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Am Wikingerufer können 32 Bäume erhalten bleiben

Lösungen für den Schutz der zweiten Baumreihe gefunden

Über fünf Jahre ist es her, dass bei der denkmalgeschützten Mauer am Moabiter Wikingerufer Einsturzgefahr diagnostiziert wurde. Seit Herbst 2011 ist der Zugang zum Ufer und somit auch zu dem beliebten Weg und den Bänken unter den zwei Baumreihen gesperrt. An den Anblick von Bauzäunen gewöhnt man sich schnell in Berlin und so kam es für viele Anwohner dann doch überraschend als Anfang des Jahres die Fällungen der Bäume verkündet wurde. Bei einem ersten Rundgang im Sommer 2016 wurden die Erfordernisse zu Baumfällungen auch schon angesprochen, hatte damals aber noch nicht alle Interessierten erreicht, denn der Schwerpunkt lag auf dem Zustand der Ufermauer.

Die Uferwand drückt jedes Jahr in einem Tempo von bis zu 10 mm in Richtung Fluss und Tauchuntersuchungen hatten ergeben, dass sich die hölzernen Fundamente in Auflösung befinden. Aus den Kellern mehrere angrenzender Gebäude wurden Rissbildungen gemeldet und auch eine große, nahe bei den Bäumen verlaufende unterirdische Abwasserdruckleitung stellte ein zusätzliches Risiko dar.

Die besondere Herausforderung bestand darin, dass bei den für die Sanierung der Ufermauer geplanten Fällungen und Aufgrabungen auch noch zu erhaltende Bäume substantiell geschädigt werden könnten. Die Bäume der beiden Reihen am Ufer stehen sehr dicht beieinander, die Kronen der Bäume gehen an vielen Stellen schon ineinander über. Die Vermutung, dass die Wurzelsysteme der beiden Baumreihen miteinander verschränkt sind, lag auf der Hand. Wenn in einer solchen Situation die Wurzelstöcke von gefällten Bäumen entfernt werden, besteht die Gefahr, dass die Wurzeln der verbleibenden Bäume geschädigt werden und mit den Wunden Eintrittspforten für holzzersetzende Pilze geöffnet werden. Bäume balancieren das Gewicht von Stamm und Ästen mit ihren Wurzeln aus. Gräbt man an der falschen Stelle zu viel Erde weg, geraten sie aus dem Gleichgewicht und kippen um. In der Stadt sind  Wurzelschäden die Hauptursache für umgestürzte Bäume, allein schon weil bei den regelmäßigen Baumkontrollen nicht unter die Erde geschaut werden kann. Viele waren in Sorge, dass in Folge der Bauarbeiten an der Mauer alle 64 Bäume an der Uferpromenade Schaden nehmen und entfernt werden müssen.

Ein weiteres Ärgernis war, dass Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Mediationsverfahren zum Landwehrkanal bei den Planungen nicht berücksichtigt wurden. Am Landwehrkanal wurde nach massiven Protesten der Anwohner die dort geplanten Baumfällungen zur Ufersanierung gestoppt. In einem bis dahin einzigartigen Verfahren wurde gemeinsam mit den Bürger*innen die abschnittsweise die Ursachen für die kaputten Ufermauern ergründet und Methoden  gefunden, mit denen fast alle Bäume erhalten werden und Kosten von 110 Millionen Euro eingespart werden konnten. Warum bei der Sanierung des Wikingerufers nicht dem guten Beispiel des Landwehrkanals gefolgt wurde und frühzeitig eine transparente und partizipative Prüfung baumschonender Alternativen erfolgte, ist angesichts der seit 2011 bekannten Problematik unverständlich.

Die zuständigen Mitarbeiter der Senatsverwaltung zeigten sich jetzt offen für die Bedenken der Anwohner und des BUND. Während am Mittwoch im Ausschuss für Umwelt und Naturschutz der Bezirksverordnetenversammlung Mitte ein Antrag der Partei Die Linke zum Wikingerufer beraten wurde, trafen sich der Verantwortliche aus dem Projektbereich Wasser der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz mit dem Baumschutzreferenten des BUND am Wikingerufer. Gemeinsam mit einer Baumgutachterin des beauftragten Planungsbüros wurden bei einem Rundgang Baum für Baum Maßnahmen besprochen, wie möglichst viele Bäume bei den bevorstehenden Arbeiten erhalten bleiben können. So wurde für jeden Baum in der zweiten Reihe ein Schutzbereich festgelegt, in den nicht eingegriffen werden darf. Suchschachtungen sollen den genauen Verlauf der Wurzeln und die kritischen Bereiche aufzeigen, in denen die Wurzelsysteme ineinander übergehen. Auch wurden die Maßnahmen festgelegt, wie die zu erhaltenden Bäume während der Bauphase bestmöglich geschützt werden sollen. Leider konnten bei der Begehung keine Lösungen für die ufernahen Bäume gefunden werden, sie werden gefällt werden müssen.

Das Wikingerufer ist nur einer von vielen Berliner Uferabschnitten in Mitte und den anderen Bezirken, der in den nächsten Jahren saniert werden muss. Die hundert Jahre alten Mauern sind an vielen Orten nicht mehr gut in Schuss. Und an vielen dieser Ufer befinden sich auch Bäume, Büsche und Parkanlagen. Konflikte zwischen den  Bauarbeiten, dem Natur- und dem Denkmalschutz sind vorprogrammiert. Diese Uferbereiche sind wichtige Erholungsbereiche für die Anwohner und wertvolle Biotopverbindungen für Tiere und Pflanzen in der Stadt. Berlin muss verantwortungsvoll mit seinen Ufern umgehen und daher zukünftig schon in der Planungsphase nach dem Vorbild des Mediationsverfahrens Landwehrkanal auf Transparenz setzen. Es war ein langwieriges Verfahren, aber wer heute am Landwehrkanal spazieren geht, kann dies unter alten Bäumen tun.

7 Kommentare

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  1. Ersteinmal Lob für alle, die sich für das breite Medienecho seit 2 Wochen eingesetzt haben.
    Nach allen mir zugegangenen Information sollen die Bäume in der ersten Reihe gefällt werden. Werden auch diese Bäume umfassend geprüft? Können einzelne kleinere Bäume in der ersten Reihe umgepflanzt werden?
    Soll noch bis Monatsende gefällt werden odeer frühestens in der nächsten Fällperiode?
    Wird in den nächsten Tageen eine Protestaktion organisiert?
    Vor 1 Jahr wurden die Bäume in der Dortmuderstraße kurzerhand gefällt (Ncht weit vom Wickingerufer entfernt), wo ein BVV-Beschluss und Anwohneraktivitäten, presseöffentlichkeit zur Rettung der Bäume nicht zum Erfolg führten. Macht Rot-Rot-Grün so weiter wie die abgewählte Große Koalition aufgehört hat? Ich hoffe nicht!

    • Zu Deiner Frage der Prüfung des Erhalts der Baumreihe am Ufer –
      so haben die in Statik ausgebildeten Ingenieure Fakten ermittelt,
      dass diese ein nicht unbedeutendes zusätzliches Risiko für die
      eh schon instabile Uferwand darstellen. Einmal durch ihr eigenes
      aber auch jedes Jahr wachsendes Gewicht (Co-2-Aufnahme plus
      Assimilation) – und das machte sich in den letzten Jahren mit einem
      Rutschen der Ufermauer Richtung Wasser mit 8 – 10 mm Luft.

      Was einzelne Umpflanzungen aus der Ufer-Baumreihe betrifft, so sind
      diese schon längst zu gross und hätten keine Chance. Nur wenn sie
      in Containern im Uferweg stehen würden (gibts tatsächlich – und nicht
      nur auf Singapurs Hochhaus-Dächern) wäre das kein Problem.

      Um das Risiko für einen Einsturz zu mindern sollen diese Bäume
      noch in diesem Monat gefällt werden – zur Schonung der Ufermauer in
      einer komplizierten Aktion mit Abseilung der Überreste in ein wasser-
      seits positioniertes Frachtschiff.

      Der BUND hat mit seinem Engagement Politik und Verwaltung in Erinnerung
      gebracht, dass bei den zahlreich anstehenden Ufersanierungen in Zukunft
      wieder auf die kommunikativen Erfahrungen und vor allem technischen
      Erkenntnisse aus dem Landwehrkanal-Mediationsverfahren zurückgegriffen
      wird. Das Wikingerufer ist übrigens der vorerst einzige „Notfall-“
      Uferabschnitt dieses Kalibers. Als Naturschutzexperten und dem Gemein-
      wohl verpflichteter Verband können wir den Bau-Technikern die Verant-
      wortung für Güter und Menschenleben nicht einfach abnehmen und deren
      Warnungen in den Wind schlagen.

      Wer uns kennt, weiss, dass wir uns – wo auch immer möglich – für eine
      echte Beteiligung der Bürger bei allen größeren Projekten einsetzen.
      Keine Sorge: Wir werden bei allen Ufer-Sanierungs-Planungen
      auf dem Teppich stehen und die Politik beim Wort nehmen.

  2. Wieso muss der BUND immer so tun, als hätte er das Maximum erreicht und jeden kleinsten Erfolg sich auf die Fahnen schreiben? Der sogenannte Baumschutzrefferent macht sich im RBB-Beitrag nur lächerlich!

    Der einzige Glaubwürdige ist der Typ von dem kleinen Stadtnaturschutzverein Rettet die Bäume am Landwehrkanal.

    • @Walter
      Ich habe den rbb-Beitrag auch gesehen und finde Deine Einlassung hier schon sehr pauschal. Es muss ja nicht jeder ein Freund des BUND sein, aber anscheinend ist es doch so, dass die Expertise des „sog. Baumschutz-Referenten“ vom BUND vor Ort gefragt war. Allein das steht doch mal für sich? Und die Aussage des Vertreters von der BI „Rettet die Bäume am Landwehrkanal“, es sei keinerlei belastbarer wissenschaftlicher Nachweis geführt worden, dass die Bäume der ersten Reihe tatsächlich fallen müssten…na ja, finde ich insofern etwas schwierig, weil: De facto passiert ja mit der Uferwand etwas (warum wäre sie sonst seit längerer Zeit gesperrt?) und die Unterwasseraufnahmen zu Beginn des Beitrags legen den Schluss nahe, dass die (Wurzeln der) Bäume hier eine gewisse Rolle zu spielen scheinen. Ich schätze, jetzt nochmal fünf weitere Jahre in eine wissenschaftliche Studie zu investieren, um zu schauen, ob es auch wirklich-wirklich die Bäume (der ersten Reihe) sind, wird keiner der verantwortlichen Entscheider als Risiko auf sich nehmen wollen. Und ich kann’s sogar verstehen, denn: Wenn in dieser Zeit tatsächlich etwas passiert, sind sie in der Verwaltung wieder die „Deppen“, die hier in Berlin nichts auf die Reihe kriegen. Ist doch so oder?

      • Ja, das mag schon sen, aber ich habe mich sehr geärgert über die Intransparenz des BUND. Wie kann sich der Baumreferent mit Gutachterin etc. treffen, ohne die Bürger dazu zu laden oder Leute vom Landwehrkanal? Womöglich ist der BUND auch noch Mitunterzeichner des Mediationsverfahrens.

  3. „Keine Sorge: Wir werden bei allen Ufer-Sanierungs-Planungen…

    Nach dieser Farce wird es gerade Sorge der Bürger*innen sein, dass der „Baumschutzreferent“ ohne Not vorschnell zustimmt!

  4. Allein die Überschrift suggeriert das Gegenteil von dem, was im Augenblick dort stattfindet. Kann mir mal jemand ein Grund nennen, wieso das hier so kommuniziert wird, als seien die Fällungen wirklich alternativlos?

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