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Radfahren muss gelernt werden

Montag morgen 9 Uhr in der Jugendverkehrsschule Wilmersdorf: Lena (9 Jahre) ist kaum mit ihrem Rad zu stoppen, sicher fährt sie die Strecke, bremst vor der angelegten Kreuzung, guckt in beide Richtungen und fährt dann los. Einärmig lenkt sie ihr Rad souverän um die Kurve, voll konzentriert darauf, keinen Fehler zu machen – mit dem richtigen Arm das Ablenken anzuzeigen. Bei Karl (10 Jahre) sieht das ganz anders aus, er kämpft mit dem Rad und ist schon ganz glücklich, wenn er beim Anfahren das Gleichgewicht hält. Schon mit beiden Händen am Lenker, sieht das einfache Geradeausfahren noch sehr wackelig aus, an einhändiges Lenken ist überhaupt nicht zu denken. Bevor Karl sich mit Verkehrsregeln auseinandersetzen kann, muss er erst noch mal das Radfahren richtig beherrschen. So geht es ihm nicht alleine, auch andere Kinder aus seiner Klasse sind das Radfahren gar nicht gewöhnt. Und die Radfahrprüfung soll schon in drei Wochen stattfinden, für Lena wahrscheinlich keine große Hürde, bei Karl wird’s eher schwierig.

Lena und Karl gehören zu den 28.000 Berliner Viertklässlern, die zurzeit ihre Radfahrprüfung ablegen, die allermeisten von ihnen bekommen den Radfahrschein ausgehändigt.
… und dann passieren die Unfälle. Was läuft da schief?

Radfahrprüfung gaukelt Sicherheit vor – ohne Eltern geht es nicht

Erstens bedeutet die bestandene Radfahrprüfung noch lange nicht, dass die Kinder sicher im Straßenverkehr Rad fahren können.
Zweitens müssen Kinder ab 10 die Fahrbahn benutzen, wenn kein Radweg vorhanden ist  – bis dahin dürfen sie auf dem Gehweg fahren.
Zum sicheren Radfahren gehört weit mehr als die Radfahrausbildung in der Schule. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist gut und wichtig, dass wir diese haben; genauso wichtig wie die Jugendverkehrsschulen in diesem Zusammenhang sind. Aber das alleine reicht nicht. Die Lehrerinnen und Lehrer können sich mit Unterstützung der Polizei und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendverkehrsschulen noch so viel Mühe bei der Radfahrausbildung geben, ohne die Eltern geht es nicht.

Es ist ihre Aufgabe, ihren Kindern das Radfahren beizubringen und mit ihnen zu üben. Ebenso wie sie ihnen das richtige Verhalten im Straßenverkehr nahe bringen müssen. Die Radfahrausbildung in der Schule kann nur dann sinnvoll umgesetzt werden, wenn die Kinder die motorischen Fähigkeiten zum Radfahren besitzen.
Viele Kinder können heute nicht mehr Rad fahren, wenn die schulische Radfahrausbildung beginnt (meist in der vierten Klasse, manchmal sinnvollerweise bereits in der dritten Klasse, wie es die Grundschulverordnung vorsieht); es mangelt vielen an motorischen Fähigkeiten, weil sie sich nicht mehr so viel im Freien austoben können wie das früher der Fall war (Kinder sind heute nur noch rund eine Stunde am Tag draußen; vor 30 Jahren waren es noch 4 Stunden). Nicht nur, dass Eltern heutzutage mehr Angst haben, ihre Kinder alleine rauszulassen. Es gibt in der Stadt auch immer weniger Raum zum Spielen. Wenn es um den Platz geht, könnte man meinen, Autos wären uns wichtiger als unsere Kinder…

Auch wissen viele Kinder nicht, wie man sich im Straßenverkehr richtig verhält. Das lernt man nicht im Elterntaxi, sondern nur wenn man sich aktiv in eben jenem Straßenverkehr bewegt – zunächst zu Fuß in Begleitung der Eltern und dann zunehmend auch alleine oder mit Freunden.

Bezirke und Senatsverwaltung müssen an einem Strang ziehen

Viele Lehrkräfte sind nicht ausreichend auf die Aufgabe vorbereitet, die Radfahrausbildung durchzuführen. Als Thema in der LehrerInnenausbildung sucht man es meist vergebens.

Die Jugendverkehrsschulen, in denen die Radfahrprüfung in der Regel stattfindet, sind ein Schonraum, der zwar zum Üben wichtig ist und wo die Kinder das Rad gefahrlos sicher beherrschen lernen können. Das alleine reicht aber nicht, denn es fehlt in der Regel an der Übertragung auf die reale Situation auf der Straße. In der Jugendverkehrsschule kommt eben nie ein Auto unvorhergesehen aus der Einfahrt. Zum Glück kombinieren immer wieder einzelne Schulen mit Unterstützung der Polizei das Training in der Jugendverkehrsschule mit Übungen zum Fahren und der Prüfung in der Verkehrswirklichkeit, dem Schulumfeld, in dem die Kinder dann ja später alleine fahren sollen.

Die Klasse 4d der Reinhardswald-Grundschule hat ihre Radfahrprüfung im Schulumfeld abgelegt: Gneisenaustraße, Südstern, Blücherstraße, Baerwaldstraße. Auch das geht und bereitet die Kinder viel besser auf den Straßenverkehr vor. Für viele eine Herausforderung, verbunden mit viel Arbeit und intensiver Vorbereitung, aber es lohnt sich! Darüber sind sich alle Beteiligten einig. Zuvor hat die Klasse ein paarmal in der Jugendverkehrsschule geübt und dann mit Unterstützung von Eltern und der Polizei mehrere Tage lang in der Schulumgebung.  Ein Junge brachte es auf den Punkt: Er habe sich am Anfang der Woche unsicher gefühlt, wurde dann aber immer sicherer. Am Ende haben alle Kinder die Prüfung bestanden und sind stolz wie Bolle.

Die Jugendverkehrsschulen sind ihrerseits ein Problem. Es fehlt an festangestelltem, pädagogisch geschultem Personal und auch der Zustand ist oft marode. Hier wird der Schwarze Peter immer hin und her geschoben zwischen Bezirken und Senat. Es müssen aber beide mitziehen. Die Bezirke müssen die Aufgabe ernst nehmen und die mögliche Unterstützung durch den Senat einfordern, der das Problem zwar endlich angeht, aber noch zu zaghaft agiert. Jugendverkehrsschulen müssen unbedingt auch an den Nachmittagen und am Wochenende geöffnet haben, damit Kinder wie Karl dort Radfahren üben können.

Forderungen des BUND zur Radfahrausbildung:

  • Alle Jugendverkehrsschulen erhalten und ausreichende Öffnungszeiten auch am Nachmittag und den Wochenenden gewährleisten
  • pädagogisch geschultes Stamm-Personal in den Jugendverkehrsschulen
  • Die Jugendverkehrsschulen sowie die Ausstattung mit Fahrrädern und weiteren Fahrzeugen müssen in einem gut nutzbaren Zustand sein
  • Die Radfahrausbildung muss in der Ausbildung von LehrerInnen fest verankert sein
  • Mehr Platz für Kinder zum sicheren Radfahren und zum Spielen in der Stadt

Zum Thema
http://www.bund-berlin.de/bund_berlinde/presse/pressemitteilungen/einzelansicht/artikel/bund-radfahrende-kinder-in-gefahr/Verkehrsschulen.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=1973&cHash=9a53be69e8c4fed79d8b3241b0c1907c
www.mobilitaetserziehung-berlin.de

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