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Das Glück liegt auf der Wiese

20 Jahre BUND-Streuobstwiese - Interview mit Eckart Klaffke, ehrenamtlicher Sprecher des Arbeitskreises

Alte und junge Obstbäume auf einer Streuobstwiese, Trockenrasen und knorzige Robinien: das und vieles mehr bietet die BUND-Streuobstwiese im Südwesten Berlins bei Teltow-Ruhlsdorf, die der BUND Berlin seit über 20 Jahren gepachtet hat. Die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des BUND kümmern sich um das 12 Hektar große Gelände und bieten naturkundliche Veranstaltungen an, bei denen das Zusammenleben von Mensch, Tieren und Pflanzen im Vordergrund steht.

 

Porträt EckartLesen Sie das Interview mit Echart Klaffke. Er ist der Sprecher des ehrenamtlichen Arbeitskreis und es gibt wohl kaum jemanden, der die BUND-Streuobstwiese besser kennt als er.

Umweltzone: Eckart, du bist der Entdecker der Streuobstwiese in Standsdorf. Wie hast du sie gefunden? Und wie hat sich die Idee der BUND-Streuobstwiese entwickelt?

Eckart Klaffke: „Nachdem ich die Crellestr. 35 als Arbeitnehmer des BUND Berlin im Sommer 1993 verlassen hatte, verschlug es mich als Landschaftsplaner zu einem Planungsbüro nach Stahnsdorf. Das war seinerzeit nahe meiner damaligen Wohnung in Zehlendorf. Von der BUND Bezirksgruppe Zehlendorf hatten wir in der Wendezeit Kontakte zu Naturschützern in den DDR-Nachbargemeinden wie Kleinmachnow oder Stahnsdorf geknüpft. Diese Ortschaften entwickelten nach 1990 – sicher auch durch einige „Berater“ aus dem Westen – z.T. völlig überzogene Planungen für ihre Ortsentwicklung. So sollte das damals brachliegende, aber in der Substanz wertvolle Obstwiesengelände zum Entsetzen der örtlichen Naturschützer plattgemacht werden und zum Standort für Entsorgung- und Recyclingbetriebe werden.
Gemeinsam mit den Naturfreunden vor Ort und dem BUND Berlin entwickelten wir einen Plan zur Anpachtung des Geländes und zur Revitalisierung der alten Streuobstwiese durch ein ABM-Projekt des BUND sowie die Bewirtschaftung des Obstbaumbestandes durch einen Bio-Bauern aus der Nachbarschaft. Gemeinsam konnten wir die wieder gegründete Berliner Stadtgüter GmbH als Flächenbesitzer überzeugen, mit dem BUND einen langfristigen Pachtvertrag abzuschließen, der erst im Herbst 2015 um weitere 16 Jahre verlängert wurde.“

Woher nimmst du die Motivation, dich seit über 20 Jahren für dieses
Projekt zu engagieren? Was bedeutet dir die Wiese?

„Das frage ich mich auch manchmal. Aber wenn ich dort bin, ist doch immer wieder eine große Faszination da, die von diesem sehr vielfältigen Gelände mit Brachflächen und Waldbereichen und eben den Streuobstwiesen mit bis zu 90 Jahre alten Obstbäumen. Das Areal ist ein wichtiges Trittstein-Biotop im Regionalpark Teltow. Streuobstwiesen zumal mit alten Bäumen sind ein echter Schatz, den uns frühere Generationen überlassen haben. Sie stellen das mit Abstand artenreichste Kulturbiotop in unserem Landschaftsraum dar, und in Brandenburg gibt es nicht sehr viele von dieser Qualität.
Aber so ein Lebensraum ist nicht zu erhalten wie ein Totalreservat etwa im Wald, im Moor oder im Wattenmeer, in dem man ihn der natürlichen Entwicklung überlässt. Vielmehr bedarf er der fachgerechten Gestaltung, Pflege und Nutzung. Das ist eine Aufgabe, die sehr motiviert und mit der auch eine große Verantwortung verbunden ist.“

Wie hat sich das Projekt /die Wiese in den Jahren verändert bzw. entwickelt?

„Nachdem das ABM-Projekt so um die Jahrtausendwende auslief, verblieb viele Jahre nur die Arbeit durch den ehrenamtlichen Arbeitskreis und die Umweltbildungsveranstaltungen. An der Reaktion auf unsere Forderungen merkten wir, dass das Projekt für den Landesverband und die Geschäftsführung keine besondere Bedeutung hatte.
Der Unterpächter hatte die Bäume während seiner fast 18jährigen Pachtzeit nicht fachgerecht gepflegt, die Obstwiesen machten einen vernachlässigten Eindruck. So war es eine echte Befreiung und eine große Chance, als wir uns auch Dank des seinerzeitigen Geschäftsführers Andreas Jarfe im Jahr 2013 vom Unterpächter trennen konnten und plötzlich für die gesamte Obstwiesenfläche zuständig waren. Erst seitdem können wir auf alle Bäume zugreifen und alle Wiesenflächen zur Schafsbeweidung nutzen. Erst jetzt konnten wir mit der Vielfalt und Schönheit des gesamten Geländes werben, konnten in ganz anderen Größenordnungen Apfelsaft herstellen und ein Nutzungskonzept entwerfen, das der Bedeutung des nach Brandenburgischem Naturschutzgesetz geschützten Biotops gerecht wird und mit dem wir Voraussetzungen für den langfristigen Erhalt schaffen.
Wenn ich wir sage, dann muss ich mindestens gleichwertig auch unsere Schäferin Sigi und unseren Baumwart Benedikt nennen. Auch dank ihres Engagements und Sachverstandes wird nach und nach eine solide Grundlage für die Bewirtschaftung, Pflege und Verjüngung der Streuobstwiese geschaffen. Nur so haben wir die Perspektive, die Qualität der Fläche langfristig zu erhalten und später mal an kommende Generationen zu übergeben. Der neue Pachtvertrag reicht bis 2033, wer weiß, wer dann noch dabei ist.
Eine dauerhafte Aufgabe für einen Naturschutzverband wie den BUND ist dabei, Begeisterung und Interesse für die ehrenamtliche Mitarbeit bei diesem Projekt zu wecken, damit unserer Arbeit auch zukünftig von engagierte und fachkundigen Menschen getragen werden kann.“

Wie viele Menschen machen mit und was glaubst du, warum?

„Da ist auf der einen Seite der monatliche Arbeitseinsatz an jedem zweiten Sonntag im Monat. Da wächst der Kreis der Aktiven langsam, aber beständig an. Wenn das Wetter nicht allzu kalt oder zu heiß ist, sind wir schon häufig mit zehn oder mehr Leuten fast jeden Alters dort – bei verschiedensten Arbeiten der Baum- und Wiesenpflege.
Auf der anderen Seite stehen die Ernteeinsätze, da sind z.B. im letzten Herbst bei mehreren Terminen über 30 HelferInnen dabei gewesen.

Die Motivation ist sicher sehr unterschiedlich. Wer in der Stadt wohnt, sucht – als Kontrast zum engen Wohnumfeld oder zum beruflichen Alltag – eine sinnvolle Tätigkeit gemeinsame mit netten Leuten an frischer Luft. Das können wir auf jeden Fall bieten, manchmal auch mit durchaus sportlichem Aspekt. Wem die verschiedenen Aspekte des Naturschutzes wichtig sind, wer ein Faible für Streuobstwiesen hat, wer die Ruhe und Weite unseres Geländes schätzt, der hat sicher noch ein paar Gründe mehr, zur einen oder anderen Gelegenheit bei uns mitzuwirken.

Nicht zuletzt hat sich auch gezeigt, dass wir ein sehr familienfreundliches Projekt sind, da kann man auch Kinder jeden Alters mitbringen, die können sich dort ungefährdet bewegen, mithelfen oder ihre eigenen Entdeckungen machen.

Mit all diesen Angeboten werden die Betätigungsmöglichkeiten beim BUND Berlin sicher sinnvoll ergänzt, es sind viele Mitglieder, Funktionsträger und auch MitarbeiterInnen in Ihrer Freizeit dort. Sie betrachten das Projekt nach meiner Beobachtung auch als Teil unseres Verbandes, suchen den Erfahrungsaustausch. Hintergrund für das Interesse der Mitglieder an dem ländlichen, aber stadtnahen Projekt Streuobstwiese ist sicher auch, dass es mittlerweile ein wichtiger imageprägender Baustein im Selbstverständnis unseres stark stadtgeprägten Umweltverbandes ist.“

Hat die Streuobstwiese dein Leben verändert und wenn ja, in welcher
Weise?

„Leben verändert – das ist mir eine Nummer zu groß. Sicher verbringe ich viele Zeit dort oder mit Planung und Koordination rund um das Projekt. Als Landschaftsplaner und gelernten Gärtner bringt es mich eher wieder in einen früheren Tätigkeitsbereich zurück.“

Machen Streuobstwiesen glücklich?

„Eine interessante Frage. Glück ist je etwas sehr Individuelles.
Die einen sind mehr entzückt vom Anblick blühender Kirsch- und Apfelbäume, die anderen macht die Apfelernte oder andere sichtbar gelungene Arbeit zufrieden. Wieder andere schätzen es, wenn sie was für den Naturschutz getan habe, die nächsten vergessen sich beim Gezwitscher von Kleibern, Meisen oder Feldlerchen. Und auf viele wirken Farben, Düfte und Geräusche wie ein harmonisches, ja sogar erotisches Gefüge.
Das Bild, was beim Begriff „Streuobstwiese“ entsteht, knüpft sicher auch an Vorstellungen vom idyllischen Landleben an. Das ist sicher den meisten von uns nicht fremd und verweist auf die Zeit der Romantik und die Anfänge der Naturschutzbewegung zurück. Nicht der vom Landleben geprägte Mensch, erst der dieser Erfahrung entrückte Stadtbewohner besinnt sich auf das was er vermisst. Er macht es einerseits zum Teil seiner Träume, und entwickelt andererseits ein Bewusstsein von seinem Wert.
Manche sagen auch, dass sie wegen einer gewisse Ruhe und Weltabgewandtheit dort sind, die unser Stahnsdorfer Gelände ausstrahlt. Aber ich hoffe doch und bin sicher, dass der Blick auf die Realitäten bei uns nicht nachhaltig getrübt wird.“

 

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Haben Sie Lust bekommen haben, bei der Pflege und Weiterentwicklung der Streuobstwiese mitzumachen? Das Streuobstwiesenteam lädt Sie herzlich ein, einmal unverbindlich vorbeizuschauen.
Oder besuchen Sie das Streuobstwiesenfest am 5. Juni.
Lage und weitere Infos unter: streuobst@BUND-Berlin.de

Sie können die Streuobstwiese auch schmecken: Wir verkaufen Streuobstwiesen- Apfelsaft oder Honig an Selbstabholer in der BUND-Landesgeschäftsstelle, Crellestr. 35, Berlin Schöneberg:
http://www.bund-berlin.de/apfelsaft

http://www.bund-berlin.de/honig

Link zur Streuobstwiese:
www.bund-berlin.de/bund_berlinde/home/naturschutz/streuobstwiese.html

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