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Grünflächenschutz vs. Stadionneubau

Diskussion um mögliches neues Fußballstadion für Hertha BSC im Olympiapark

© by scholty1970

Aktuell nimmt die Debatte um ein neues Herthastadion wieder an Fahrt auf. In der letzten Legislatur (2016-2021) ist der Berliner Fußballbundesligist Hertha BSC am rot-rot-grünen Berliner Senat mit seinen Wünschen nach einer geeigneten Baufläche für sein neues Fußballstadion innerhalb der Stadtgrenzen noch ziemlich abgeprallt. Verschiedene Szenarien wurden immer wieder diskutiert. Mal wurde das Tempelhofer Feld als geeignete Stadionfläche ins Spiel gebracht, mal eine Fläche auf dem ehemaligen Flughafen Tegel. Zuletzt hatte sich der Fußballverein dann selbst nochmal relativ klar für eine Fläche im Olympiapark (Rominter Allee) positioniert, was allerdings am Widerstand einer dort ansässigen Wohnungsbaugesellschaft scheiterte, die nicht bereit war, den von ihr dort betriebenen Wohnkomplex aufzugeben. Die Gespräche aller Beteiligten waren am Ende festgefahren, Herthas Zeitplan für den Neubau (bis 2025) längst aus den Fugen geraten, die Diskussion schien beendet.

Mit dem neuen rot-grün-roten Berliner Senat, der Ende 2021 die Regierungsgeschäfte übernahm, kommt nun aber plötzlich wieder Leben in die Diskussion. Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey zeigte sich zumindest offen für Herthas Wunsch, die neue Berliner Innensenatorin Iris Spranger wurde gleich aktiver und schlug direkt eine Fläche im nördlichen Teil des Olympiaparks, am Rande des Maifelds, vor.

Wird’s jetzt also tatsächlich konkret?

Als BUND spitzen wir da die Ohren und schauen natürlich auch genauer hin. Denn ein Stadionneubau ist per se nicht das, was man sich gemeinhin als „ökologisches Bauvorhaben“ vorstellt. Nahezu alle Punkte, die wir bei vielen Bauvorhaben kritisieren, träfen auch hier zu: Verbrauch von in Zeiten des Klimwandels kostbarem und kühlendem Grün, Versiegelung von Boden, Verlust von Biodiversität, hoher Energieaufwand bei der Zementherstellung mit entsprechend hohem CO2-Austoß. Zu Gute halten kann man dem Standort immerhin, dass zumindest nicht auch noch neue Verkehrsströme generiert würden, weil das Gelände des Olympiaparks mit U- und S-Bahn prinzipiell schon gut angebunden wäre. Auch würden keine öffentlichen Ressourcen (also Steuermittel) gebunden, weil der Bundesligist immer wieder betont, das neue Stadion komplett privat finanzieren zu wollen.

Dass man aus BUND-Sicht Zweifel an Standortwahl und Vorhaben als solchem hegen kann, dürfte deutlich geworden sein. Bliebe also die Frage: Was ist der tiefere Sinn davon, quasi direkt neben einem vorhandenen, betriebsbereiten, großen Fußballstadion (Olympiastadion) von öffentlicher Seite eine Grünfläche für ein weiteres, neues, kleineres Fußballstadion direkt daneben bereit zu stellen? Vor allem mit einer absehbaren Perspektive, dass der bisherige Ankermieter Hertha BSC aus dem Olympiastadions auszieht und dieses dann weitgehend ungenutzt wäre und brach läge? Denn seien wir ehrlich: Die Anzahl sonstiger Veranstaltungen im Olympiastdion innerhalb eines Jahres, die nichts mit Fußball zu tun haben, bewegt sich im überschaubaren Bereich.

Abwägung von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Interessen

Versucht man etwas Perspektivübernahme für Berlins Fußballbundesligsten zu betreiben, ist sein Wunsch ja in gewisser Weise nachvollziehbar: Man wäre „Herr im eigenen Hause“ und würde auch über alle Einnahmen verfügen können, die man mit Spieltagen (Zuschauer, Verkauf, Merchandising) und Werbung am eigenen Stadion erzielen könnte. Vorbilder, auf die der Verein neidisch blicken kann, gibt es in der Fußball-Bundesliga genug. Da baut sich ein Bundesligist nach dem anderen sein neues eigenes Schmuckkästchen (Stadtrivale Union Berlin baute es sich sogar selbst mit den eigenen Fans!), die jeweiligen Verwaltungen spielen anscheinend relativ reibungslos mit, die Zuschauer dort sind dichter dran (weil keine trennende Laufbahn ums Spielfeld), die Vereine verdienen in aller Regel Geld mit ihrem eigenen Stadion (Vermarktung/Werbung etc.). All das möchte Hertha BSC auch haben und man braucht sich am Ende ja auch nichts vormachen: Hertha geht es in erster Linie um eigenwirtschaftliches Interesse. Alle anderen Argumente wie besseres Zuschauererlebnis, bessere Atmosphäre, besserer Fußball etc. sind Verkaufsargumente für die öffentliche Diskussion. Denn: Dass das Olympiastadion eben doch auch als Fußballstadion wunderbar funktionieren kann, zeigte sich zuletzt beispielhaft im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart am 24.4.2022 vor gut 55.000 Zuschauern. Da hat es niemanden interessiert, dass es um das Spielfeld noch eine trennende Laufbahn gibt. Da stimmte einfach der Mix aus Spannung und dargebotener Leistung auf dem Platz und der berühmte Funke ist übergesprungen.

Als Stadt Berlin kann man sich nun natürlich überlegen, dass man einen privatwirtschaftlichen, umsatzstarken und stadtbekannten Akteur hier „bei Laune“ halten möchte und sich deshalb eingehender mit dessen Interessen und Wünschen auseinandersetzt. Letztlich profitiert Berlin hier ja auch von Steuereinnahmen. Die offene Frage bleibt aber trotzdem, insbesondere in der jetzt angedachten Konstellation im Olympiapark, wie nachhaltig es ist, künftig zwei direkt nebeneinander liegende Stadien zu haben, die parallel betrieben bzw. zumindest unterhalten werden müssten? Auf der einen Seite würde mit einem neuen, kleineren Stadion privatwirtschaftlicher Gewinn ermöglicht, auf der anderen Seite aber mit einem großen, kaum mehr genutzten Stadion öffentliche Kosten produziert. Natürlich kann niemand den Verein Hertha BSC zwingen, für immer und ewig im Olympiastadion zu bleiben. Auf der anderen Seite: Muss eine Stadt Berlin nun deshalb zwingend auf 100%-Erfüllung der Interessen von Hertha BSC eingehen? Und was ist mit den ökologischen Kosten, die ein solches Großprojekt nach sich zieht – wer kommt dafür auf, wo sind diese eingepreist?

Kompromiss heißt auch: Abstriche in Kauf nehmen und aufeinander zu bewegen

Was könnte denn nun aber vielleicht ein Kompromiss in dieser Diskussion sein? Wie kommen an der Stelle privatwirtschaftliches und öffentliches Interesse besser überein? Die Ausgangslage ist klar: Die Stadt Berlin hat tendenziell kein Interesse, seinen Ankermieter im Olympiastadion zu verlieren sowie weiteres städtisches Grün zu opfern, obwohl ausreichend betriebsbereite (und ja auch genutzte) Sportinfrastruktur zur Verfügung steht. Und on top noch auf Kosten eines dann kaum mehr genutzten Stadions sitzen bleibt. Hertha BSC wiederum hat das Interesse, mit einem eigenen Stadion, das besser auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten wäre, mehr Geld verdienen zu wollen, um sich damit für die Zukunft besser wappnen zu können.

Allerdings: Der Verein Hertha BSC sieht sich selbst ja als starke Marke Berlins („Hauptstadtverein“) und spielt in der öffentlichen Wahrnehmung eine große Rolle (ob nun immer positiver Art, sei mal dahingestellt). Aber, er profitiert auch seit vielen Jahren von den Marken „Berlin“ und „Olympiastadion“ – mal rein aus Marketingsicht betrachtet. Die Frage wäre also, ob man Hertha dann hier nicht auch entsprechend bei der Verantwortung für Berlin UND für das Olympiastadion „packen“ könnte?! Wäre es hier also vielleicht eine Überlegung wert, Hertha BSC stärker an der Eigentümerschaft des Olympiastadions mit zu beteiligen und damit auch direkter an den wirtschaftlichen Erträgen des Stadionbetriebs partizipieren zu lassen? Auch könnte man vieleicht in Fragen der weitergehenden Stadionvermarktung stärker auf den Verein zugehen, wenn sich womöglich hinderliche Aspekte beim Denkmalschutz klären ließen?

So ein Kompromiss würde beiden Seiten viel abverlangen (=Natur von Kompromissen), weil die Stadt Berlin auf Einnahmen aus Stadionbetrieb/-vermarktung verzichten und sich auch sonst bewegen müsste. Aber auch Hertha BSC wäre sicher nicht vollauf zufrieden, weil man das Olympiastadion ja im Prinzip bereits als „nicht fußballtauglich“ abqualifiziert hat und dort gedanklich eigentlich schon raus ist. Vielleicht könnten jedoch zusätzliche Umbaumaßnahmen, die im Zuge der anstehenden Fußball-Europameisterschaft 2024 ohnehin anstünden, gewisse Vereinsbelange ggf. noch besser berücksichtigen und Herthas Interessen hier noch stärker bedienen?

Für Berlin wäre es eine gute Lösung, weil bestehende Sport-Infrastruktur weiter nachhaltig genutzt werden würde und keine neue Fläche geopfert werden müsste. Die Interessen des Fußball-Bundesligisten würden zumindest in großen Teilen bedient werden.

Am Ende entscheiden über die Frage, ob ein Fußballstadion nun für Fußball besonders gut geeignet ist oder nicht, ohnehin nur die sportlichen Leistungen des Vereins und die Zuschauer, die daraufhin die Spiele entsprechend zahlreich besuchen. Oder eben auch nicht, wenn’s sportlich nicht stimmt. Aber dann hilft auch ein eigenes Stadion wenig. Muss man nun, nur um diesen Beweis anzutreten, eine städtische Fläche für einen Stadionneubau opfern?

Unabhängig von der oben diskutierten Problematik gilt es für das Gelände des Olympiaparks ja vielleicht auch mal generell ein Nutzungs- und Entwicklungskonzept aufzustellen. Zum Abschluss deshalb noch die Frage an unsere Leser*innen: Welche Nutzung für Olympiastadion und -park würden Sie sich wünschen und welche Rolle sollte Hertha BSC dabei vielleicht spielen?

Diskutieren Sie mit, wir freuen uns über Ihre Beiträge!

Der Autor ist Mitarbeiter und Mitglied beim BUND sowie Mitglied bei Hertha BSC und möchte mit dem Blogartikel einen Debattenbeitrag leisten.

3 Kommentare

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  1. Hertha sollte u. U. mal überlegen andere Wege zu gehen: Wie wäre es, ernsthaft Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen und damit ein positives Zeichen zu setzen. Denn hinter den Konzepten von anderen Bundesligavereinen hinterher zu hecheln, ist wahrscheinlich keine gute Lösung.

  2. Der verkrachte Milliardärsclub bekommt viel zu viel Aufmerksamkeit und Geld. Das nervt! Ich meine, die Hertha braucht 10 Jahre Pause vom Geldreinschieben. Dann kann sie vielleicht, wie Eintracht Frankfurt damals, aus der Falle des Miss-Managements herauskommen.

    Wir haben einen sehr sympathischen und erfolgreichen Fußball-Bundesligaclub in der Stadt! Union. Guckt mal, was dessen Fans alles auf die Beine stellen!

  3. Angesichts der globalen Erhitzung, die wir ja auch in Berlin schon spüren, brauchen wir eines ganz bestimmt nicht, nämlich zusätzliche Bodenversiegelung, die die Stadt weiter aufheizt. Hat jemand schon nachgerechnet, wie die Klimabilanz eines Stadionneubaus ist? So ein Betonklotz braucht doch viel Zement und Stahl, das bedeutet eine irren CO2-Ausstoß in der Herstellung der Baumaterialien. Und ich will ja nicht unken – aber könnte Hertha als eventueller Zweitligist den Bau und Betrieb eines eigenen Stadions überhaupt stemmen? Union wird sich daran wohl eher nicht beteiligen wollen. Am Ende müssten dann die Steuerzahler*innen einspringen, auch wenn sie sich für Fußball nur mäßig bis gar nicht interessieren.

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