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Strauchpflege in Berlin:

So kann es nicht weitergehen

© by pixabay

Ein halbes Jahr lang beobachteten wir als BUND-Arbeitsgruppe Strauchschutz die Strauch-Pflegemaßnahmen in mehreren Parkanlagen der Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln. Die Bilanz: Entweder wurden Sträucher seit Jahren gar nicht gepflegt oder bei einem Großteil der Gehölze so unqualifiziert geschnitten, dass wir gärtnerisches Handwerk kaum und naturschutzfachliches Wissen erst gar nicht erkennen konnten. Aber noch einmal zurück zum Anfang.

Im Oktober schrieben wir die jeweils zuständigen Stadträt*innen der drei Bezirke an und fragten nach den geplanten Strauch-Pflegemaßnahmen ausgewählter Parkanlagen. Von Friedrichshain-Kreuzberg erhielten wir leider auch nach wiederholter Anfrage keine Antwort. Aus Tempelhof-Schöneberg hieß es schriftlich, man plane Auslichtungs- und Verjüngungsschnitte an Sträuchern nach dem Handbuch Gute Pflege (ein von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz in der Testphase befindliches Pflegewerk mit empfehlenden Charakter für die Bezirke). Zum einen solle die Einsehbarkeit und damit die Drogenkriminalität eingedämmt, an anderer Stelle Konkurrenz-Gehölze gestärkt und anderenorts die Vitalität der Sträucher gefördert werden. Der Grünanlagen-Leiter von Süd-Neukölln erklärte sich bereit, die geplanten Pflegeeinsätze für das Akazienwäldchen in Neukölln-Britz bei einem gemeinsamen Spaziergang direkt an Ort und Stelle zu erläutern. Hier kündigte er  moderate Eingriffe an, um raumgreifende Aufwüsche wie die der Brombeere aus den Beständen zu entfernen und die Sträucher, die aufgrund von Lichtmangel und unterlassener Pflege geschwächt wurden, durch Einkürzungen wieder herzustellen. Einig schienen wir uns mit dem Grünanlagen-Leiter für Süd-Neukölln darin zu sein, dass Grünzonen wie diese und eine entsprechende qualifizierte Pflege für die städtische Kleintierwelt vom Igel über unsere gefiederten Kleintierwesen bis hin zu den Insekten ungemein wichtig sind. So weit, so gut.

In nur einer Grünanlage wurde die Strauchpflege fachgerecht durchgeführt

Am 1. März 2019 endete die durch das Naturschutzgesetz festgeschriebene Schnitt- und Fällsaison und so machten wir erneut einen Rundgang durch die Parkanlagen und schauten uns das Ergebnis der angekündigten Gehölz-Pflegemaßnahmen an.

In Kreuzberg und Schönberg war zu beobachten, dass die Strauchpflege vielerorts unterlassen wurde. Viele Sträucher sind von Kletterpflanzen wie Gewöhnliche Waldrebe und Wilder Hopfen so stark überwuchert, dass der daraus resultierende Lichtmangel und Trockenheitsstress zwangsläufig zu einem Absterben der darunter liegenden Sträucher führen wird. So drohen beispielsweise Gehölze auf dem Schöneberger Perelsplatz in den Randbereichen des Parks, sich nach und nach in Totholz zu verwandeln. Lediglich die im Heinrich-von-Kleist-Park angekündigten Verjüngungsschnitte wurden manuell und nach gärtnerischem Können ausgeführt.

Zufällige Beobachtung von Überwuchs durch Wilder Hopfen und Gewöhnliche Waldrebe am Viktoriapark
Eine der wenigen erfreulichen Entdeckungen auf unserem Streifzug: fachgerechte Strauchschnitte im Heinrich-von-Kleist-Park

 

 

 

 

 

 

 

 

Besonders schockiert haben uns die Tätigkeiten im Akazienwäldchen. Hier eliminierte die vom Grünflächenamt beauftragte Fremdfirma sowohl die ökologische als auch ästhetische Funktionalität der Sträucher durch zum Teil flächenhaftes Entfernen von Gehölzen und Einkürzungen großer Äste auf viele Jahre hinaus. Wo bei unserem gemeinsamen Spaziergang im Januar noch eine drei Meter hohe, fünf Meter tiefe und hundert Meter lange, dicht bewachsene Hecke aus unterschiedlichen Blüh-und Decksträuchern wie Liguster, Weißdorn, Holunder, Gewöhnliche Waldrebe, Schnee- und Brombeere befand, stehen heute nur noch ein paar einsame, grob eingekürzte Gewächse. Das Gezwitscher kleiner Piepmatze und Nester aus der vergangenen Brutsaison sind passé. Aber auch den Strauch-Funktionalitäten wie Lärmdämmung und Verbesserung der Luftqualität an der angrenzenden und vielbefahrenen Blaschkoallee hat man sich hier beraubt.

Ein Holunder nach den Schnittmaßnahmen
Der dichte Grünzug an Blüh- und Decksträuchern ist verschwunden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine behutsame Erhaltungspflege mit Nachpflanzungen typischer Heckensträucher hätte den ökologischen Wert nicht nur erhalten, sondern aufgewertet. Stattdessen bleiben die zuständigen Behörden jahrelang untätig und greifen dann plötzlich umso heftiger ein. Wie dem Gespräch mit dem zuständigen Grünanagen-Leiter für Süd-Neukölln zu entnehmen war, verspricht man sich dadurch eine gewisse „Nachhaltigkeit“. Gemeint scheint allerdings nicht prioritär die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit der Sträucher, sondern vielmehr, dass sich das Grünflächenamt nach einem radikalen Rückschnitt die nächsten Jahre nicht mehr mit dem Grünzug befassen muss. Mangelndes Geld und fehlendes Personal sind hier die treibenden Faktoren.

Ein Teufelskreis zwischen unterlassener Pflege und vollständigem Rückschnitt

Beides, weder die Vernachlässigung noch die flächenhaften radikalen Rückschnitte tun den Gehölzen gut. Ersteres, also die Unterlassung von Pflege, wirkt sich gleich doppelt negativ auf unsere Grünzonen aus. Denn beschäftigt man sich eingehender mit der Broken-Windows-Theorie, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verfall von Stadtgebieten und Kriminalität hergestellt, ist die „Zweckentfremdung“ von Grünzügen durch Vermüllung oder Nutzung als Drogendepots dort wahrscheinlicher, wo Strauchbestände vernachlässigt werden. Die Unterlassung von Pflege fördert die Überwucherung, damit einhergehend eine geringere Einsehbarkeit, verringerte Blühaspekte und Vergreisung der Gehölze. In der Folge werden die Orte zweckentfremdet, von Spaziergänger*innen als sogenannte „Angsträume“ wahrgenommen und entsprechend gemieden. Ein Phänomen, was sich beispielsweise in Neukölln am Weigandufer, nördlich des Wildenbruchplatzes sehr schön beobachten ließ. Die Grünflächenämter reagieren darauf auch auf Druck der Polizei immer häufiger mit starken Rückschnitten oder gar der Beseitigung ganzer Gehölzgruppen. Eine kontinuierliche Pflege, wie sie im Handbuch gute Pflege empfohlen wird, würde unseres Erachtens diesen Teufelskreis durchbrechen.

Zwei Drittel der gefährdeten Brutvogelarten kommen auch in Berlin vor

Können wir uns angesichts des Artenrückgangs, wie er ja auch in Berlin um sich greift, noch leisten, dass Naturschutz hier immer letzte Priorität zu haben scheint? Allein von den 234 in Deutschland gefährdeten oder vom Aussterben bedrohten Brutvogelarten kommen zwei Drittel auch in Berlin vor. Ist die Parkpflege, wie sie exemplarisch im Akazienwäldchen zu beobachten ist, ästhetisch und einer Stadt würdig, die sich sehr gerne damit schmückt, eine vergleichsweise so grüne Metropole zu sein? Was ist mit dem Koalitionsvertrag, in dem es heißt: „Die landeseigenen Flächen wird sie (die Senatskoalition) naturnah pflegen und bewirtschaften, das gilt für Forsten, Landwirtschaft, Wasser- und Grünflächen gleichermaßen […]. Die naturnahe Pflege wird in Pflegeplänen verankert.“?

Viel Zeit bis zu den nächsten Landtagswahlen bleibt nicht mehr. Für uns, als BUND-Arbeitsgruppe Strauchschutz, bedeutet dies umso mehr, mit den Gesprächen im nächsten Jahr fortzufahren und Statistik über die enormen Futter- und Wohnraumverluste für Spatz und Co. zu führen.

Sie möchten Teil der AG Strauchschutz werden? Dann schreiben Sie uns: verena.fehlenberg@bund-berlin.de

Links:

Handbuch Gute Pflege. Pflegestandards für die Berliner Grün- und Freiflächen

Downloads:

Übersichtsliste der Parkanlagen, die sich die AG Strauchschutz ansah

Ein Kommentar

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  1. Das beste Beispiel, dass Kriminalität nicht an uneinsehbare Orte gebunden ist, ist der Alexanderplatz. Hier werden seit Jahren Heckenbestände und Hochbeete radikal runtergeschnitten bzw. einbetoniert: Karl.Liebknechtstr., Rathauspassage beispielsweise oder Hackescher Markt.

    Diese Beispiele wiedersprechen der og These: Auch Müll wird grade in stockgesetzen Passagen deponiert, das geht sogar viel besser, da kein Widerstand mehr ist und er ist nur besser sichtbar. Das hat dann den Effekt, noch mehr Hässlichkeit und weniger Stadtnatur ergo immer weniger Erholungs- und Stressabbaueffekte sowie ökologische Leistungen durch Stadtgrün.

    Auch die Drogenthese würde mich interessieren? Gibt es denn konkrete Fakten und Nachweise, dass jemals der Kampf gegen Büsche, die Sichtschneisen irgendeine Kriminalität vermindert und den Kampf gegen Dealer und Konsumenten ersetzt hätten? Die Drogenszene zieht doch weiter bzw. geht in die Bars oder ins Netz. Der Bahnhof Alex und auch andere kriminelle Ereignisse in Bahnhöfen beweisen, dass diese nicht an Hecken gebunden ist, das ist ja lächerlich.

    Weigandufer: Zugvögel habe derzeit sowieso Probleme und dann werden denen, die es schaffen, noch großflächig die Brutgebiete weggeschnitten. Das dürfte auch nicht mehr gesetzeskonform sein. Der zweite Abschnitt soll ja auch noch gerodet werden.

    Es muss vor dem Hintergrund der ganzen politischen Verpflichtungspapiere doch durchsetzbar sein, dass solche Umgestaltungen artenschutzfachliche und damit auch Belange der Naturbildung berücksichtigen und Nachpflanzungen erfolgen und zwar adäquat. Die Rodungen am Weigandufer, die mit Geldern aus dem Topf Zukunft der Stadtnatur gefördert wurden, sind ja nur ein negatives Beispiel für die zahlreichen Parkumgestaltungen, wo mit öffentlichen Trägern und Geldern Stadtnatur (naturnahe Bereiche und Biotope, wozu übrigens auch Totholz gehört) vernichtet wird. In durchsichtigen Büschen und runtergestutzten Hecken kann kein Vogel mehr brüten bzw. Zuflucht suchen.

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