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Was Biber mit der Lebensqualität in Berlin zu tun haben

Der Biber, eine der faszinierendsten Tierarten unserer heimischen Fauna, ist längst wieder in Berlin angekommen. Spätestens im 18. Jahrhundert wurde er hier und in fast ganz Deutschland ausgerottet. Lediglich an der Mittleren Elbe überlebte eine kleine Restpopulation von wenigen 100 Tieren, die schon in der DDR unter strengen Schutz gestellt wurde. Aber erst die Unterschutzstellung auf europäischer Ebene durch Natura 2000 brachte den Durchbruch. Heute ist das größte hier lebende Nagetier mit einer Körperlänge von bis zu 1,30 m an vielen Flüssen Europas wieder zu finden und gestaltet durch sein Wirken Fluss- und Auenlandschaften.

Der Biber erobert Berlin

Um 1994 wurden die ersten Biber dann auch in Berlin gesichtet, zunächst in den Außenbereichen, von Hennigsdorf ausgehend an der Oberhavel und am Tegeler See, später außerdem im Südwesten und Südosten der Stadt.

Inzwischen leben die Nagetiere zunehmend auch in der Spree, den zahlreichen innerstädtischen Kanälen und Parkanlagen, wie dem großen Tiergarten oder dem Schlosspark Charlottenburg. Sogar im Görlitzer Parkteich in Kreuzberg rastete ein Biberpaar in unmittelbarer Nähe spielender Kinder, Partytrüppchen und Hunden, was zeigt, wie anpassungsfähig diese Tiere sind.

Für Naturschützer ist dies eine sehr erfreuliche Entwicklung. Als Baumeister nischenreicher Feuchtgebiete schaffen Biber Lebensraum für andere Tier- und Pflanzenarten und sind daher aus naturschutzfachlicher Sicht von außerordentlicher Bedeutung. Denken wir dann noch an offene Gewässerufer – Sehnsuchtsorte nach Natur und Weite, Entspannung und Bewegung – so ist der Biber auch eine „Zeigerart“ für menschliches Wohlbefinden in der Großstadt. Denn ohne unverbaute und frei zugängliche Gewässerufer wäre er nicht hier. Zwar taugen die innerstädtischen Gewässer mit ihren Ufern nicht oder nur bedingt als Biber-Revier, sie werden von ihm aber als Ausbreitungsweg und zum Rasten benötigt.

Eine Konfrontation mit der Realität

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz schreibt auf ihrer Seite unter der Rubrik ‚Seltene‘ Tierarten in Berlin zu BibernEine der Hauptaufgaben des Artenschutzes in den nächsten Jahren wird sein, ihnen die gefahrlose Querung der Innenstadt zu ermöglichen.“

Aber wie bloß? Fragt sich wohl der/die ein oder andere der vergangen Offenen Gesprächsrunde Stadtnatur zum Thema „Biber, Berliner und Investoren – wem gehören die Ufer der Stadt?“.  Manfred Krauß präsentiert seinem Publikum anhand von zehn Beispielen in ganz anschaulicher Weise, was in Berlin mit den letzten freien Ufergrundstücken geschieht. Gegenüber stellt er für einzelne Grundstücke jeweils den Bebauungsplan, also das, was auf der Fläche tatsächlich gebaut wird und daneben das Landschaftsprogramm, welches die Pläne der Senatsverwaltung zum Schutz von Natur, Landschaft und Artenschutz illustriert.

Das Ergebnis: Entweder hat das Bauprojekt einen völligen Verlust der Ufer-Biotope zu Folge oder die Nutzung für Freizeitaktivitäten und Artenschutz wird auf wenige Meter zusammenquetscht. Bei einer solchen Enge ist das Gefahren- und Konfliktpotential zwischen Biber und Mensch programmiert. Wir alle kennen die wiederkehrenden Negativ-Schlagzeilen in der Presse, so wie kürzlich in der Berliner Morgenpost „Biber beschädigt Jacht – weil er eine 20-Meter-Pappel fällte“ (22.10.2018). Zwar schafft der mechanische Schutz von Einzelbäumen z.B. durch Ummantelung der Stämme mit Drahtgittern Abhilfe vor umstürzenden Bäumen durch Biber im Winter, für sie als Lebensräume erhalten bleiben die Uferstreifen dadurch aber wohl kaum.

Ein Beispiel aus der Präsentation von Manfred Krauß zum Bauprojekt am Teufelsseekanal, zu dem die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz e.V. (BLN) auch schon Stellung bezog, ist den Besuchern wahrscheinlich ganz besonders im Gedächtnis geblieben. Auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern plante die Helma-Wohnungsbaugesellschaft 111 Einfamilienhäuser mit „sage und schreibe“ 22 mietpreisgebunden Geschosswohnungen. Da der Kanal nach Aufgabe des Kraftwerks Oberhavel aus Naturschutzgründen u.a. wegen der Ansiedlung des Bibers für die Schifffahrt geschlossen wurde, wird dieser jetzt als Hafen mit 49 Liegeplätze für Yachten und Sportboote umgebaut!? Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz begründet das Bauvorhaben damit, dass es ein „berechtigtes öffentliches Interesse“ nach §17 Wasserhaushaltsgesetz sowie mangelnder Wohnraum in Berlin gibt. Aus einer Umweltverträglichkeitsvorprüfung zieht die Senatsverwaltung zudem den Schluss, dass es „im Einflussbereich des Vorhabens keine Vegetation sowie Habitate wertgebender Tier- und Pflanzenarten gibt“.

Und was illustriert das Landschaftsprogramm im Vergleich dazu, an dem die Senatsverwaltung selbst federführend beteiligt war? Hier ist der südliche Teil des Teufelsseekanals Migrations- und Verbindungskorridor des Bibers zwischen dem NATURA-2000 Gebiet Spandauer-Forst und der Havel. Das nördliche Areal wird zudem als potentielle Kernfläche zur Zielartenverbreitung im Biotopverbund Berlin ausgewiesen. Der Biber ist eine der 34 Zielarten der Biotopverbindungskonzeption und damit eine wertgebende Tierart

Es braucht den öffentlichen Druck vieler Berlinerinnen und Berliner

Hat die Biberpopulation etwa schon ihren Höhepunkt in Berlin erreicht? Eigentlich möchte die Senatsverwaltung ja „eine Verbesserung der Bestandssituation für ausgewählte Arten herbeiführen“. So steht es im 1. Ziel der Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt. Und auch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie fordert für alle Gewässer samt ihrer Ufer bis allerspätestens 2027 einen „guten Zustand“ zu erreichen. Dabei sind weitere Verschlechterungen der Gewässerqualität grundsätzlich unzulässig.

Seit 20 Jahren werden allerdings wichtige Schlüsselgrundstücke durch Stadtplanung und Politik an Investoren verschleudert und damit alle Chancen für eine Renaturierung und Integration der Gewässerufer in die Stadtlandschaft im wahrsten Sinne des Wortes verbaut.

Aber auch die Berliner Naturschutzverbände haben diese Entwicklung verschlafen, ist sich das Publikum in der Offenen Gesprächsrunde einig. Bei der sog. Innenbereichsbebauung nach §34 haben die Verbände allerdings kaum Einflussmöglichkeiten. Hier braucht es den breiten öffentlichen Druck vieler Berlinerinnen und Berliner, dass die Europäische Wasserrahmenrichtlinie und die vielen Strategiepapiere wie STEP Klima, die Biotopverbindungskonzeption und die Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt endlich in die Umsetzung kommen.

Dabei geht es nicht allein um den Schutz bedrohter Arten wie dem Biber, sondern auch um eine gerechte Verteilung gesunder Umwelt- und Lebensverhältnisse. Der Erlebnisraum Gewässerufer sollte nicht nur einer kleinen wohlhabenden Minderheit vorbehalten sein, sondern allen Bewohner*innen dieser Stadt zur Verfügung stehen. Dafür müssen wir gemeinsam eintreten!

links:

Wir brauchen starke Wasserschutzgesetze! Doch die EU-Wasserkonferenz diesen September hat deutlich gezeigt: Der Schutz unseres Wassers ist weiterhin stark bedroht. Hier können Sie sich für die Wasserrahmenrichtlinie stark machen.

Wir laden alle Wasser-Interessierten zu unserm Landesarbeitskreis Wasser Berlin-Brandenburg ein.

Hier geht’s zum Veranstaltungsprogramm der Offenen Gesprächsrunde Stadtnaturschutz.

Mit der Kampagne Immer.Grün setzt sich der BUND dafür ein, eine ausreichende Menge Grünflächen im ganzen Stadtgebiet dauerhaft zu sichern. Hier geht’s zur Immer.Grün-Kampagne

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