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Berlin – schon ganz lull und lolla?

Das Lollapalooza-Festival im Treptower Park

„365/24“ – Berlin verspricht mit diesem Code ein rastloses Party- und Kulturerlebnis. Täglich, zu jeder Tages- und Nachtzeit – Ruhezeiten sind nicht mehr zeitgemäß für eine Kulturmetropole. Ein vollmundiges Versprechen, mit welchem Gäste aus aller Welt angelockt werden, um hier Kunst & Kultur für jeden Geschmack und Geldbeutel zu erleben.

„Grün und blau“ – Berlin gilt mit diesen Adjektiven auch als die grünste Metropole Europas. Zu jeder Jahreszeit geben 16.365 Hektar Wald, 60 Quadratkilometer Wasser und rund 2.500 Grünanlagen die grüne Beilage zu all dem Trubel und sollen ganz nebenbei Erholung für die BerlinerInnen und Nischen für Flora und Fauna bieten.

Leider schafft es Berlin nicht, die Balance zwischen allen Ansprüchen und Attributen zu wahren. Während die Kulisse für Touristen mit viel Aufwand inszeniert wird, verkommen unsere innerstädtischen grünen Lungen jenseits der wilhelminischen Pracht. Oder gehört der Shabby-Look auch zum Image einer Kulturmetropole? Bei steigendem vielfältigen Nutzungsdruck in den öffentlichen Grünanlagen in Kombination mit chronisch ressourcenschwachen Fachämtern stellt sich die Frage, inwieweit Großveranstaltungen in Parks verträglich und zeitgemäß sind? Wie lässt es sich den BerlinerInnen erklären, dass ihre wohnortnahe Grünanlage, wie der Treptower Park für das Lollapalooza-Festival, für einige Wochen nicht zur Freizeit- und Erholungsnutzung erlebbar ist? Und sind erhebliche Beeinträchtigungen im Wohnumfeld einer Großveranstaltung aufgrund eines „überwiegend öffentlichen Interesses“ zumutbar? Wenn Berlin der Chiffre „365/24“ gerecht werden möchte, muss es künftig Veranstaltungsflächen ausweisen, welche keine Konflikte mit Lärm, Emission, Verkehr und Natur- und Artenschutz aufweisen!

zaunNach einem monatelangen Genehmigungs-Prozedere und ausgeklügelten Auflagen lässt sich zwar auf den ersten Blick konstatieren, dass es aufgrund der konsequenten Einzäunung der Themengärten, des Spreeufers, des Sowjetischen Ehrenmals sowie größtenteils der Gehölzbestände keine schweren Schäden an der Vegetation gibt. Jedoch stellt sich weiterhin die Frage, ob nicht-sichtbare Schäden, wie an der belebten Bodenschicht, Verdichtung, Stickstoffeintrag, Vergrämung von Tieren überhaupt eruiert werden können? Das aufgrund 280.000 tanzender Füße und schwerem Gerät der märkische Sand unter den Rasen- und Wiesenflächen zu Tage kommt, war unvermeidbar. Praktisch, dass es nun pünktlich zur IGA 2017 aufgehübschte Liegewiesen im Treptower Park geben wird. Schade, um die seit Jahren extensiv gepflegten Wiesenbereiche. Deren biologische Vielfalt musste der Logistik für das Festival weichen.

muelltonnenSpätestens Sonntagnachmittag war glücklicherweise der staubige Boden von einer Schicht aus Müll bedeckt. Die aufgestellten Mülleimer wurden nicht mehr ausreichend geleert, es bildeten sich um sie Installationen von Müll und verteilen sich in der Landschaft. Klar, Müll lässt sich entsorgen, Rasen säen und auch im Alltag muss das Areal als klassische Grünanlage Urineintrag, Klettern in den Bäumen und so manch anderes wegstecken. Eine großstädtische Parkanlage darf generell nicht zimperlich sein. Wenn sie so großzügig restauriert und verhätschelt wird, wie das Gartendenkmal Treptower Park, dann packt sie das auch mal – irgendwie. Das weiß auch der Großstadtigel und hat sich das Areal trotz Nutzungsintensität als Hotspot ausgesucht. Spannend bleibt, wie er den ungewohnten Trubel vertragen hat. Seine tierischen Nachbarn um den Karpfenteich hatten es besser, denn das rund 24 Hektar große Gebiet wurde eingezäunt und blieb somit von Kollateralschäden verschont.

Zimperlich durften auch die AnwohnerInnen nicht sein. Die verkehrlichen Auswirkungen von Lollapalooza waren enorm und im gesamten Umfeld zu spüren. Beispielsweise die Kiefholzstraße, durch die A100-Baustelle derzeit ein Nadelöhr, musste den Verkehr in die Innenstadt aufnehmen. Es gab einen stetigen, bis zu zwei Kilometer langen Rückstau von der Elsenstraße bis zum Dammweg. Der Busverkehr war unterbrochen, die Umleitung blieb im Stau stecken. Und abends auf der Couch Post-Punk-Hits mitsingen zu können, ist nicht jedermanns Vergnügen. Vielleicht war in der Woche nach Lollapalooza sogar das Umfeld des S-Bahnhof Trepower Park sauberer als sonst. Doch wie lange werden all die Scherben im weiteren Umfeld vom dem Wochenende zeugen?

Während der Treptower Park nach einem kurzen Vergnügen längerfristig wieder auf Vordermann gebracht wird, können die umliegenden Parkanlagen, wie der Schlesische Busch nur davon träumen.
In den vergangenen beiden Jahren fand dort zur Brutzeit das Berlin-Festival statt. Steigender intensiver Nutzungsdruck einhergehend mit einer Verwaltung, welche personell und finanziell am Rand ihrer Kapazitäten arbeitet, machen ihm generell zu schaffen. Einst populär für seine Nachtigall-Population, heute verlängerte Party-Meile. Währenddessen bearbeitet die Verwaltung zusätzlich ein monatelanges Genehmigungsverfahren für eine Großveranstaltung

Wenn Berlin die Balance zwischen allen Ansprüchen und Attributen gerecht werden möchte, müssen Prioritäten anders gesetzt werden. „365/24“ muss auch für Lebensqualität für die BerlinerInnen stehen!

 

link:

www.365-24.berlin

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