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Wie nachhaltig baut die öffentliche Hand?

Auch Maßnahmen gegen Vogelschlag an Glasfassaden gehören dazu

Der neue Berliner Flughafen kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus. Neben all den anderen Baustellen haben die Gesellschafter, die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund, nun auch noch ein Vogelproblem.

Immer wieder fliegen zahlreiche Tiere gegen die gläsernen Terminals, und das nicht erst seit Eröffnung des Flughafens im Herbst 2020. Bereits mit den ersten Glasfassaden vor über zehn Jahren kam es zu Vogel-Kollisionen.

2012 berichtete die Presse über einen Massenanflug bei dem Hunderte von Zugvögeln ums Leben kamen. „Wir nehmen das Problem ernst“, wurde der damalige BER-Sprecher Lars Wagner von den Potsdamer Neue Nachrichten zitiert. Er sprach damals von mehr als 350 toten Vögeln in nur einer Oktober-Nacht. „Es ist aber nicht nur ein Problem für den Flughafen, sondern es tritt an allen großen Gebäuden mit Glasfassade auf, vor allem, wenn diese an exponierter Stelle stehen.“ Damit hatte Herr Wagner recht. Es entlässt die Flughafengesellschaft jedoch nicht aus ihrer Verantwortung und kann auch nicht als Argument dienen, dass am Flughafen BER bis heute nichts gegen das Vogelsterben unternommen wurde.

Vogelkollisionen an Bundesbauten im Berliner Regierungsviertel

Schätzungsweise 17.000qm unmarkiertes Fenster- und Fassadenglas werden am Paul -Löbe-Haus zu einer potenziellen tödlichen Gefahr für Vögel.

Transparente und spiegelnde Glasgebäude liegen seit Jahrzehnten weltweit im Trend. Vor 20 Jahren gab es noch kaum ein Bewusstsein für das Problem Vogelschlag an Glas. Heute sind seine Ausmaße gut erforscht, ebenso die Möglichkeiten, das Kollisionsrisiko zu senken.

Warum also werden Glasbauten weiterhin ohne Vogelschutzmaßnahmen geplant, genehmigt und gebaut?

Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat bekennt sich auf seiner Internetseite zu der Vorbildfunktion des Bundes als Bauherr.  Aber auch die Architektur zahlreicher Bundesbauten im Berliner Regierungsviertel ist geprägt von großen Glasflächen. Für Vögel werden sie regelmäßig zu einer tödlichen Falle. Viele dieser Bundesbauten sind nach Kriterien des Bewertungssystems für nachhaltiges Bauen (BNB) entstanden und zertifiziert. Dennoch sind Maßnahmen gegen Vogelkollisionen auch bei geplanten Neubauprojekten des Bundes nach wie vor nicht die Regel.

Das zeigt die nun vorliegende Dokumentation welche der BUND Berlin dank einer Förderung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz erstellt hat.

 

Glaskollisionen gehören zu den häufigsten menschgemachten Todesursachen von Vögeln

Gläsernes Kunstwerk – selbst das Grundgesetz kann für Vögel tödlich sein.

Dass Vogelverluste durch Glasarchitektur sind ein ernstzunehmendes Artenschutzproblem sind zeigen die Berechnungen der Staatlichen Deutschen Vogelschutzwarten. Demnach kommen pro Jahr 5 bis 10% der in Deutschland vorkommenden Vögel durch Glaskollisionen ums Leben.  Allein in Berlin sind es nach Schätzungen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz etwa 4 Millionen Tiere pro Jahr. 43% der in Deutschland brütenden heimischen Vogelarten stehen auf der aktuellen Roten Liste bedrohter Tierarten; unter den menschgemachten Todesursachen liegen Glaskollisionen zahlenmäßig mit an der Spitze.

Für eine nachhaltige Stadtplanung im Einklang mit der Erhaltung der Biologischen Vielfalt sind Strategien und Maßnahmen zur Vermeidung von Vogelkollisionen an Glas deshalb unverzichtbar. Vogelschutz an Glasarchitektur ist eine reine Gestaltungsentscheidung, die technischen und baulichen Möglichkeiten dazu sind zahlreich und immer gegeben. Der immense und fortschreitende Verlust von Vögeln durch Glaskollisionen ließe sich also problemlos stoppen – WENN verantwortungsvoller geplant und gebaut würde.

Die neue Bauordnung von Berlin als Wegbereiter

Nach wie vor mangelt es den meisten Planern, Architekten und Bauherren an einem Bewusstsein für die Tragweite ihrer gestalterischen Entscheidungen. Neben einer intensiveren Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit durch die Verbände ist deshalb auch die Aufnahme des Themas in baurechtliche Bestimmungen dringend notwendig.

Dank des intensiven Austauschs von Politik und Naturschutzverbänden geht das Land Berlin hier nun einen großen Schritt voraus: Die Forderung Vogelkollisionen an baulichen Anlagen zu vermeiden wird Teil der neuen Bauordnung von Berlin.

Der Grund:

Anprallspuren kollidierter Vögel am Bundeskanzleramt.

Bislang wird Vogelschutz für risikoreiche Glasflächen in Berlin und anderswo in der Praxis zumeist auf Grundlage des Bundesnaturschutzgesetzes gefordert und angeordnet, denn Bau- und Stadtplanungsbehörden sehen die Zuständigkeit für dieses Thema in der Regel bei den Naturschutzämtern. Das führt jedoch bis heute dazu, dass Vogelschutzmaßnahmen häufig erst in einem späten Planungsstadium eingefordert oder sogar erst nachträglich angeordnet werden. Diese Verfahrensweise ist für alle Beteiligten nachteilig. In der Praxis bedeutet dies neben ungeplanten Kosten unter Umständen eine Verzögerung im Bauprozess und eine nachträgliche Gestaltungsänderung des Bauprojektes.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde mit Vogelschutzmaßnahmen nachgerüstet. Trotz Goldstatus des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen des Bundes (BNB) verunglückten immer wieder Vögel an den großen Glaswänden.

In Berlin wird dieser Ablauf nun durch die konkreteren Regelungen im Baurecht optimiert. Für Bauherren und Planer bedeutet das vor allem eines: mehr Rechtssicherheit aufgrund klarer Richtlinien im Vorfeld eines Bauvorhabens.

Die Forderungen zur Vermeidung von Vogelkollisionen in der Berliner Bauordnung könnten damit zum Vorbild für die Musterbauordnung werden. Unbedingt aufgenommen werden sollten sie aber zudem in die Bewertungskriterien der Zertifizierungssyteme für nachhaltiges Bauen.

Damit auch Bundesbauten mit Nachhaltigkeitszertifikat ihr Siegel in Zukunft auch wirklich verdienen.

 

weitere Infos:

zum Thema Vögel in der Stadt:

https://www.bund-berlin.de/themen/stadtnatur/biologische-vielfalt/vogelschutz/

 

Broschüre „Vogelkollisionen im Berliner Regierungsviertel“

als download: BroschüreRegierungsviertel

 

 

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