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Über Verzweiflung, sterbende Hoffnung und einen Flughafen, den es gar nicht gibt

Ein Gastbeitrag von May Jamison (Pseudonym) zu den Auswirkungen eines Flughafens in der Stadt

Der BUND Berlin hat seine Kampagne „Danke für Ihr Nein zu TXL!“ gestartet, um der Volksentscheidskampagne von FDP/CDU zur Offenhaltung des Flughafens Tegel überzeugende Sachargumente entgegen zu setzen. Lärm- und Luftbelastungen für ca. 300.000 Einwohner*innen in der Ab- und Einflugschneise des Flughafens Tegel müssen nach Inbetriebnahme des BER/Schönefeld endlich ein Ende haben. Zudem dürfen Berlins Klimaschutzziele nicht durch einen Weiterbetrieb von Tegel, zusätzlich zum BER/Schönefeld, gefährdet bzw. auf dem Altar grenzenlosen Billigfliegerwachstums à la Ryanair & Co geopfert werden. Zeigen Sie Solidarität mit Anwohner*innen, stimmen Sie für weniger Lärm- und Luftschadstoffbelastung, stimmen Sie für mehr Klimaschutz –  stimmen Sie mit NEIN beim Volksentscheid am 24. September 2017.

Wenn Sie unsere Kampagne „Danke für Ihr Nein zu TXL!“ tatkräftig und/oder finanziell unterstützen möchten, schauen Sie auf unserer Kampagnenseite vorbei:
www.BUND-Berlin.de/Tegel

Was ein Flughafen auf innerstädtischen Gebiet mit uns Menschen macht, davon erzählt der folgende Gastbeitrag. Unser Lesetipp!


Ein Gastbeitrag von May Jamison (Pseudonym) zu den Auswirkungen eines Flughafens in der Stadt

Gestern war wieder so ein Tag, der so traurig endete, dass ich nicht wusste, wohin mit meinen Gefühlen und deswegen schreibe ich diesen Text.

Weil ich wach lag und nicht einschlafen konnte, ein bisschen wegen der Wut und der Streit mit meinem Mann, aber vor allem wegen den landenden Maschinen.

Wir wohnen in der Einflugschneise von Tegel. Einem Flughafen, den es eigentlich nicht mehr geben sollte. Aber weil der BER seit fünf Jahren „in zwei Jahren“ eröffnet wird, ohne dass diese zwei Jahre jemals vergehen, und die damit verknüpfte Schließung von Tegel immer weiter ins Ungewisse rückt, gibt es Tegel immer noch. Mit zunehmendem Flugverkehr.

Wir wohnen sogar 20 km entfernt vom Flughafen, so weit, dass die Flugzeuge fast nicht stören, wenn sie starten. Wenn sie landen, sind sie aber doppelt so tief und doppelt so laut. 55db habe ich gelesen, sollen es bei uns sein. Klingt gar nicht so viel. Wäre wohl auch außerhalb des Bereichs, der Lärmschutz erhalten würde, den es ja für Tegel-Anwohner zurzeit ohnehin nicht gibt, weil der Flughafen ja eigentlich längst weg sein sollte.

Es gibt ja viele Leute, die sich an solchen Lärm gewöhnen. Wie einige unserer Nachbarn. Und es gibt die, die das nicht können, so wie wir. Am Schlimmsten ist es bei meinem Mann. Er kann nicht weghören, sondern hört, ohne es zu wollen, immer schlimmer hin. Für ihn ist das Geräusch eines landenden Flugzeugs inzwischen Auslöser eines Gefühls von Ohnmacht und Verzweiflung. Wirklich tiefer Verzweiflung, die alles verschlingt.

Die Diagnose

Als das angefangen hat, 2013, ist er zu verschiedenen Ärzten und Therapeuten gegangen, weil er sich so schlecht gefühlt hat und dachte, vielleicht liegt es an ihm.

Erfahren haben wir, dass Fluglärm Depressionen auslösen kann und man aber kaum etwas machen kann, solange der Lärm da ist. Außer Antidepressiva verschreiben.

Die nimmt mein Mann jetzt seit vier Jahren. Damit geht es, irgendwie. So gut, dass es keiner sofort merkt. Keiner weiß es, außerhalb der Familie. Das Stigma ist zu groß, die Angst, die Arbeit zu verlieren, wenn es jemand erfährt. Wenn ich morgens am Bahnhof stehe und auf die Bahn warte, gucke ich mich um und frage mich, wie viele der Menschen um mich herum vielleicht auch heimlich an Depressionen leiden, durch den Fluglärm verursacht, ohne dass es jemand weiß.

Leiden tut man darunter auch mit Antidepressiva. Bei meinem Mann ist es bei landenden Flugzeugen besonders schlimm. Wenn man den Lärm spürt, wie einen Angriff, den man nicht abwehren kann. Und bei allen Zeitungmeldungen rund um TXL und BER. In den letzten Tagen gab es wieder welche: „Auch in diesem Jahr wird kein Eröffnungsdatum des BER genannt“, „weiter Probleme mit der Brandschutzanlage“, „Dobrindt jetzt auch für Offenhaltung Tegels“, „BER zu klein, deshalb muss Tegel offen bleiben“.

Gestern hat mein Mann die Meldungen nicht einmal gesehen, so klein waren sie. Er kam nach Hause und hat mit den Kindern im Garten Fußball gespielt und gelacht. Die Sonne schien, ein schöner Abend. Bis ich ihm von den Artikeln erzählte. Da wurde sein Gesicht düster, er wurde wütend, er schrie mich an „Warum erzählst du mir das?“.

Wir stritten. Weil es nicht meine Schuld ist. Aber ich ihm trotzdem die gute Stimmung ruinierte. Wir drehen uns immer im Kreis bei diesen Streits, weil ja keiner von uns etwas ändern kann, an der Situation. Aber wie wir damit umgehen, das ist unterschiedlich, also streiten wir darüber. Irgendwo muss seine Wut ja hin. Dabei streiten wir sonst eigentlich nie. Nur, wenn es um Flugzeuge geht.

Dann drehte auch noch der Wind. Flugzeuge im Landeanflug. Unser Sohn wollte sich gerade noch einen Gutenachtkuss abholen. Stattdessen erlebte er einen Vater, der Dinge durch die Gegend warf, in die Luft boxte und laut schrie. Einen Vater, der ihm Angst machte. Was er natürlich nicht wollte. Wenn er weiß, dass die Kinder in der Nähe sind, unterdrückt er seine Gefühle. Aber irgendwann muss die Wut und Verzweiflung raus.

Ich tröstete meinen Sohn. Immerhin das konnte ich. Meinen Mann kann ich nicht trösten, in solchen Momenten. Er ist dann wütend und traurig und in sich gekehrt und so verzweifelt, dass es ist wie mit einem schwarzen Loch. Jedes Lächeln wird verschlungen. Ich gehe ihm dann aus dem Weg. Und liege im Bett und weiß nicht, was ich tun soll und das bringt auch mich an meine Grenzen.

Wieso ziehen wir nicht weg?

Weil wir hier zuhause sind und unsere Kinder kein anderes Zuhause kennen. Hier sind Schule und Kita, alle Freunde und die Verwandten in der Nähe. Hier ist ihr Garten mit Trampolin und Kletterhaus, hier sind die Nachbarskinder, die uns immer besuchen, genauso wie die Eichhörnchen. Hier ist das Zuhause, was wir uns immer für unsere Kinder erträumt haben.

Warum steht das in der Einflugschneise?

Wir sind hierhin gezogen, weil unsere Familie in der Nähe wohnt. Als wir 2011 gebaut haben, stand der Eröffnungstermin vom BER 2012 fest. Felsenfest. Und mit ihm die Schließung von Tegel 6 Monate später. Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen berechtigten Zweifel daran, dass der Flughafen schließt, bevor das Haus fertig ist. Wir waren keine „Spekulanten“ (schon deshalb nicht, weil die Grundstückspreise nicht günstiger waren, als anderswo im Speckgürtel von Berlin), sondern wir haben auf die aktuelle Rechtslage vertraut, wie man es in einem Rechtsstaat eben tut.

Mit dem Thema Lärm haben wir uns sogar auseinander gesetzt. Wir wollten wegen dem BER auf keinen Fall in den Süden Berlins ziehen, eben um Fluglärm zu vermeiden, weil wir Angst vor sich ändernden Flugrouten hatten, die damals in der Diskussion waren. Und trotzdem haben wir den Lärm vielleicht immer noch unterschätzt. Die Flugzeuge nahmen wir auf dem Grundstück nicht einmal als besonders schlimm wahr, vielleicht auch, weil der Wind zufälligerweise immer richtig wehte, die Flugzeuge immer starteten, wenn wir da waren. Wir wussten auch nicht, dass Fluglärm Depressionen auslösen kann, auch dann, wenn man den Lärm gar nicht als schlimm empfindet.

Es gab damals keine kritischen Stimmen. Es gab ein Gesetz (und das gibt es immer noch), welches besagt, dass Tegel schließen muss, weil zu viele Menschen dadurch belastet werden. Durch Lärm durch Abgase, auch durch die Gefahr, die dieser innerstädtische Flughafen darstellt. Diese Belastung zu beseitigen ist die Grundlage für den Bau des BER. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass dieser gute Grund irgendwann einfach nicht mehr zählt.

Weil es so viele Menschen gibt, die trotzdem sagen „Selbst Schuld, wer in die Nähe eines Flughafens zieht“ (und „kann man doch wissen, dass Politiker ihr Wort nicht halten!“) stelle ich mir manchmal vor, TXL wäre ein Atomkraftwerk, bei dem Strahlung austritt und im Umfeld von 30 km bekämen die Menschen davon Krebs. Im Zuge des Atomausstiegs soll das AKW geschlossen werden, sobald die Stromversorgung durch ein neues Kraftwerk sichergestellt ist. Der Termin für die Schließung steht, also ziehen die Menschen in die Nähe. Und dann gibt es Verzögerungen, die niemand ahnen konnte. Und plötzlich gibt es Menschen, die fordern, dass AKW auch dann weiter zu betreiben, wenn das neue Kraftwerk steht. Weil es ja sein könnte, dass man mal mehr Strom braucht. Und das reicht dann als Argument, um (Hundert-)Tausende Menschen leiden und sterben zu lassen.

Da kann man natürlich sagen: Aber Fluglärm verursacht keinen Krebs. Stimmt. Aber die Krankheiten, die durch Fluglärm ausgelöst werden, Depressionen und Herzkrankheiten können auch belastend und tödlich sein.

Ich bin so froh, dass mein Mann seine Tabletten nimmt und deshalb zurzeit keine suizidalen Gedanken hat. Aber ich frage mich, wie viele Anwohner es gibt, die diese Gedanken in diesem Moment haben?

Also nochmal: Warum ziehen wir nicht weg?

Wenn man ein Haus baut, entstehen eine Menge Kosten, die man bei einem Wiederverkauf nicht zurückbekommt.  Steuern, Gebühren, alles Mögliche. Die Wiederverkaufspreise sind zwar gestiegen, aber die Preise für andere Häuser eben auch. Wir sind Durchschnittsverdiener ohne reiche Familie im Rücken. Wir könnten uns in der Nähe kein anderes Haus leisten. Überhaupt keines mit einem Arbeitsweg unter 1,5 Stunden für eine Strecke. Es ist nicht so, dass wir nicht schon geguckt hätten. Aber es käme nur eine Wohnung in Frage. Also den Kindern den Garten nehmen, ihr Zuhause, ihre Freunde, die eigenen Zimmer. Das wäre die Alternative. Die fühlt sich für uns nicht wie eine Alternative an, sondern so, als würden wir unseren Kindern ihr Glück nehmen.

Das können wir nicht. Wir klammern uns an die Hoffnung, dass es irgendwann vorbei ist.

Und dann sehen wir die Umfrageergebnisse. Zum Glück sinken die Zahlen der Tegel-Befürworter, weil endlich nicht nur die FDP zu hören ist, sondern auch die Argumente für die Schließung etwas Raum bekommen. Aber immer noch wollen 60% der Berliner Tegel offen halten. Und während wir immer wütender werden und verzweifelter und trauriger, fragen wir uns, ob diese 60% wissen, was das eigentlich heißt, für die Betroffenen.

Wir gehören nicht zu denen, die „direkt betroffen sind“, wenn es nach den Zahlen der Politiker geht. Wir gehören zu denen, die weiter weg wohnen. Die kein Anrecht auf Lärmschutz hätten. Den wir auch schon selbst eingebaut haben, so gut wir es uns leisten konnten, aber die Geräusche eines landenden Flugzeuges, die bekommen wir auch mit Lärmschutzfenstern nicht weg. Deswegen liege ich im Bett und höre die Flugzeuge landen. Wenn ich abends um 22 Uhr versuche schlafen zu gehen, kommen sie immer direkt hintereinander, alle zwei Minuten.

„Wenn TXL offen bleibt, wird der Lärm gerechter verteilt“, lese ich manchmal, weil ich auch die Diskussionen zu den Meldungen verfolge. Dann müssten die Anwohner des BER weniger leiden. Und natürlich will ich nicht, dass irgendjemand so leidet wie wir. Das gönne ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Aber Lärm kann man leider nicht verteilen, bzw. er wird nicht weniger, wenn man ihn verteilt. Wenn die Flugzeuge alle vier Minuten bei uns landen würden und alle vier Minuten am BER, dann gäbe es halt doppelt so viele Menschen, die leiden und keinen einzigen weniger. Lärm kann man nur bündeln, alles andere macht keinen Sinn. Der BER wurde gebaut, um Fluglärm, Abgase und Gefahren rund um Tegel zu beseitigen, weil hier zu viele Menschen davon belastet werden, wesentlich mehr als rund um den BER.

Wir sind wirklich nicht die, die am Schlimmsten betroffen sind, obwohl es sich manchmal so anfühlt. Aber wie muss es erst den Menschen gehen, die in Mietwohnungen noch näher am Flughafen wohnen, die noch mehr Lärm haben und gar keinen Ausweg? Weil eine andere Mietwohnung zu finden in Berlin derzeit fast unmöglich ist? Zehntausende von Menschen, denen versprochen wurde, dass das aufhört. Für diese Menschen muss Tegel schließen. Daran klammern wir uns.

Aber leider sehen das die Berliner nicht so. Deswegen liege ich hier, über mir die Flugzeuge, in mir die Angst. Die Angst, dass Tegel nie schließt und die Flugzeuge bleiben. Mit jedem landenden Flugzeug wird der Kloß im Hals größer, das Gefühl der Ohnmacht schlimmer, die Frage „Wie lange halten wir das noch aus?“ drängender.

Wenn wir doch aufgeben und wegziehen, was ist dann? Werden wir dann glücklicher oder unglücklicher in einer Wohnung, weg von allem, was wir lieben aber vielleicht mit einem weniger traurigen Papa?

Werden die, die nach uns hier einziehen, auch depressiv werden?

Wollen die, die Tegel offen halten wollen, das wirklich? Oder wissen sie einfach nicht, was das bedeutet?

Damit sie wenigstens eine Ahnung davon haben, habe ich diesen Text geschrieben. Um der Ohnmacht etwas entgegen zu setzen. Weil ich sonst nicht weiß, was ich tun soll.


Der Text ist im Original am 18. Juli 2017 im Blog „Mein Glück“ der Autorin erschienen:
https://meinglueck.wordpress.com/2017/07/18/ueber-verzweiflung-sterbende-hoffnung-und-einen-flughafen-den-es-gar-nicht-gibt/

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