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Baumfällungen an der Urania

Fatales Zeichen in Zeiten des Klimawandels?

Es könnte so einfach sein. Um ein Kunstwerk vor der Urania eindrucksvoller präsentieren zu können, sollen acht Bäume gefällt und dafür auch wieder 20 neue gepflanzt werden. Macht ein Plus von 12 Bäumen und freien Blick auf große Kunst. So einfach ist es aber leider nicht. Kunst lebt immer auch von Kontext und Symbolik. Und das Zeichen, das hier gesetzt werden würde, wäre, dass in Zeiten des Klimawandels – nach Sturmtief Xavier und dem vergangenen Dürresommer – gesunden Bäumen in der Stadt kaum Wert beigemessen wird. Sie sind austauschbare Verfügungsmasse wie Möbelstücke oder Zimmerdeko.

Warum aber sind Bäume in der Stadt so wichtig für uns?

In allen Plänen, die Berlin auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereiten sollen, wird den Straßenbäumen eine herausgehobene Stellung zugewiesen. Während der Photosynthese verdunsten sie Wasser und kühlen damit die Luft. Der Schatten ihrer belaubten Kronen verhindert, dass sich Asphalt und Stein tagsüber zu stark aufheizen und begünstigt somit auch die nächtliche Abkühlung. Tropennächte, in denen die Temperaturen nicht unter 20° C sinken, gelten gerade für alte und kranke Menschen als eines der größten Gesundheitsrisiken der Gegenwart und Zukunft.

Die Vehemenz, mit der hier die Fällung dieser Bäume zu einer ernstzunehmenden Bedrohung der deutsch-französischen Freundschaft hochstilisiert wird, ist atemberaubend und spottet der Stärke dieses Bandes. Nicht zuletzt haben sich die beiden Länder Anfang des Jahres in den Aachener Verträgen unter anderem zu den Herausforderungen des Klimawandels und insbesondere zu dem Pariser Klimaschutz Abkommen bekannt. Bei all den Anstrengungen, die der Bevölkerung zur Bekämpfung des Klimawandels abverlangt werden. verliert Politik jede Glaubwürdigkeit, wenn sich die großen Absichten im kleineren und täglichen Handeln nicht mehr wiederfinden.

Denn ein Blick auf die tatsächlichen Zahlen ist dramatisch.

Trotz all der Bedeutung, die den Bäumen immer wieder in großen Worten zugemessen wird, nimmt der Berliner Baumbestand seit Jahren konstant ab. Alle Fällungen und Neupflanzungen von Straßenbäumen mit eingerechnet, hat Berlin zwischen den Jahren 2015 und 2017 nahezu 13.000 Straßenbäume verloren, fast 1.000 davon allein im Bezirk Tempelhof-Schöneberg.

  • 2015: -3.393 Straßenbäume, -271 davon in Tempelhof-Schöneberg
  • 2016: -3.425 Straßenbäume, -449 davon in Tempelhof-Schöneberg
  • 2017: -6.106 Straßenbäume, -270 davon in Tempelhof-Schöneberg

Die Lücken, in die die 20 Ersatzbäume gepflanzt werden sollen, sind die Versäumnisse der letzten Jahre. Was Berlin jetzt braucht, ist ein sofortiger Fäll-Stopp für alle fitten Straßenbäume in der Stadt und eigentlich noch die Ersatzpflanzungen oben drauf, um überhaupt mal ansatzweise die Verluste auszugleichen. Denn der Baumschwund in Berlin vollzieht sich schon seit viel mehr Jahren. Aus diesem Grund wurde auch 2012 vom damaligen Stadtentwicklungssenator Michael Müller die Stadtbaum -Kampagne initiiert. Im gleichen Jahr reichte übrigens auch die SPD Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg den Antrag „Keine Baumfällungen auf dem Mittelstreifen vor der URANIA“ ein.

Erst alte Bäume spenden ausreichend Schatten.

Nun gut, angesichts der vielen Lücken und knapper Kassen könnte man jetzt sagen, dass zwölf neue Bäume besser sind als gar keine neuen Bäume. Dabei wird aber völlig das Problem verkannt. Die Wirkung der Straßenbäume auf das Stadtklima entfaltet sich erst, wenn die Bäume auch groß geworden sind. Erst alte Bäume spenden ausreichend Schatten. Und gerade an der Kreuzung vor der Urania, einem der unwirtlichsten und betonlastigsten Plätze der Stadt ist dieser Schatten dringend nötig und zwar nicht erst in 30 bis 40 Jahren, sondern jetzt!

Es lässt tief in die Denkweise der die Fällungen Vorantreibenden blicken: Ihrer Meinung nach bleibt keine Zeit, um Optionen zum Baumerhalt und zur Aufwertung der Aufenthaltsqualität auf dem Platz zu prüfen. Keine Vision des Künstlers, die eine Lösung aufzeigen würde, die sein Werk mit den schon bedeutend länger auf dem Platz befindlichen Bäumen vereinen könnte. Möglichst in den nächsten Tagen, noch schnell bevor die Schutzperiode für Tiere und Pflanzen beginnt, müssen Tatsachen geschaffen werden. Die Säge soll es richten und zwar sofort. Das Problem des Klimawandels und die Herausforderungen des Anthropozäns haben sie alle noch nicht erkannt.

Anthropozän – sind wir kulturell darauf vorbereitet?

Mit dem Anthropozän, dem Menschenzeitalter, beschreiben Geologen das aktuelle Erdzeitalter, in dem wir Menschen und unser Handeln diesen Planeten so stark beeinflussen, dass wir zu einer der bestimmenden geo-physikalischen Kräfte geworden sind. Die Belege sind unter anderem die noch im letzten Winkel der Erde messbaren und die Vegetation verändernden Stickstoffeinträge, das Plastik, das nicht nur die Ozeane vermüllt, sondern schon anfängt sich auf dem Meeresboden in Sedimenten abzulagern und auch der menschengemachte Anteil an der Erderwärmung, der die Veränderung des Planeten rapide beschleunigt und das leider nicht zum Guten. Angesichts dieser erdrückenden Faktenlage möchte man meinen, dass dem Leben und dem Wert von Bäumen in der Stadt eine höhere Bedeutung und mehr Sorgfalt bei der Planung zuteil wird. Der von der Humboldt Uni emeritierte Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme schrieb letztens: „Indes sind wir kulturell nicht darauf vorbereitet, uns zum Subjekt eines neuen Erdzeitalters mit Namen Anthropzän zu machen.“ Es steht zu befürchten, dass er recht hat.

Links:

Petition von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Tempelhof-Schöneberg:  Zur Petition „Keine Baumfällungen an der Urania“

3 Kommentare

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  1. Einfach die Skulptur verlegen!
    Der neu“gestaltete“ Lehniner Platz bietet als kahle Betonpiste die ideale Kulisse für die Skulptur. Oder als Wippe-Ersatz vors Schloss. Das spart Kosten und die Querelen hätten ein Ende.

  2. Als im Leonorenpark in Lankwitz über 200 gesunde Bäume gefällt wurden, hat BUND geschwiegen !
    In den Tagen nach der Fällung sah man viele Tiere, die dadurch ihre Heimat verloren, überfahren auf der Straße . Wenn die Grünen für die Fällung verrantwortlich sind, schweigt BUND , das habe ich am Leonorenpark in Lankwitz gelernt.

  3. Ich wohne seit Nivember 2016 nicht mehr in Berlin. Es hat mir aber nicht gefallen als, vor drei Jahren oder so, die Rasen vor dem Urania durch Asfalt ersaetzt wurden. Im vergleich finde ich die Baueme auf dem Mittelstreifen nicht so wichtig. Dort in meine 15 Jahren in Berlin ist weder schoen noch gut gepflegt noch begehbar gewesen. Weg damit, und besser pflanzen. Baueme wachsen schnell in Berlin.

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