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Umweltzerstörung, Klimawandel und Stadtökologie

Die Frage ist nicht, wo und wann wir etwas falsch gemacht haben, wenn wieder ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, ein Bohrloch im Golf von Mexiko nicht geschlossen werden kann oder ein Tal überschwemmt wird.

Mit Blick auf den Zustand des Planeten müssen wir die Frage auch andersherum stellen: Wo und wann haben wir etwas richtig gemacht? Natürlich ernährt sich die Weltgemeinschaft seit tausenden Jahren irgendwie und fast jeder hat ein Dach über dem Kopf, Familien verleben schöne Urlaube und irgendwo streichelt ein glückliches Kind ein Reh. Wir haben großartige Kunstwerke erschaffen und uns unglaubliche wissenschaftliche Erkenntnisse erworben.

Eine Bestandsaufnahme aber zeigt: Der Planet ist so zerstört, dass er kaum zu retten ist. Die Meere sind mit Giftstoffen belastet, Mutterböden haben sich zu Staub verwandelt. Der riesige Aralsee ist verschwunden. 80-90% der weltweiten Abwässer werden nicht gereinigt. Nur 3,6% der Fläche Deutschlands ist noch als halbwegs intakte Natur zu bezeichnen, d.h. 96,4 % ging uns verloren. Es ist apokalyptisch.

Die Natur wurde zum Opfer unseres Denkens und Handelns. Ihr Zustand spiegelt vor allem eine Sinnkrise, vor deren Eingeständnis wir uns genauso drücken wie davor, endlich tätig zu werden und die Zerstörung zu beenden.

Wo auf der Achse der Möglichkeiten zwischen dem Leben in einem abgelegenen Bauernhof und dem Flug im Raumschiff zu anderen Gestirnen liegen wir denn nun richtig?

Ist irgendeine Einsiedlerhütte die ideale Lebensform oder die Großstadt? Ist eine Uhr für 20.000 Euro ein wunderbarer mechanischer Gegenstand oder ein Zeichen von Dekadenz? Muss ich jetzt immer in Deutschland Urlaub machen oder ist es noch erlaubt, die Sumpfzypressenwälder in Louisiana zu besichtigen? Werden die städtischen Springbrunnen bald abgeschaltet, weil man in ihnen nur noch Symbole für Wasserverschwendung sieht?

Es wird viel über Reparaturen und Veränderungen nachgedacht. Solarzellen werden bald Kraftwerke ersetzen. Im besten Fall wird die Bahn ausgebaut, das Privatauto verschwindet, Nadelforste weichen Mischwäldern.

Erst einmal richtig, und trotzdem fast so, als würde man seinen Urlaub damit verbringen, mit dem Auto 14 Tage im Kreis um den Block zu fahren, in dem man wohnt. Weil nicht beantwortet wird, warum wir soviel Strom brauchen, die Fahrt mit dem Zug notwendig ist und welchen Zweck der Wald haben soll, wenn er groß ist.

Die Frage ist doch: Wie soll sie aussehen, die Erde und die Gesellschaft der Zukunft?

Was wir verloren haben ist das Bewusstsein dafür, was wir sozusagen als Starter-Pack geschenkt bekommen haben: eine Welt voller Wunder. Der Begriff der Schönheit hat sich verschoben. Schön sind TESLAS, das iPhone, das bearbeitete Instagramfoto. Wer würde schon für eine Kirschblüte acht Stunden vor einem Geschäft anstehen?

Auch die Maßstäbe sind verloren gegangen: Da wird es zur Verschwendung erklärt, wenn ein Kind beim Zähneputzen das Wasser laufen lässt. Dass Kraftwerke zur Kühlung ganze Flüsse leer saugen, wird hingegen als gesetzt hingenommen.

Es würde mit diesem Chaos wahrscheinlich ewig weitergehen, wenn nicht langsam die Katastrophen so teuer geworden wären, dass wir die Zukunft davonschwimmen und die Enkel gegrillt sehen.

Und trotzdem verharren wir gefangen in unseren Ängsten. Man redet von Regionen, die kollabieren werden, wenn die riesigen Tagebaue den Betrieb einstellen, obwohl sie der eigentliche Kollaps sind. Arbeitsplätzen, die verloren gehen, Wohlstandsverlust. Der Heizölpreis ist wichtiger als das trockenste Jahr, das wir jemals hatten.

Aber wird nicht genau das Gegenteil eintreten, wenn wir uns der Probleme annehmen und diese lösen? Werden nicht die Flüsse klarer, das Essen gesünder, dass Leben lebenswerter?

Was heißt das am Beispiel der Städte? Wie können diese „naturgerecht“ umgebaut werden?

Aus wissenschaftlicher und auch unternehmerischer Sicht warten unglaublich spannende Aufgaben. Wir könnten es diesmal richtig machen. Schon jetzt gibt es tausende gute Vorschläge. Die nicht wie prophezeit Einschränkung, biederes Knapsen und freudloses Dahinvegetieren bedeuten, sondern schlicht und einfach das Leben verbessern werden.

Beispiel Berlin: Entweder haben wir zu viel Wasser oder zu wenig. Es wird vor allem die Aufgabe der Ingenieur:innen sein, es klug zu speichern und dann sinnvoll zu verteilen. Pro Jahr geht in der Stadt auf den bebauten Flächen die ungeheure Menge von 200 Mio. Kubikmetern Niederschlag nieder. Anstatt diesen ungenutzt in die Kanalisation einzuleiten, und danach in den Klärwerken teuer zu reinigen, könnte man das Wasser sichtbar und ökologisch nutzbar machen. Zum Beispiel für die Bewässerung von Straßenbäumen oder die Speisung neuer Brunnen.

Man könnte auf Flachdächern Auwälder anlegen und das Wasser an heißen Tagen an Fassaden herunter fließen lassen. Breite Straßen könnten zu Wasserlandschaften werden, auf denen sogar Wassergemüse angebaut wird. In einer der trockensten Regionen Deutschlands könnte eine Wasserstadt entstehen. Die Stadtautobahnen könnten zu Fahrradschnellwegen umgebaut werden, öde Stahlspundwände an Gewässern werden zu hängenden Gärten, Parkhäuser zu Vogelhäusern.

Die Fragen sind: Wie können wir Niederschlagswasser auffangen und wiederverwenden? Wie kann der Anbau von Lebensmitteln in der Stadt organisiert werden? Wie kann eine Stadt ohne private PKW so organisiert werden, dass man sich bequemer als bisher von A nach B begibt? Wie werden Kanäle zu im Ansatz wieder zu Flüssen? Welche Mittel haben wir, um die Vogel- und Insektenpopulationen wieder zu vergrößern? Wie kann die Stadt der Natur helfen? Wie verwandelt man Stressstädte in Erholungsstädte?

Vernetzte Systeme können nur vernetzt angegangen werden

Es müssten sich Teams aus Wasserwirtschaftlern, Bürgern, Transportlogistikern, Politikern usw. bilden, um die Probleme anzugehen, weil vernetzte Systeme auch nur vernetzt behandelt werden können. Das heißt für die Beteiligten: Den eigenen Wirkungsraum verlassen und zusammen das Problem, wenn möglich bis zu seinem Ursprung zu verfolgen, und beheben.

Und die Zukunft, wie soll sie nun aussehen? Wie steht es um die Sinnkrise? Die Weltrettung – und um nichts anderes geht es ja leider gerade – wird einen Teil der Antworten liefern. Alles andere wird sich eventuell von selbst ergeben, wenn wir wieder lernen, neugierig zu sein.

 

Dipl.-Ing. Ralf Steeg, 01.01.2022

Ralf Steeg ist Diplom-Ingenieur (FH) für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung und hat sich auf den Bereich Urban Water Managment spezialisiert. Seit vielen Jahren setzt er sich für sauberes Wasser vor allem in der Spree aber auch in  allen anderen Berliner Gewässern sowie anderen Ländern weltweit ein und entwickelt technische Lösungen im Bereich der Schwammstadt, Regenüberlaufbecken bis hin zu Klärwerksplanungen. Seit mehr als einem Jahr ist er auch im ehrenamtlichen Arbeitskreis Wasser des BUND Berlin aktiv.

 

 

Weiterführende Links:

Mitmachen im Arbeitskreis Wasser

Wassernetz-Initiative Berlin

Ein Kommentar

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  1. Vielen Dank, Ralf Steeg, für diesen Text zur Lage.
    Ich fürchte, unsere saturierte und durchindividualisierte Konsum- und Anspruchsgesellschaft hat nicht die Kraft zum energischen Anpacken der eskalierenden Krisen wie die regionale Wasser- und Dürrekrise. Obwohl wir (noch) gute Ingenieur*innen und Fachkräfte haben. V.a. steht dem eine in Vorschriften, Nichtzuständigkeiten und Sicherheitsroutinen erstarrte öffentliche Verwaltung entgegen. Verwaltungsjuristen (hier mal ungegendert) tragen stets Bedenken vor. Ein Task-force-Ansatz (z.B. für die Kleingewässersanierung-/pflege; für Baumschutz; für Schwammstadt-Massnahmen und EE-Ausbau im Stadtgebiet) scheitert am deutschen bzw. EU-Vergaberecht, also an Pflichten zur Leistungsausschreibung, am Haushaltsrecht, an bezirklichen versus senatlichen Zuständigkeitsdenken, an Personalmangel etc. Regierung vergeht – Verwaltung besteht, sagt ein altes Bonmot.

    Will ich die zu leistende Aufgabe konkret angehen, z.B. als Träger eine Jugendfreizeitstätte im Bezirksbesitz gemeinsam ökologisch erneuern oder mit PV ausrüsten, laufe ich in eine Nebelwand aus Unerreichbarkeiten, sektoralen Unzuständigkeitsdarlegungen, Verweis auf diesen und jenen Fördermittelverwalter und jenen theoretischen Durchführungsträger, Erwartungshaltungen an Vorleistungen, genervter Abwehrhaltung. Unbeliebt macht man sich, wenn man deutlicher wird. Besser man lässt es…

    Kein Wunder, wenn sich dann die Verzweiflung junger Menschen in Sitzblockaden manifestiert.
    Aber Aufgeben ist keine Option. Neue ungewöhnliche Allianzen von Umweltverbänden + Klimabewegung + Kreative + Fachleute + engagierte Parlamentarier*innen können starken Handlungsdruck ausüben auf die Apparate. Routinen und Standardleitlinien wie das starre Vergaberecht können in der Klimanotlage „temporär“ ausser Kraft gesetzt werden. Vor allem der Widerstand von Verwaltungsjuristen und Fiskalpolitikern ist zu adressieren. Denn Umwelt-/Klimaschutzausgaben sind volkswirtschaftlich Investitionen, und Vorfahrt für dringende Massnahmen ist kein Untergang des Rechtsstaates. Wir haben nur noch eine letzte Chance, und es gibt keinen Planeten B.

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