertrag würde zu höheren Preisen führen. Und spätestens dann bekommen PolitikerInnen die Panik, höhere Lebensmittelpreise gelten in manchen Kreisen als das Ende des Abendlandes – es droht sozusagen die nächste Hungersnot.

So ist nicht damit zu rechnen, dass von der staatlichen Seite das System revolutioniert wird. Und die meisten von uns sind auch keine Landwirte, aber was fast jeder jeden Tag tun kann: die Landwirtschaft, Produzenten und Handel zu unterstützen, die nicht diesem System bisher erlegen sind. Gehen Sie auf Entzug! Kaufen Sie Bioprodukte, wenn möglich aus der Region und in Großstädten wie Berlin ist das Angebot enorm.

 

 

PS Bio-Produkte sind und müssen teurer sein, als konventionell hergestellte. Aber gerade in Deutschland geben die Konsumenten besonders wenig für Lebensmittel aus. Auch Mittel- und Gutverdiener decken gerne ihren Einkauf beim Discounter. Gerade auch die großen Discounterketten Aldi und Co. tragen enorm zu diesem System bei. Und der Satz bei Hartz IV und Grundsicherung für Lebensmittel ist viel zu niedrig angesetzt, denn auch Menschen mit geringem Einkommen haben ein Recht auf Lebensmittel ohne Gift.

 

TV Tipps:

nano (3Sat)

Fakt (Das Erste): Umstrittenes Pflanzenschutzmittel Glyphosat: Bundesinstitut hat falsch informiert
http://www.mdr.de/fakt/fakt-glyphosat-bfr-bewertung102.html

 

Links

Informationen, Anregungen und Tipps fürs tägliche „Bio“ und mehr finden Sie unter
www.bund-berlin.de/bio

Weitere Informationen zu Gefahren durch Glyphosat und der Einschätzung der WHO-Experten finden Sie unter:
http://www.bund.net/themen_und_projekte/chemie/pestizide/wirkstoffe/glyphosat/
http://www.umweltinstitut.org/themen/landwirtschaft/pestizide/glyphosat.html

Ein Kommentar

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  1. Hallo,

    aus, wie man ohne weiteres sagen kann, beruflichen Gründen interessiere ich mich selbst für Umweltschutzfragen. Die Punkte, die Sie in Ihrem Artikel anbringen, sind plausibel. Der hiesige Umgang mit den Themen Umwelt und Nahrungsmittel erscheint mir auf privater Ebene oft unreflektiert und auf öffentlicher Ebene doppelmoralisch. Das von Ihnen beschriebene, geradezu reflexhafte Panikverhalten, hinsichtlich sich verteuernder Lebensmittelpreise spiegelt meines Erachtens die Realität wider.

    Eine Realität aber, die „wir“ selbst geschaffen haben. Supermärkte und Discounter überbieten sich, „billiger! billiger!“, zu schreien.

    Und die Verbraucher kaufen brav. Da das Geld knapp ist, werden die günstigen Preise für Milch, Fleisch, Käse, Gemüse und Süßes dankend angenommen – da viel gearbeitet werden muss, Miete, Krankenversicherung und Sozialversicherung geleistet werden müssen, dann vielleicht auch noch ein oder mehrere Kinder ernährt werden müssen. Natürlich, dürfte dem einen oder anderen klar sein, dass Pesto für 1,19 EUR in Wirklichkeit nicht „echt italienisch“ oder „wie hausgemacht“ sein kann. Aber es kostet eben nur 1,19 und mit der „italienischen“ „Pasta“ aus dem Nudelregal für 80 Cent hat man dann schon ein komplettes „gesundes“ Abendessen. Das ist die Verbraucher-Seite.

    Die Märkte haben ein damit korrelierendes Problem. Ihr Ziel ist kontinuierliches Wachstum und die Vergrößerung des eigenen Marktanteils. Kunden gewinnt man über den Preis und die Qualität – die einen Kunden mehr über das erstere, die anderen, mehr über das zweite. Also wird behauptet: „Wir bieten „Qualität“ und „das günstigste Produkt“!“ Zugleich wird, wie Sie es ja beschreiben, Druck auf die Zulieferer gemacht – in drei Hinsichten: a) Preis b) Quantität c) Qualität. c) äußert sich in den zum Teil absurden Anforderungen, die schon allein an die Optik des Obst und Gemüses gestellt werden. Da muss eine Ankündigung wie die von Penny, jetzt auch „nicht so hübsch gewachsenes“ Gemüse verkaufen zu wollen, schon als geradezu „revolutionärer“ Schritt gesehen werden – hierüber berichtet aktuell der Supermarktblog: http://www.supermarktblog.com/2016/04/15/bei-penny-kommt-kuenftig-auch-nichtnormgemuese-in-die-tuete/

    Das Ziel der Supermärkte ist klar: Umsatz- und Gewinnmaximierung. Und wenn, wie Sie beschreiben, Glyphosat-Einsatz dabei „hilft“, die Annäherung an dieses Ziel weiter zu erreichen, wird es eine große Glyphosat-Lobby geben. Eventuell haben Sie das Spiegel-Interview mit Andreas Hensel gelesen? Das war die Print-Ausgabe vom 12.03. (Nr.11). Hr. Hensel ist der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung und ganz offensichtlich ein cleverer Akteur im Dienste des Lebensmittelindustrie-Lobbyisten. Nein, natürlich, das darf man so einfach nicht sagen, aber es ist schon auffällig, wie er sich in dem Interview die Ängst der Verbraucher vor Glyphosat zu zerstreuen versucht.

    Nur zwei Zitate: „Um eine kritische Menge Glyphosat aufzunehmen, müssten Sie etwa 1000 Liter Bier trinken, und zwar täglich. Ich bezweifle, dass Sie das schaffen. Und falls doch, wäre Glyphosat wirklich Ihr geringstes Problem.“ Das ist auf seine süffisante Weise durchaus memorabel.
    „Glyphosat wird seit über 40 Jahren in der Landwirtschaft eingesetzt, ohne dass es auch nur einen einzigen ernst zu nehmenden Hinweis auf schädliche Nebenwirkungen für den Menschen gibt. Es ist noch nicht einmal besonders giftig. (…) Die tödlichen Dosen von Glyphosat und Kochsalz liegen in der gleichen Dimension.“

    Letztlich steht hier also Aussage gegen Aussage. Wenn Sie das Interview noch nicht gelesen haben, sollten Sie es vielleicht mal tun. Herr Hensel wirkt auf jeden Fall wie jemand, der weiß, wovon er spricht. Eine Eigenschaft, die er selbst im übrigen vielen Verbrauchern nicht zutraut. Mit diesem denkwürdigen Zitat möchte ich meinen Kommentar abschließen. Auf die Spiegel-Frage, ob es nicht gut ist, dass viele Menschen „einfach keine Chemie im Essen“ wollen, antwortet er: „Viele Menschen waren in der Schule leider auch sehr schlecht in Chemie, sonst wüssten sie, dass eigentlich alles auf der Welt, sogar ihr Körper, ausschließlich aus Chemie besteht. Ich komme bei diesem Thema gern auf Dihydrogenmonoxid zu sprechen: einen Stoff, der in der Lebensmittelindustrie häufig als Lösungsmittel verwendet wird.“

    Angesichts dessen, dass hier auch in Zukunft große Grabenkämpfe zu erwarten sind: Es wird spannend bleiben, zu beobachten, in welche Richtung sich das private, öffentliche und industrielle Umweltbewusstsein entwickelt. Mit freundlichen Grüßen: Tina von CDZ Berlin

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