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Wahl-Blog 6: Nachhaltige Mobilität muss gelernt werden

Das Dilemma der Mobilitätsbildung am Beispiel Radfahren lernen

In Corona-Zeiten wurde Radfahren zum Hype – auch und gerade in Berlin. Was schon durch das Mobilitätsgesetz als Schwerpunkt gesetzt war, bekam in dieser Zeit noch mal richtig Schwung – Stichpunkt Popup-Radwege.

Und nicht zuletzt aus Klimaschutzgründen steht in Berlin die Mobilitätswende bei der Politik auf der Agenda. Leider trifft das aber nicht für den Bereich „Mobilitätsbildung“ zu, dieser wird in Berlin noch immer sträflich vernachlässigt. Mobilitätsbildung fängt meist mit dem Zufußgehen und den Verkehrsregeln an und endet häufig schon mit der Radfahrausbildung in der 4. Klasse. Dabei umfasst sie so viel mehr, sie ist lebenspraktisch und kann mit spannenden Themen richtig Fahrt aufnehmen. So können Kinder und Jugendliche an Verkehrsplanungen beteiligt werden, sollen zukunftsfähige Mobilität mitgestalten und zu mündigen Verkehrsteilnehmer*innen werden.

Am Beispiel der Radfahrausbildung, die zwar nur einen Teil der Mobilitätsbildung darstellt, zeigt sich deutlich, wie hoch der Handlungsbedarf ist. Für eine gute Radfahrausbildung braucht man gut ausgebildete Erzieher*innen und Lehrer*innen, pädagogisch geschultes, festes Personal in den Jugendverkehrsschulen und ausreichend Unterstützung durch die Polizei.

Die Regierung hat sich viel vorgenommen, aber kaum etwas umgesetzt

Die bisherige Koalition hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Jugendverkehrsschulen zu stärken, die wichtige Orte für die Radfahrausbildung sind. Laut Koalitionsvertrag sollten sie „erhalten sowie in Kapazität und Ausrichtung der wachsenden Stadt angepasst und mit fachlich qualifiziertem Personal ausgestattet [werden]“. Das klingt gut, aber das dringend benötigte feste Personal lässt noch immer auf sich warten. Die Bezirke haben vom Senat zwar Geld für die Jugendverkehrsschulen bekommen, dieses wurde aber allenfalls in Sachausstattung gesteckt. Neue Fahrräder und Sanierungsarbeiten sind zwar auch notwendig, aber genügen tut das nicht. Und die Kapazitäten der Jugendverkehrsschulen reichen jetzt schon bei weitem nicht. So ist es z.B. für Kitas oft schwierig, Termine zu bekommen, weil Schulen bevorzugt werden.

Radfahren lernen im Schonraum reicht nicht

Das wiederum hängt damit zusammen, dass die schulische Radfahrausbildung in Berlin überwiegend im Schonraum der Jugendverkehrsschulen stattfindet. Diese sind zwar wichtig, um erste Radfahrübungen im geschützten Bereich zu machen, aber dabei darf es nicht bleiben. Die meisten Berliner Kinder lernen überhaupt nicht, im realen Straßenverkehr zu fahren. Kinder, die nur im geschützten Räumen Radfahren gelernt haben, können wir doch nicht guten Gewissens in den Berliner Straßenverkehr schicken! Die vermeintliche Sicherheit während des Übens führt zu einer übermäßigen Gefährdung, wenn diese Kinder dann den Radfahrschein, oft sogar „Fahrradführerschein“ genannt, in der Tasche haben und munter auf der Straße fahren und darauf nicht vorbereitet sind. Leider übernehmen auch viele Eltern hierbei zu wenig Verantwortung und überlassen die Verkehrserziehung den Kitas und Schulen.

Damit Kinder sicher Radfahren lernen können, wird weit mehr gebraucht. Das beginnt in der Kita mit einer guten Mobilitätsbildung von Anfang an, mit motorischen Übungen und sicherem Zufußgehen. In der Schule muss sie kontinuierlich weitergeführt werden, und zwar ab der 1. Klasse und über die 4. Klasse hinaus.

Laut Koalitionsvertrag war folgendes geplant: „Mit den Bezirken und Verbänden wird ein ressortübergreifendes, gesamtstädtisches und zeitgemäßes Konzept für die Mobilitätserziehung von Kindern und Jugendlichen entwickelt. Es umfasst vorschulische, schulische und außerschulische Angebote.“ Vom Konzept aber bislang keine Spur, in Kitas ist Mobilitätsbildung oft kein Thema und auch in den Grund- und Oberschulen ist noch viel Luft nach oben.

Schulberater*innen und Lehrkräfte stärken, Kitas und Schulen besser unterstützen

Den Erzieher*innen und Lehrer*innen kann man dabei kaum Vorwürfe machen, kommen doch Mobilitätsbildung und Radfahrausbildung in der Ausbildung bzw. dem Studium so gut wie nicht vor. Und Fortbildungsangebote dazu gibt es auch viel zu wenig, von Weiterbildungen ganz zu schweigen.

Aber auch auf der übergeordneten Ebene herrscht Mangel vor. So gibt es viel zu wenig Schulberaterstunden. Dabei haben die Schulberater*innen für Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung, also die Lehrkräfte, die in den Bezirken den Schulen beratend zur Seite stehen, die Aufgabe, Fortbildungen anzubieten. Wenn sie zu wenig Stunden haben, können sie auch keine Fortbildungen organisieren.

Auch die Polizei, deren Unterstützung bei der Radfahrausbildung vor allem dann besonders wichtig ist, wenn die Kinder im realen Straßenverkehr fahren, hat zu wenig Stundenkapazitäten für diese wichtige Aufgabe. Es kann allerdings auch nicht sein, dass Lehrkräfte die Radfahrausbildung der Polizei überlassen, wie das häufig der Fall ist. Die Radfahrausbildung liegt in der Verantwortung der Lehrkräfte, die das aber unbedingt in der Ausbildung oder über Weiterbildungsangebote lernen müssen.

Infrastruktur: Gefährlich und zu wenig Platz für Kinder

Beim Radfahren merken wir aber auch einmal mehr, wie mangelhaft und gefährlich die Verkehrs-Infrastruktur gerade auch im Umfeld von vielen Kitas und Schulen ist. Fehlende und unsichere Radwege sind besonders für Kinder eine große Gefahr. Dazu kommt, dass Regelverstöße von Autofahrer*innen viel zu wenig geahndet werden. Das Parken an Ecken sowie auf Fahrradstreifen und Radwegen darf nicht toleriert werden!

Kinder haben fast überall in Berlin zu wenig Platz und kaum sichere Orte, um draußen zu spielen und ohne Gefährdungen mit dem Roller oder dem Rad zu fahren und zu üben. Diesen brauchen sie aber, um ihren Bewegungsdrang auszuleben, motorisch fit zu werden und Erfahrungen zu sammeln.

Mobilitätsbildung als Beitrag zur Verkehrswende

Das Radfahren hat eine besonders große Bedeutung für die Verkehrswende, es muss aber auch frühzeitig gelernt werden. Mobilitätsbildung bietet die Chance, Kindern das sichere Radfahren beizubringen und ihnen Spaß daran zu vermitteln. Sie können das Fahrrad als gute Alternative zum Auto erfahren und auch selbst einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Durch Mobilitätsbildung sollen Kinder und Jugendliche zu mündigen Verkehrsteilnehmer*innen werden. Dazu gehört sowohl die Förderung der selbstständigen, sicheren und nachhaltigen Mobilität zu Fuß, per Rad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, als auch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln, die Beteiligung an Planungen und die Beschäftigung mit zukünftiger Mobilität.

Was macht der BUND Berlin?

Der BUND Berlin engagiert sich für die Mobilitätsbedürfnisse von Kindern und für Platz zum Spielen auf politischer Ebene und unter anderem im Bündnis temporäre Spielstraßen. Mehr unter http://spielstraßen.de/

Mit seinem Projekt VeloKids, erarbeitet er gemeinsam mit der Landesverkehrswacht Berlin praxisorientierte Vorschläge, um die schulische Radfahrausbildung wenigsten zum Teil im Schulumfeld durchzuführen, damit die Kinder besser auf das Fahren im Straßenverkehr vorbereitet werden.

Um die Mobilitätsbildung an Kitas und Schulen zu fördern, berät und unterstützt er Erzieher*innen und Lehrer*innen, aber auch Eltern, zur Umsetzung von Aktionen und Projekten und bietet Lehrerfortbildungen an, unter anderem über das Projekt „Zu Fuß zur Kita und zur Schule“. Die BUND-Aktivitäten zur Mobilitätsbildung im Überblick, gibt’s auf unserer Homepage: https://mobilitaetsbildung-berlin.de/

Forderungen des BUND

Um die Bedingungen für Mobilitätsbildung zu verbessern und damit einen Beitrag zum Gelingen der Mobilitätswende insgesamt zu leisten formuliert der BUND Berlin folgende Forderungen:

  • mehr Platz für Kinder, damit sie sicher draußen spielen können
  • eine sichere Verkehrsinfrastruktur, u. a. im Umfeld von Kitas und Schulen
  • eine konsequente Ahndung von Falschparken und mehr Geschwindigkeitsüberwachung
  • Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung muss fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von Erzieher*innen und Lehrer*innen werden
  • mehr gute Fortbildungsangebote zur Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung
  • eine bessere Stundenausstattung der Lehrkräfte, die in den Bezirken als Schulberater*innen für Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung tätig sind und Fortbildungen anbieten (7 Stunden pro Woche)
  • festes und pädagogisch geschultes Personal für alle Berliner Jugendverkehrsschulen
  • in die Radfahrausbildung muss das Fahren im realen Straßenverkehr einbezogen werden, Lehrkräfte müssen dafür geschult werden
  • mehr Kapazitäten der Polizei zur Unterstützung der Radfahrausbildung im realen Straßenverkehr
  • konsequente Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Verkehrsplanungen

Wir brauchen dringend eine Mobilitätswende, um die Klimaziele zu erreichen und die Lebensqualität gerade im städtischen Raum zu erhöhen. Die Mobilitätsbildung ist dabei ein zentraler Baustein und muss mehr Gewicht erfahren. Denn die Kinder sind unsere Zukunft! Sie sind die Verkehrsteilnehmer*innen, -planer*innen und Entscheider*innen von morgen.

Links

www.mobilitaetsbildung-berlin.de

http://spielstraßen.de/

https://www.bund-berlin.de/themen/mobilitaet/sicherheit/

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