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Wohnen ohne zu schwitzen – Ziel guter Stadtplanung!

Wohnungsmangel und Hitzesommer

Neben dem Berliner Dauerthema, dem Wohnungsmangel, ist und war in diesem Sommer nun schon lange die anhaltende Hitze das Thema.
Beides sind Probleme, aber beide haben auch etwas miteinander zu tun:
Da, wo gebaut werden soll, sind meist Freiflächen, die sich entweder selbst als Brachen begrünt haben oder wie im Fall von Kleingärten mit viel Aufwand begrünt wurden. Die Bebauung dieser grünen Freiflächen würde zwar das Wohnungsproblem etwas mildern, das Stadtklima aber weiter anheizen. Gute Stadtplanung würde die Kleingärten schützen, zurzeit sind gerade mal 14 Prozent der Parzellen langfristig gesichert.

Wärmeinseleffekt

Berlin ist im Innenstadtbereich durch seine hohe Bebauungsdichte und seinem hohen Versiegelungsgrad wie alle anderen Großstädte vom sog. Wärmeinseleffekt betroffen. In den Städten liegt die Temperatur stets um ein bis drei Grad Celsius über den Werten des Umlandes oder großer innerstädtischer Grünflächen wie dem Tiergarten. In der Nacht kann dieser Unterschied sogar bis zu 12 Grad betragen.

Mit dem Verlust von grünen Freiflächen würde sich dieses Phänomen noch weiter verschärfen. Denn sie ermöglichen zum einen den Luftmassenaustausch mit dem Umland und erzeugen zum andern durch Verdunstung Kühle. So verbessern sie die lokalklimatische Situation selbst in den dicht bebauten Kernbereichen Berlins.
Der Wärmeinseleffekt und die fortdauernde Klimaerwärmung legen nahe, dass in großen Städten die thermischen Bedingungen insbesondere im Sommerhalbjahr zunehmend belastender und folglich bei Stadtplanungsfragen an Bedeutung gewinnen werden.

So möchte man meinen…

Die rot-rot-grüne Regierung überarbeitet aktuell den Stadtentwicklungsplan Wohnen (STEP Wohnen) – wichtiges Instrument dafür, wo gebaut und wo Freiflächen erhalten bleiben sollen.
In einem dafür eingerichteten Begleitkreis ist unser BUND-Vorstand Dr. Andreas Faensen-Thiebes  als Vertreter der Naturschutzverbände Mitglied und hat sich in der Diskussion um die Leitlinien vor allem dafür eingesetzt, Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes einzubringen, zu denen auch der Schutz vor überhitzten Innenstädten gehört. So heißt es u.a. nun dort:

„Dichte hat Grenzen, denn es gilt, die Wohn- und Lebensqualität in der Stadt zu sichern sowie Grünräume für Belange der Erholung, des Naturerlebens und des Stadtklimas zu schützen und zu qualifizieren.“

Flächennutzungsplan von 1994 als Basis für Bebauung

Die Erfahrung, dass solche Sätze oft wohlfeil sind und Papier geduldig ist, wird leider auch hier wieder bestätigt: In einem weiteren Schritt hin zum STEP Wohnen heißt es nun, dass alles was im Flächennutzungsplan (FNP) als Wohnbaufläche ausgewiesen ist, auch bebaut werden soll.
Der FNP ist – wenn auch in Teilen geändert – in seinem Kern von 1994. Seitdem hat Berlin u.a. einen STEP Klima erarbeitet, der gerade die Herausforderungen des Klimawandels an die Stadtplanung deutlich und Vorschläge zur stadtklimatischen Entlastung macht.
Im FNP sind beispielsweise auch noch erhebliche Teile des Tempelhofer Felds als Baufläche ausgewiesen. Eine Empfehlung zur konsequenten Umsetzung würde somit nicht nur eine stadtklimatische Belastung bedeuten, sondern auch gegen das Tempelhof-Gesetz und gegen die Koalitionsvereinbarung verstoßen!
Die Belange Grüner Infrastruktur, also die Flächen, die wir nicht nur für eine stadtklimatische Entlastung sondern auch für Erholung und Naturerfahrung brauchen, werden in der Erarbeitung des STEP Wohnens praktisch ignoriert.

Flächenverluste werden ignoriert

Im November 2017 fand in enger Verbindung mit dem STEP Wohnen das Stadtforum Wohnen statt, mit dem Fokus „Im Bestand verdichten“. In dem zusammenfassenden Bericht fehlt der Hinweis auf den dort diskutierten Verlust an grünen Freiflächen völlig, da man meint, dass sich der Rückblick auf das „Wesentliche“ fokussiert:
Freiflächenverluste sind also unwesentlich!

Um diese Ignoranz grüner Belange zu überwinden, haben wir zur Sicherung der grünen Infrastruktur das Projekt Immer.Grün vorgeschlagen, das genau diese Sicherung erreichen will.

Discounter und 15 Prozent Verkehrsflächen fast so viel, wie alle Berliner Waldflächen

Natürlich ist es ein Problem, dass der Raum, die Fläche begrenzt ist – als Umweltverband wissen wir sehr gut um die Belastungsgrenzen unseres Planeten – aber umso mehr muss man diesen wertvollen Raum gut und sinnvoll nutzen.

Dabei fallen neben den schon oft zitierten einstöckigen Discountern natürlich die großen Verkehrsflächen auf, die Berlin zu einer immer noch guten Autofahrerstadt machen. Fast 15 Prozent der Landesfläche sind Verkehrsflächen. Viel Fläche ließe sich real gewinnen, wenn Verkehrsflächen zurückgebaut und gleichzeitig der öffentliche Nahverkehr deutlich ausgebaut werden würde.
Das schafft zum einen Flächen für Wohnen und Erholung und hätte den indirekten Effekt, dass Flächen von Lärm, Dreck und Gefährdung befreit würden.

Berlin hat gute Papiere, aber setzt davon kaum etwas um

Aber davon sind wir leider noch ein gutes Stück entfernt. So mussten allein für den Weiterbau der A 100 350 Kleingärten weichen. Da ist es zwar schön, dass wir in Berlin viele Unterlagen und Papiere haben, wie man eigentlich die Stadt planen und bauen müsste, damit sie auch den Umweltbelangen des 21. Jahrhunderts genügt; aber in jedem konkreten Einzelfall müssen wir alle immer noch darum ringen, dass von dieser umweltverträglichen und umweltgerechten Planung wenigstens Ansätze realisiert werden.

Es ist höchste Zeit – und dieser Sommer macht es überaus deutlich – dass wir in und für ganz Berlin endlich so planen, dass uns weder Hitze noch Autoverkehr umbringen und die Stadt auch noch Platz zum Atmen und Leben im Freien lässt.

links:

Stadtentwicklungsplan Wohnen

Stadtentwicklungsplan Klima

Flächennutzungsplan

Ein Kommentar

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  1. Unsere Mietergemeinschaft erlebt gerade, wie unwichtig Grünflächen für die Durchsetzung der Nachverdichtung in Berlin sind. Wir wohnen in der Kochhannstr. und leben zwischen Lärm und Abgasen der Petersburgerstraße und Landsberger Allee. Zwei Neubauvorhaben sind geplant. Dafür weichen Innenhöfe mit wunderbarem Baumbestand. Bei uns gibt es noch Fledermäuse und Singvögel. Die neuen Häuser sind dicht an die Alten geplant, dass man seinem Nachbarn direkt ins Fenster schauen wird. Die Abgase wabern eh schon im Sommer durch unsere Wohnungen, aber wir hatten immer noch das Gefühl der grünen Lunge im Hinterhof. Die WBM informiert jetzt endlich, hielt sich zuvor bedeckt. Es wird wohl schon zu spät für Aktionen sein, aber wir werden trotzdem noch Unterschriften sammeln. Mir tut es sehr Leid um die Bäume und Beete in unserer grünen Oase.

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