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Radfahren „like German people“

Bei den BIKEYGEES‬ gibt es „Cycling lessons for ladies in Berlin“

Zugegeben, wenn man es das erste Mal sieht, denkt man sich: So oder so ähnlich muss auch der Pioniergeist von „Those magnificent Men in their Flying Machines“ damals in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein, als die Flugpioniere mit ihren tollkühnen Kisten absolutes Neuland betraten und mit ihren abenteuerlichen Flugmanövern die Herzen der Menschen eroberten. Jetzt also BIKEYGEES oder um im Bild zu bleiben: „Tollkühne Syrerinnen auf ihren rollenden Rädern“ – ein Fahrradfahr-Lernprojekt, geprägt von ähnlichem Pioniergeist, für geflüchtete Frauen und unterstützt vom BUND Berlin.

Im Berliner Gleisdreieck-Park gibt es seit einiger Zeit nun dieses tolle, unterstützenswerte Projekt, bei dem geflüchtete Frauen das Fahrradfahren lernen können. Gerade für Frauen muslimischer Herkunft ist es eine ganz neue Erfahrung, weil Fahrrad fahren in ihren Ländern oftmals unter nicht eben günstigen Bedingungen stattfindet. Wenn überhaupt. Radverkehrstaugliche Infrastruktur ist meistens absolute Mangelware in den auch auto-dominierten Verkehrsplanungen dieser Länder. Hinzu kommen dann noch kulturelle Vorbehalte: In vielen der betroffenen Länder wird Fahrrad fahren oftmals als nicht sehr cool angesehen. Jetzt treffen diese Frauen z.B. in Berlin also auf eine Zivilgesellschaft, in der das Fahrrad zwar im alltäglichen Dasein und mit der speziellen Berliner Verkehrspolitik auch immer noch so manchen Strauß auszufechten hat – eines ist aber unstrittig: Als Fortbewegungsmittel ist das Fahrrad bzw. das Fahrradfahren bei uns gesellschaftlich allgemein anerkannt und akzeptiert, egal wie alt oder welchen Geschlechts die Fahrradfahrer nun sind. Viele der geflüchteten Frauen erkennen, dass das Fahrrad als Fortbewegungsmittel einen praktischen Nutzwert, aber eben auch individuelle Freiheit bietet, ohne dafür den finanziellen Aufwand wie bspw. für ein Auto leisten zu müssen.

An der Stelle kommen nun Katie Griggs, Annette Krüger und Anne Seebach ins Spiel, die die Idee, kostenlose Fahrradkurse für geflüchtete Frauen anzubieten, seit einiger Zeit in Berlin tatkräftig umsetzen. Das trifft den Nerv vieler geflüchteter Frauen. Zudem ist es vorbildlich, was das Thema Integration anbelangt. Menschen kommen sich über das Thema Fahrradfahren näher und lernen sich kennen und schätzen. Wir beim BUND fanden die Idee sehr charmant und wegen des Fahrradthemas auch gut zu unserer Ausrichtung passend, so dass wir im letzten Dezember entschieden haben, die BIKEYGEES zu unterstützen. Nachfolgend ein Interview mit Katie Griggs, eine der Initiatorinnen des Projekts, um zu erfahren wie der Stand der Dinge bei den BIKEYGEES ist.

Interview mit den #BIKEYGEES

BIKEYGEES: Katie Griggs, Anne Seebach, Annette Krüger (v.l.n.r.)
BIKEYGEES: Katie Griggs, Anne Seebach, Annette Krüger (v.l.n.r.) – (c) Leni Moretti

Umweltzone Berlin: Katie, wie ist es zu dieser Idee mit den „Cycling lessons for ladies in Berlin“ gekommen und wann seid Ihr dann damit gestartet?

Katie Griggs: In Juni 2015 habe ich eine geflüchtete Frau aus Nigeria bei mir untergebracht (durch Flüchtlinge Wilkommen e.V.). Sie war erst seit einer Woche in Berlin und hat bemerkt, wie alle Leute hier mit Fahrrad unterwegs sind.  Sie wollte auch Fahrrad fahren, aber hat es niemals gelernt, weshalb wir es einmal versucht haben, aber dann wurde sie vom BAMF (Anm. d. Red.: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) aus Berlin weg geschickt und wir konnten nicht mehr weiter üben. Ich habe einen Blog über unsere Freundschaft geschrieben.
Nach und nach habe ich andere Frauen aus Syrien und Afrika kennengelernt und sie haben mich auch gefragt, wo man kostenlosen Fahrradfahrunterricht bekommen kann. Ich habe nichts gefunden und deshalb dachte ich, wie schwierig kann es sein, jemand zu unterrichten? Ich habe mich spontan mit einer Frau in Park verabredet und  meine fahrradfahrenden Freundinnen auch eingeladen. Über Facebook wurde das auch an viele Notunterkünfte weitergegeben. Beim ersten Treff am 17 Okt 2015 kamen schon über 12 Frauen. Meistens auf Syrien und Deutschland.

Im Dezember 2015 ward Ihr bei uns in der BUND-Landesgeschäftsstelle Berlin-Schöneberg und habt Euer Projekt kurz vorgestellt. Was hat sich seitdem getan?

Mehrere Treffen im Park und bei der Notunterkunft Moabit – noch ca 35 weitere Frauen haben Fahrradfahren gelernt und geübt. Viele Kinder haben auch teilgenommen und wir haben mehrere Kinderfahrräder zur Verfügung stellen können. War echt viel Spaß. Wir haben auch einen sicheren Lagerraum bekommen, wo wir unser Fahrräder abstellen können. 15 gespendete Fahrräder wurden abgeholt, repariert und im Januar bekam eine Frau aus Syrien ein Helm und Fahrrad (durch unser Crowdfunding). Weiterhin geplant ist die Organisation des Besuchs einer Verkehrsschule (Ende Februar 2016). Und wir waren in der Tagesschau (siehe Videobeitrag oben) und auch auf AJ, wo 1.7 Millionen Menschen den Film über #BIKEYGEES online geschaut haben. Weitere News gibt es auf der Betterplace.org-Seite (auf Englisch).

Wie sind Eure Erfahrungen mit den Frauen bei den Fahrradlernkursen? Wie nehmen sie Euer Angebot wahr? Erzähle uns bitte etwas von der Atmosphäre.

Wir alle, freiwillige Hilferinnen und Teilnehmerinnen schätzen unsere zusammen erlebte Zeit sehr. Jedes mal kommen neue Frauen zu uns und lernen oft innerhalb von 30 Minuten – das Erfolgsgefühl, das wir alle dadurch erleben, ist nicht zu toppen. Beim ersten Mal kamen mir die Tränen durch Fröhlichkeit, weil ich es nicht erwartet hatte, wie schön es sein könnte, jemandem das Fahrradfahren beizubringen. Aber noch mehr Belohnung ist es, wenn Frauen, die wochenlang üben, es am Ende auch wirklich schaffen 🙂  Die Teilnehmerinnen haben unser Angebot durch Internet-Suche oder Anzeige/Meldung in der Notunterkunft erfahren. Oder wir gehen direkt zur Notunterkunft und holen sie ab. Die Atmosphäre ist sehr schön und viele Teilnehmerinnen und Freiwillige kommen so oft wie möglich. Bald können die ersten Teilnehmerinnen anderen Frauen das Fahrrad fahren selbst beibringen.

In Berlin gibt es ja starke Diskussionen darüber wie in der Stadt mit geflüchtete Menschen umgegangen wird (Stichworte z.B.: LaGeSo und Tempelhof) – merkt Ihr davon etwas in Eurem Projekt?

Ich habe Coaching Workshops mit einigen Teilnehmerinnen  durchgeführt. Als Hauptergebnis haben wir festgestellt, dass am wichtigsten für alle wäre, feste Wohnsitze zu haben. Leider ist es schwierig in Berlin. Deshalb mache ich gerne ein Wohnprojekt und will ein Wohnhaus kaufen – falls also jemand 4 Millionen EUR zur Verfügung stellen würde, dann bitte bei mir melden. 🙂  Fast genau so wichtig wie Wohnungen wäre aber Deutschunterricht – alle lernen zwar Deutsch, aber um eine täglichen Intensivkurs machen zu können, müssten sie das privat bezahlen. Und oft ist es wegen der LaGeSo-Besuche (sie müssen mehrmals zum LaGeSo – oft auch über Nacht – und dort Schlange stehen) unterbrochen.

Seid Ihr gut mit anderen Flüchtlingsinitiativen vernetzt oder wünscht Ihr Euch da ggf. noch Verbesserungen und mehr Unterstützung? Oder vielleicht auch staatliche Hilfe?

Wir sind mit verschiedene Initiativen vernetzt  u.a. Rückenwind und Give Something Back to Berlin. Wir überlegen gerade, zusammen mit Teilnehmerinnen wie wir es am besten weiter machen sollen. Seit Dezember treffen wir uns mit zwei anderen Frauen, die die gleiche Idee gehabt haben: Fahrrad Fahren für geflüchtete Frauen. Wir treffen uns regelmäßig, um über alles zu sprechen.

Ihr habt mittlerweile auch Einiges an medialer Aufmerksamkeit erhalten. Wie war das für Euch und wie macht sich das in der allgemeinen Resonanz für Euer Projekt bemerkbar?

Ja war schön, dass wir innerhalb von so einer kurzen Zeit eine globale Resonanz bekommen haben. Nachrichten kamen aus Chile und Hong Kong und sogar Spenden an unser Crowdfunding! Es freut uns sehr, dass wir unsere Freude verbreiten können.

Du selbst kommst aus England und hast beim BUND die Schulung zur Energiesparberaterin durchlaufen – warum hat es Dich ursprünglich mal nach Deutschland/Berlin verschlagen und welche Themen treiben Dich sonst noch so um?

Meine Oma war Deutsche und hat ein paar Jahre in Berlin gelebt. Sie hat oft darüber erzählt und ich wollte es auch mal erleben. Eigentlich hatten wir (ich und mein Mann, auch aus GB) vor, nur ein Jahr hier zu bleiben, aber das war vor zehn Jahren! Berlin ist ein sehr tolle Stadt und ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu wohnen. Ich interessiere mich noch für Klimaschutz und Umweltprojekte – und ich bin immer noch leidenschaftliche Energiesparerin.

Welche Unterstützung braucht Ihr für Euer Projekt noch und wie kann man mit Euch in Kontakt treten, wenn man helfen möchte?

Am besten, bitte unsere Facebook-Seite liken, denn da posten wir alle Infos über Veranstaltungen. Wenn jemand ein altes Fahrrad spenden möchte oder als Freiwilliger teilnehmen möchte – oder sogar selbst Fahrradfahren lernen will, dann bitte eine Nachricht über Facebook schicken oder eine E-Mail an katie [at] bikeygees.org

Betterplace.org:
https://www.betterplace.org/de/projects/35217-bikeygees-fahrrad-fahrunterricht-und-fahrrader-fur-frauen-in-berlin

Facebook:
https://www.facebook.com/bikeygeesberlin

oder
www.bikeygees.org

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