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Deutsche Bahn mit Naturschutzprojekt?

Verlorener Teil des Südgeländes wiederentdeckt

Aus einem Expeditionsbericht von Berliner Naturschützer*innen: mit Bergsteigerblick geht es über rostige Gleisanlagen in eine unbekannte Wildnis. Aufkommende Begeisterung über die unberührte Mischung von buntem Gehölzaufwuchs mit offenen Wiesenbereichen. Wir umsteuern Holz- und Betonstapel, Kabelschächte und ausgediente Signale, verirren uns in dschungelähnlichen Dickichten. Buchenwälder im Bonsai-Format versuchen ihr Glück, die nach Lehrmeinung hier gar nicht hingehören. Wir passieren ein Sperber(?)-Nest in vollem Flugbetrieb und ein fröhliches Grüppchen Schwanz-Meisen. Eine grüne Eidechse bestaunt minutenlang uns Eindringlinge während ihre Artgenossen andernorts geschäftig übern Weg flitzen. Superstar Mantis religiosa (Gottesanbeterin) hält sich bedeckt bei flüchtigen Besuchern.
Richtung Sonnenaufgang Mauern und türmende Gebäudequader. Kurs Westen rauschen eilige ICEs in Moll hinter grünverdeckten Wänden. So wie Rio de Janeiro seinen ‚Floresta da Tijuca‘ – die Regenwaldoase im Häusermeer hat, so hat Berlin das Südgelände – Nation für hunderte bedrohte Arten.

Vergessenes Relikt einer außergewöhnlichen Gartenschau-Idee

Dies ist Berlins letzte große unberührte Bahnlandschaft inmitten der Stadt – bis zu 15 Hektar groß aber weitgehend unsichtbar hinter Fabrikmauern und Schallschutzsegmenten.
Zusammen mit dem heutigen Natur-Park Schöneberger Südgelände war es bis 1952 einer der gewaltigsten Rangierbahnhöfe des Landes – nun eigentlich ein melancholisches Zeugnis der etappenweisen Preisgabe des Schienenverkehrs.
Nach Plänen zu Westberliner Zeiten sollte hier 1995 eine völlig neuartige Bundesgartenschau stattfinden, deren Intention am Natur-Park Schöneberger Südgelände abzulesen ist. Der Fall der Mauer machte den Ambitionen ein Ende aber das architektonische Konzept findet seinen Nachhall bis heute in Veranstaltungen dieser Art.

Statt dessen legte die Bahn ihre Hochgeschwindigkeitsstrecke mitten hindurch, so dass der Komplex in zwei Teile zerfiel. Auf dem westlichen 18 ha grossen Areal entstand der bekannte Naturpark, der andere Sektor hingegen verschwand für Jahrzehnte aus dem Blickfeld. So konnte sich bis heute jene von Prof. Kowarik beschriebene „Natur der Vierten Art“ völlig ungestört entwickeln. Hier tummeln sich Eidechsen, seltene Pflanzen und Insekten – oft Neuberliner*in per Bahn, wohl auch die berühmte Gottesanbeterin aus dem Südwesten.

Chance für ein Modell-Projekt Stadtökologie?

In den letzten Jahrzehnten sind stadtweit über 400 Hektar Bahnflächen aufgegeben worden, davon 260 Hektar zur Bebauung verplant oder zum Opfer gefallen. Der echte Lebensraumverlust für Eidechse und Co. dürfte über 310 ha liegen, wenn man die Umwandlungen in drastisch genutzte Parks einrechnet.
Die Senatskoalition will mit ihrer Charta für das Berliner Stadtgrün besonders qualitätsvolle Grünräume sichern aber auch entwickeln. Dieses Areal bietet derartig günstige Bedingungen, dass die Bahn genau hier ein Bekenntnis zum Naturschutz plazieren könnte.

Nach Informationen des BUND würden renommierte Akteure auf dem Gelände gern aktiv werden. Die Untere Naturschutzbehörde zielt auf Eingriffe, um dieses Biotop im artenreichen Status zu bewahren, bevor es durch einen monotonen Sekundärwald eingenommen wird. Aus dem Institut für Ökologie der TU vernimmt man wissenschaftliches Interesse. Eine umfassende Erst-Kartierung von Flora und Fauna stünde an.

Ideale Basis wäre eine partnerschaftliche Zusammenarbeit der Bahn mit Verwaltungen und Wissenschaft um Ausgleichs-/Ersatzmaßnahmen für verlorene Lebensräume wenigstens teilweise auf ihrem eigenen Gebiet HIER umzusetzen. Man hört solches wäre bei gutem Willen aller Beteiligten nur eine Frage der Vertragsgestaltung.
Vor den Visionen steht die Arbeit und es ist höchste Zeit, sich um dieses Paradies zu kümmern.

Berliner Naturschutz und die Deutsche Bahn – diese Beziehung ist ausbaufähig!

Weiter Infos:

Kowarik_1991_Unkraut_Urwald_Natur_derviertenArt_Gleisdreieck

Mehr zum Flächenschutz:

BUND immergrün-Kampagne

BUND-Broschüre „Ein Sicherheitsnetz für Berlin – Die Grüne Infrastruktur erhalten und ausbauen

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