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Graue Städte können unter bestimmten Umständen krank machen

© by Reimund Bertrams from Pixabay

Nass und regnerisch ist es, aber auch wenn wir noch mittendrin im Winter stecken: Die Tage werden schon wieder länger und der nächste Frühling kommt bestimmt und dann zieht es uns auch wieder raus in die Stadtnatur! Gerade wenn uns in der Mittagspause oder kurz vor Feierabend nur wenig Zeit bleibt, um die Sonne zu genießen, ist es wichtig, ein Fleckchen Erde um die Ecke zu wissen, das problemlos erreicht werden kann, ohne, dass man sich mit einer kompletten Wanderausrüstung für alle Eventualitäten auf den Weg machen muss. Das können große bekannte Grünanlagen sein wie die Wuhlheide oder das Tempelhofer Feld. Aber leider hat nicht jede*r einen solchen Park in der Nähe.

Eine Million Menschen in Berlin haben keinen Zugang zu einer wohnungsnahen Grünanlage, die sie fußläufig innerhalb weniger Minuten erreichen können. Vor allem älteren und kranken Menschen bleibt da nur noch der Blick aus dem Fenster und der wird in Berlin zunehmend grauer.

Seit einiger Zeit befasst sich die Wissenschaft unter dem Themenfeld „Neurourbanistik“ mit den Auswirkungen städtischer Umweltbelastungen auf die menschliche Gesundheit. Eine hohe Lärmbelastung, ein reges Verkehrsaufkommen und fehlendes Grün werden als besonders stressverursachend angesehen. Dieser Stress kann sich in psychischen und physischen Krankheiten manifestieren, wenn den betroffenen Personen keine Bewältigungsoptionen zur Verfügung stehen –  ein Umstand, der vor allem auf ärmere und sozial benachteiligte Bewohner*innen zutrifft.

So mag es auch kein Zufall sein, dass laut einer Studie des Zentralinstitutes für seelische Gesundheit im Jahr 2011 Angststörungen bei Stadtbewohner*innen um 21% und Depression sogar um 39% häufiger vorkommen als bei der Bevölkerung auf dem Land [1]. Dabei ist aber nicht die bauliche Dichte die Ursache für mehr Stress, sondern die bauliche Form [2]. Dieser mangelt es vor allem an Grün.

Grün hat eine herausragende Bedeutung für unser Wohlbefinden

Wenig überraschend bestätigen bisherige Forschungsergebnisse, dass Grünbereiche in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung haben und den wichtigsten Beitrag leisten, um Stress zu reduzieren. Letzteres nimmt zudem mit dem Grad an Vielfalt von Pflanzen und Tieren zu. [3] Vor allem Singvögel haben eine beruhigende Wirkung auf den menschlichen Organismus. Pflegeleichtes Einheitsgrün, wie wir es in den vielen Berliner Grünanlagen und den Grundstücken der Wohnungsbaugesellschaften vorfinden, reicht also nicht aus, um das Wohlbefinden der Bevölkerung wirklich ernsthaft zu steigern. Ganz im Gegenteil wird einem beim Anblick eines Grünstreifens oder einer Parkanlage fast schon schwer ums Herz, wie lieblos hier gestaltet und gepflegt wird.

Verschärft wird die gesundheitliche Situation der Stadtbewohner*innen durch den Wärmeinseleffekt der Stadt. Die Bodenversiegelung und die dichte Bebauung sorgen dafür, dass es in Berlin im Mittel 3-4 °C wärmer ist, als im Umland. Das mag heutzutage noch zu ertragen sein, bis zum Jahr 2055 rechnen Klimawissenschaftler*innen aber mit deutlich heißeren Sommern und einem Jahresmitteltemperaturanstieg um 2,5°C. Darüber hinaus vollzieht sich auch hinsichtlich der Altersstruktur ein tiefgreifender Wandel, der die Stadtentwicklung vor zusätzliche Herausforderungen stellt.

Begrünte Innenhöfe sorgen für ein gutes soziales, ökologisches und meteorologisches Klima

Neben der verbindlichen Sicherung unserer Grünflächen vor Bebauung und ihrer naturnahen Pflege können auch mit der Begrünung von Höfen gleich mehrere positive Wirkungen erzielt werden. Kletter-oder Schlingpflanzen an den Hauswänden und Pflanzen auf dem Hof regulieren das Mikroklima. Im Sommer sorgt die Verdunstungskälte dafür, dass sich Häuser nicht allzu sehr aufheizen. Nachts wird dagegen Energie freigegeben, sodass begrünte Wände weniger stark abkühlen, was den Fassaden ein längeres Leben beschert. Im Winter bremsen Pflanzen den Wind, daher haben Häuser mit begrünten Fassaden einen niedrigeren Energieverbrauch. Zudem fungieren Blätter als Staubfilter, indem sie gasförmige Schadstoffe aufnehmen und diese erst wieder abgeben, wenn das Laub fällt. Mindestens aber genauso wichtig ist: Vor allem für ältere oder kranke Menschen sind begrünte Höfe eine Möglichkeit, ihnen ein lebens- und liebenswerteres Wohnumfeld zu schaffen. Auch sorgen sie für ein gutes soziales Klima, indem sich Anwohner*innen treffen, austauschen und gemeinsam aktiv werden können.

Wie sieht es mit der Förderung aus?

Auf der Bundes- als auch der Landesebene gibt es jedoch kein originäres Programm für die Hofbegrünung im Wohnungsbau. Ein Programm der Senatsverwaltung wurde bereits 1996 eingestellt, obwohl sich Flächenmangel und Klimaveränderungen seither drastisch verschärft haben. Die Bezirke Spandau, Friedrichshain-Kreuzberg und bis 2016 auch noch Pankow haben daraufhin eigene Hofbegrünungsprogramme aufgelegt, in dessen Zuge zwischen 2014 und 2018 insgesamt 15 Höfe begrünt wurden – in Anbetracht der Zeit und der Vielzahl an Innenhöfen ist das recht überschaubar. Zudem wurden die Maßnahmen in Friedrichshain-Kreuzberg aus Mitteln der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen finanziert. Es ist also davon auszugehen, dass die Hofaufwertungen nicht zu einer Erhöhung des Grüns im Bezirk insgesamt beigetragen, sondern allenfalls den Verlust von Grün durch eine Baumaßnahme anderenorts ausgeglichen bzw. ersetzt haben.

Der Umwelt- und Naturschutzverband Grüne Liga Berlin setzt sich seit Jahren für grüne Höfe in Berlin ein. Unter dem Motto Bestäubend schön Berlin! berät der Verein Mieter*innen, Hauseigentümer*innen und städtische Wohnungsbaugesellschaften zu einer klima- und insektenfreundlichen Gestaltung ihres Hofes. So sind mit Hilfe des Vereins schon viele Innenhöfe in einem neuen Grün erstrahlt. Aber auch die Grüne Liga Berlin kann den großen Nachfragebedarf für die ganze Stadt nur begrenzt decken.

Wir brauchen daher eine ambitionierte Stadtgrünpolitik, die verbindliche Flächen-Sicherungsinstrumente auf den Weg bringt und intelligente Lösungen wie die Hofbegrünung in einem deutlich höheren Umfang als bisher fördert und vorantreibt, um letztlich unsere Stadt vor dem Ergrauen zu bewahren.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe #stadtbrauchtgruen. Bis Ostern werden die Naturschutz-Aktiven des BUND Berlin über aktuelle Probleme und auch Lösungsansätze der Berliner Stadtnatur berichten.

 

Was können Sie tun?

Unterzeichnen Sie unseren Aufruf „Stadt braucht Grün“ an den Senat und das Abgeordnetenhaus!

 

Quellen

[1] Zukunftsinstitut für seelische Gesundheit (2011). Warum wird man in der Stadt häufiger psychisch krank? https://www.zi-mannheim.de/fileadmin/user_upload/downloads/institut/KuM-PM_2011/110622_urbanitaet_aml.pdf (Zugriff 30.01.2020)

[2] Burton, E., Williams, K., Jenks, M., (2013): Achieving Sustainable Urban Form. Taylor and Fracis

[3] Eder, R., Allex, B., Arnberger, A. (2016): Einfluss von städtischen Erholungsgebieten auf Wohlbefinden, Konzentrationsfähigkeit und Stressempfinden von Jugendlichen. Umweltpsychologie, 20, (2), 15-35

 

Beitragsbild 1 von Ulrike Mai from Pixabay

Beitragsbild 2 von Katrin Wenz, BUND

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