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Gärtner*in 2019 – ein undankbarer Job!

Charta Stadtgrün: Grünpflege zwischen Fach-Krise und ökologischer Anforderung

Der Staatssekretär Stefan Tidow hat es in der Berliner Abendschau am 28. Juli wohl zum ersten Mal so deutlich auf den Punkt gebracht: In den Gartenämtern fehlt es im großen Stil an Personal aber auch an fachlicher Qualität. Für kundige Beobachter gilt dies aber nicht nur fürs Öffentliche Grün sondern fast flächendeckend.

(Nicht nur) Bezirksamtsgärtner*innen gegen eine Welt von Widersacher*innen: Beschwerden über ausbleibende Eingriffe und Pflege, dann aber zuviele massive Eingriffe und die Artenvielfalt wird so auch nicht gefördert. Maschinell aufgerüstete Hortulani (lat. Gärtner) kämpfen oft aussichtslos gegen wucherndes Grün, Grill- und Müllattacken und der Zerstörungswut mancher Zeitgenoss*innen. Das noch häufig herrschende Ideal des barocken Formschnitts und Landschaftsgartens konfrontiert mit permanenter Mangelwirtschaft. Aussichtslos isoliert von den Erkenntnissen der Stadtwildnisforschung und Vegetationsökologie.
Und dann noch diese Naturschützer die auf den Gärtner*innen herumhacken…

Und auch Bürger*in und Politik befinden sich gern im Forderungs-Modus ohne Blick auf die Hintergründe. Das trifft auf ausgedünnte und fachlich überforderte Personal-Teams mit Hang zur Wagenburg-Mentalität.
Wie soll da eine ökologisch orientierte Aufwertung der Parkanlagen gedeihen? – Dies ist aber eminenter Inhalt der geplanten Charta für Berliner Stadtgrün, die auch Teil des Koalitonsvertrags ist. Es gibt da eine Idee.

Gartenämter brauchen zeitgemäßes Bildungsformat

Was unter tatkräftiger Mithilfe des BUND in der Berliner Baumpflege gelungen ist – nämlich die Qualitätsstandards deutlich zu heben – kann mit den gesammelten Erfahrungen auch in der Grünpflege gelingen. Weg von der Konfrontation – hin zu Dialog und Wissens-Transfer.

Bisher vermittelt eine Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau eher Künste für lukrativen Parkplatz- und Wegebau denn verwertbare ökologische Kenntnisse. Die „übliche“ Pflege von Gärten/Parks dient den Firmen oft zur Überbrückung von Auftragstälern. Und die Kundschaft verlangt es günstig, gründlich und auch schon mal robust.
Die Fachverbände und Deutscher Städtetag lehnen indes eine Differenzierung und Reform des Ausbildungswesens ab, denn die Pflege könnte ja teurer werden.
Wo kann erlernt werden, besser mit unseren Sträuchern, dem Lebensraum Boden, Wildkräutern und Vogelwelt umzugehen?

„Akademie für naturnahes Gartenwesen“

Naturnahe Hecke bietet für Vögel, Igel und Co. Schutz

Die Senatskoalition muss diese fatale Situation überwinden und das Personal mit organisierter Weiterbildung unterstützen. So müssten Berlins Ressourcen genutzt und in einer „Akademie für naturnahes Gartenwesen“ (Arbeitstitel) Wissenschaft und Praxis zusammengeführt werden.

Eine faszinierende Aussicht: Austausch und Bildung unter einem Dach mit Akteuren wie z. B. TU-Institut für Ökologie, Leibniz-Institut für Wildtierforschung, Naturschutzbehörden, Landschaftsarchitektur, Expert*innen der biologischen Landwirtschaft etc. Ein zeitgemäßes Signal für eine neue Grünpflege.

Sorgen wir dafür, dass Gärtner*innen zu Verbündeten des Naturschutzes werden können!

 

Anmerkungen zu Fotos:

Titelfoto: HOPFEN als Hauptgewinner einer Radikal-Schnittaktion im März 2019

weitere Fotos: Radikalschnitt Fallbeispiel Anlage Robinienwäldchen (Neukölln): Verlierer der Massnahme sind Vögel (Verlust von Schutz, Nahrung, Nestbau), Säugetiere (Mangelnde Deckung) und Parkbesucher (Lärmschutzverlust zur Blaschkoallee). Eine Nachpflanzung wurde abgelehnt aber die Naturverjüngung beseitigt und die Gehölzschnitt-Bodenauflage mit herbizider Wirkung unterdrückt insbesondere lichtkeimende Wildkräuter.

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