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20. März ist Weltspatzentag

Zeit sich ein paar Gedanken um unsere langjährigen Nachbarn zu machen

In Berlin hält man sie für selbstverständlich: Spatzen. Bei uns trifft man sie scheinbar noch überall und wenn man ihnen begegnet, lassen sie auch keinen Zweifel daran, dass diese Stadt auch ihnen gehört. Ihr energisches Tschilpen gehört zum Sound of Berlin, sie haben immer was zu sagen und es schert sie nicht, was wir darüber denken. Sie flitzen in Lichtgeschwindigkeit und Platz da!–Manier vor unseren Füßen rum, bedienen sich ungeniert von unseren Tellern und nisten sich ungefragt in unseren Häusern ein.
Anarchistische Hausbesetzer also? Schmarotzer? – Mitnichten!

Historisches

Es ist zwar nicht urkundlich erwähnt, aber doch ziemlich sicher, dass die Spatzen schon 1237 bei der Gründung Berlins mit von der Partie waren. Und nicht nur das.
Schon vor 10.000 Jahren, also als die ersten Menschen sesshaft wurden und anfingen Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, wohnten sie mit den Spatzen unter einem Dach. Von dieser Nachbarschaft haben beide profitiert: Der Spatz hatte ein sicheres Nest und Futter frei Haus und dafür machte er sich als Schädlingsbekämpfer auf den Feldern nützlich.

Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch schienen schlaue Köpfe wie Friedrich der Große oder Herzog Karl I. diese Tatsache wieder verdrängt zu haben und aus Angst, dass Spatzen ihnen ihre Felder leer fressen könnten, setzten sie auf einmal Kopfgelder auf ihre gefiederten Verbündeten aus.
Als sich jedoch in der Folge, aufgrund der radikalen Dezimierung der Spatzen, Ernteschädlinge explosionsartig ausbreiteten, wurden die sogenannten „Spatzenkriege“ alsbald wieder beendet. Und kaum ein Jahrhundert später nahmen europäische Auswanderer ihre Spatzen sogar mit nach Amerika um nach und nach gemeinsam mit ihnen den gesamten Kontinent zu besiedeln.

Einheitsgrün, Pestizide und Co. gefährden auch den Spatz

Ob diese Idee nun gut oder schlecht war, sei jetzt mal dahingestellt. Aber es zeigt, wie eng wir doch eigentlich mit dem Spatz verbunden sind.
In Berlin begegnet er uns zwar noch häufig, in anderen großen Städten, wie z.B: München, Köln oder Hamburg ist er jedoch inzwischen fast verschwunden. Seit 2008 steht er deshalb in Deutschland auf der Vorwarnliste der Roten Liste.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Wie auch anderen Vogelarten macht ihm vor allem der Mangel an Insekten zu schaffen, denn die sind für seine Jungenaufzucht unersetzbar. Die zunehmende Flächenversiegelung, der Mangel an naturnahen, verwilderten Grünflächen, artenarmes Einheitsgrün, exotische Bepflanzungen und der vermehrte Einsatz von Pestiziden lassen die Insektennahrung knapp werden.
Aber auch mangelnder Wohnraum ist ein Problem: Moderne Neubauten, glatt verputzt, oft aus Glas und Stahl, bieten kaum noch Nischen und Hohlräume für geeignete Brutplätze.
Bei Sanierungen im Altbestand werden die Gesetze zum Schutz der Gebäudebrüter-Niststätten oft einfach missachtet.
Die Lebensstätten von Gebäudebrütern sind ganzjährig durch das BNatSchG §44 geschützt und dürfen nur mit einer Ausnahmegenehmigung und unter Auflagen entfernt werden. Für die verlorenen Nistplätze müssen Ersatznisthilfen in ausreichender Anzahl angebracht werden. Das ist ganz einfach und nicht teuer.

Schlechte Planung

Trotzdem setzen sich nicht nur private Bauherren immer wieder über den gesetzlichen Artenschutz am Gebäude hinweg. Auch bei öffentlichen Baumaßnahmen kommt es regelmäßig zu Verstößen. Erst im letzten Jahr kam es bei dringend notwendigen Schulsanierungen in Berlin zu Bauverzögerungen und einem Baustopp, weil während der Brutzeit von Spatz, Mauersegler und Co saniert wurde und dort Tiere akut gefährdet waren. Hätte man sich an die gesetzlichen Regelungen gehalten und vor Baubeginn ein ornithologisches Gutachten erstellen lassen, wäre unter Einplanung des Artenschutzes ein zügiger und reibungsloser Bauablauf ohne weiteres möglich gewesen.

Dabei ist eine rechtzeitige Planung bei Sanierungen aus vielen Gründen unabdingbar: Bei den Herstellern professioneller Einbaunistkästen für Haussperlinge und Mauersegler gibt es derzeit Lieferengpässe von bis zu 12 Monaten. Dem Senat ist dieses Problem seit letztem Herbst bekannt, bleibt nun also zu hoffen, dass man dort direkt gehandelt und vorgesorgt hat, nicht nur für die große Schulsanierungsoffensive.

Wie steht es also um unsere Berliner Spatzen?

Sieht es bei uns auch bald so aus wie in Köln oder München?
Die letzten Untersuchungen in Berlin ergaben dass die Bestände in Berlin noch stabil sind, allerdings immer mit der Betonung auf „noch“.
In Berlin wird gebaut, saniert, neuversiegelt und nachverdichtet wie nie. Und nach wie vor gehen dabei weitaus mehr Nistplätze für Mauersegler, Spatz, Fledermaus und Co verloren als dass sie ersetzt oder neue geschaffen werden. Hier ist die Politik gefragt und es muss dringend gehandelt werden.

Aber auch wer selbst tätig werden will kann einiges tun um seinen gefiederten Nachbarn zu helfen:

Nistkästen aufhängen

Nistkästen gibt es im Handel oder man kann sie auch selbst bauen. Wichtig ist, dass man wirklich auf Qualität achtet. Kästen aus Plastik, Metall oder sonstigen Dekomaterialien sind absolut unbrauchbar und gefährden sogar die Brut. Nistkästen aus Holz sollten massiv und unbehandelt sein, die Dicke der Bretter sollte 1,8cm nicht unterschreiten. Empfehlenswert und beliebt bei Vögeln sind auch Holzbetonkästen. Sie sind besonders haltbar und verfügen über gute Klimaeigenschaften.
Nistkästen sollten nicht in die pralle Sonne und nicht zur Wetterseite, also dem Wind und Regen entgegen gehängt werden. Am besten eignet sich eine Ostwand.
Spatzen nisten gerne in Gesellschaft und weiter oben. Daher gerne mehrere Nistkästen in einer Höhe ab drei Meter anbringen, lieber noch direkt unter der Dachkante.

Naturnah und pestizidfrei gärtnern

Der Verzicht auf Pestizide versteht sich von selbst, aber auch bei der Pflanzenauswahl gilt es einiges zu beachten. Nur heimische Pflanzen bieten Insekten und Vögeln auch die Nahrung die sie brauchen. Geranien, Begonien und andere beliebte Balkonklassiker eignen sich lediglich als Dekoration, sind für Bienen, Schmetterlinge und andere nützliche Insekten jedoch vollkommen wertlos.

Hecken pflanzen

Dichte Hecken sind für Spatzen überlebenswichtig. Sie bieten der Kolonie ganzjährig Schutz, dort verbringen sie einen Großteil ihres Tages und dort schlafen sie auch wenn sie nicht brüten. Sie sind ein essentieller Teil ihres Lebensraumes. Der Verlust dichten Buschwerks in ihrer Umgebung kann das Aus für eine ganze Spatzenkolonie bedeuten.

Bei anstehenden Sanierungen: Gebäudebrüter melden!

Wenn in der Nachbarschaft ein Haus saniert wird, sollte man immer genauer hinschauen.
Weiß man z.B. dass an diesem Haus Spatzen, Mauersegler oder andere Tiere ihre Nistplätze haben, ist es wichtig den Bauherren und die Untere Naturschutzbehörde des Bezirks zu informieren. Beide können Auskunft darüber geben ob vor Baubeginn ein ornithologisches Gutachten erstellt wurde und ggf. dafür sorgen dass dies noch nachgeholt wird.

Links:

Spatzen in Berlin und München: https://bit.ly/2TcbArA

Vogelfreundlicher Garten:
http://region-hannover.bund.net/themen_und_projekte/naturgarten/vogelfreundlicher_kleingarten/

Bauanleitungen für Nistkästen:
http://www.bund-rvso.de/nistkasten-kaufen-bestellen-nistkaesten-bund.html

downloads:

Flyer: Planzliste für einen naturnahne Balkon

Flyer: Planzliste (Sträucher und Gehölze) für einen vogelfreundlichen Garten

Flyer: Gartentipps

2 Kommentare

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  1. Berliner schaut in Eure Parks, aufs Wohnungsgrün und in Kleingärten: jetzt wird aufgeräumt…….FRÜHJAHRSPUTZ ! Da sollte sich das Federvieh in Sicherheit bringen Richtung Stadtwildnisse

  2. Gutachten sind für die Katz, hält sich ja doch keiner daran. Wird nicht kontrolliert und erst recht nicht umgesetzt. Wenn man mal prüft, welche Namen auf der Gutachterliste stehen, da stolpert man zu mindestens über einen Namen….Da sag ich nur: Doppelverdiener….Wie geht dass denn?

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