Berlin hat es wieder bundesweit in die Schlagzeilen geschafft. Und zwar im beliebten Genre „Berlin kann es nicht“. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Spott wurde berichtet über spiegelglatte Bürgersteige und eine Straßenbahn, die von einem nächtlichen Eisregen tagelang schachmatt gesetzt wird.
Beide Dinge gehören zusammen, nicht nur, weil sie mit dem Winterwetter zusammenhängen. Denn sie sind Ergebnisse des Prinzips Hoffnung, nach dem in Berlin viel zu oft gehandelt wird. Die vereisten Gehwege sind die Folge eines überkommenden Systems der Schneeräumung, das bereits seit vielen Jahren seine Schwäche zeigt. Zuständig für die Räumung der Bürgersteige sind die Eigentümer der anliegenden Grundstücke, die – zumindest bei Mietshäusern – in der Regel private Räumdienste beauftragen.
Wer frühmorgens nach Schneefall auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs ist, kann das absurde Ballett der verschiedenen Räumdienste beobachten. Schneeräumfahrzeug fährt auf dem Bürgersteig zur Hausfront des Auftraggebers, verlangsamt und senkt die Bürste oder den Schneeräumer. Nach ein paar Metern Schneebürsterei wird die Räumtechnik wieder angehoben, das Fahrzeug legt wieder an Tempo zu und fährt zum nächsten Auftraggeber. Das Spektakel wiederholt sich mehrfach in einer Straße, je nachdem, wie viele Räumdienste aktiv sind.
Das ineffiziente System führt zu teils stundenlangen Verzögerungen, bis der Schnee dann oft schlecht geräumt ist. Zeit, in der die weiße Pracht festgetreten werden kann und dann vereist. Vor einigen Grundstücken wird auch gar nicht geräumt. Eigentlich müssten die Ordnungsämter der Bezirke das kontrollieren und im Zweifelsfall sanktionieren oder eine Ersatzvornahme durchführen, die dem Grundstückseigentümer in Rechnung gestellt wird. Aber natürlich haben die gar nicht das Personal dafür.
Das geht in den meisten Berliner Wintern durch, denn schließlich taut es in der Regel nach einigen Tagen. Doch dann gibt es die Winter wie gerade eben, wo der Frost so lange anhält, dass das Problem nicht nach kurzer Zeit wieder wegschmilzt.
„Wir sind hier nicht in Haiti, wir sind in Berlin!“, beschied vor 16 Jahren der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) angesichts einer vergleichbaren Glättelage auf den Bürgersteigen. Auch dieser Winter verging und an den Zuständigkeiten für die Schneeräumung änderte sich nichts.
Der aktuelle Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zog es vor, sich mit einem Instagram-Beitrag zum Gespött der Nation zu machen, in dem er die Abgeordneten seiner Koalition bat, schnell eine Änderung des Winterdienst-Gesetzes auf den Weg zu bringen. Der Plan: der großzügige Einsatz von Tausalz sollte die Folgen der unterlassenen Schneeräumung und Eisbeseitigung auf den Bürgersteigen beseitigen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gehwege bereits rund drei Wochen vereist.
Irgendjemand hat ihm dann erklärt, dass das bereits im kommenden Winter hilfreich sein könnte. Schließlich wies er seine Verkehrs- und Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) an, eine rechtlich äußerst fragwürdige Allgemeinverfügung zu erlassen, die bis Mitte Februar ausnahmsweise den Einsatz von Streusalz auf Bürgersteigen zulässt.
Geschenkt, dass selbst die Berliner Stadtreinigung (BSR) darauf hinweist, dass Tausalz bei den zentimeterdicken Eisschichten und sehr niedrigen Temperaturen wenig bis gar nicht hilft. Zudem ist das Salz ein Frontalangriff auf die bereits im Zuge der Klimakrise durch jahrelange Dürren und hohe Sommertemperaturen stark gestressten Straßenbäume. Das haben wir hier und hier genauer beschrieben. Wir fordern nach der Frostperiode eine Intensivkur für Straßenbäume mit Wässern und Düngen, um die Schädigungen möglichst zu reduzieren.
Kommen wir zur Straßenbahn. In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar (Sonntag auf Montag) sorgte stundenlanger Eisregen für vereiste Oberleitungen und eine komplette Stilllegung des Betriebs. Durch die Eisschicht auf den Oberleitungen verloren die Bahnen den Kontakt zur Stromversorgung. Dutzende Bahnen, die im regulären Nachtverkehr unterwegs waren, blieben auf der Strecke stehen.
Seitdem verweist die BVG auf die außergewöhnliche Wetterlage, die dem Landesunternehmen keine Chance auf Weiterbetrieb gelassen hatte. Während in Potsdam die Straßenbahn fuhr, hatten auch die Betriebe im östlichen Berliner Umland erhebliche Probleme. Am schnellsten kehrte die Woltersdorfer Straßenbahn noch am Montagvormittag zum regulären Verkehr zurück, bei der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn war am frühen Nachmittag die Gesamtstrecke wieder befahrbar, allerdings gab es Abstriche beim Angebot. Nur die Strausberger Eisenbahn fuhr erst wieder am Dienstag. Dokumentiert ist das hier. Große Probleme gab es auch bei der Tram im polnischen Stettin.
Erst am Dienstag fuhr überhaupt die erste BVG-Straßenbahnlinie wieder – die Linie M5 war im Zehn-Minuten-Takt auf einem veränderten Linienweg zwischen Hackescher Markt und Betriebshof Lichtenberg unterwegs. Am Dienstagnachmittag waren zehn Straßenbahnlinien meist nur auf Teilstrecken und mit eingeschränktem Fahrplanangebot unterwegs. Erst am Samstag war wieder das komplette Netz in Betrieb. Bereits am Montag kritisierte der BUND Berlin den Totalausfall des Straßenbahnbetriebs.
Die BVG reagierte indirekt, in dem sie erklärte, dass Vergleiche mit anderen Regionen und Netzen nicht zielführend seien und mit dem Berliner Standardargument, dass das Netz mit rund 200 Kilometern ja so groß sei.
Gespräche mit mehreren fachkundigen BVG-Beschäftigten in den letzten Tagen bestärken den BUND Berlin allerdings in seiner Feststellung, dass die Verkehrsbetriebe weder organisatorisch und personell noch von der vorhandenen Technik her auf solche Situationen eingestellt sind.
„Schlussendlich ist das eine Folge der Sparpolitik, die Personal und Technik bis aufs Mindestmaß gekürzt hat wodurch man auf solche extremen Situationen nicht mehr reagieren kann, geschweige denn vorbeugen“, schätzte ein Insider ein.
Viel hätte sich verhindern lassen, wenn in der Nacht zusätzliche Fahrten zum regulären 30-Minuten-Takt durchgeführt worden wären, so die allgemeine Einschätzung. Auch Strecken jenseits der Metrolinien, die nicht regulär nachts befahren werden, hätten von in diese sogenannten Bügelfahrten befahren werden müssen. Die Stromabnehmer kratzen dabei mechanisch Eisschichten ab.
Die BVG hat sogar einen besonders dafür geeigneten Wagentyp, nämlich die zwischen 1999 und 2001 in Betrieb genommenen Zweirichtungswagen vom Typ GTZ. Sie haben zwei Stromabnehmer. Während der vordere das Eis von der Oberleitung kratzt, sorgt der hintere für eine kontinuierliche Stromversorgung des Fahrzeugs.
„Aber es gab schlichtweg kein Fahrpersonal dafür. Die sind ja erst alle Montag früh zu Betriebsbeginn erschienen und da war es schon zu spät“, so ein weiterer Insider. Es gebe keine Regularien in der BVG, um so etwas zu ermöglichen. „Faktisch ist das unmöglich, in den engen Grenzen der Personalverfügbarkeit und dem Abstimmungswirrwarr irgendwelche Fahrerreserven abzurufen“, wird er deutlicher.
Auch jenseits von Eisregen muss bei Minustemperaturen der Bildung einer Eisschicht an der Oberleitung vorgebeugt werden. Viele Verkehrsbetriebe bundesweit benetzten ihre Oberleitung mit speziellen Fahrzeugen dafür mit Glycerin oder ähnlichen Substanzen, um Eisbildung zu unterbinden. Auch die BVG verfügte über ein entsprechendes Fahrzeug. Im Zuge der 2023 abgeschlossenen Erhöhung der Fahrspannung von 600 auf 750 Volt hätte die Straßenbahn umgerüstet werden müssen. Das ist für zu teuer befunden worden. Stattdessen mussten am Streiktag Montag im ganzen Netz Geisterstraßenbahnen eingesetzt werden, die keine Fahrgäste beförderten.
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Perfekt und genau. Die Absurdität der Bürgersteig-Räumung nervt schon seit Ewigkeiten.
Die Lachnummer des BVG Management ist Oscar- Verdächtigt.
Hoffentlich lesen diesen Artikel auch der Regierende und die BVG Chefs.
Danke!
Viele andere Städte verwenden ihre historischen Fahrzeuge und fahren nachts das Netz ab.
In Berlin natürlich undenkbar, die armen Fahrzeuge.
Das Problem liegt natürlich im Detail: Die historischen Fahrzeuge gehören der BVG und nicht dem Verein der sie betreut. So wurden die Kisten natürlich nicht rausgeholt um in Köpenick das Eis abzukratzen.
Die im Artikel erwähnten GTZ können von Natur aus NICHT mit beiden Bügeln fahren, dass geht nur mittels Anwendung von Tricks und kann von herkömmlichen Fahrern nicht gemacht werden.
Aber wie schon bei Frau Nikutta: Wir sparen uns zu Tode, koste es was es wolle. 🙁
Der aktuelle Vorstand ist genauso unfähig.
Die Kollegen in Potsdam, die übrigens der BVG auch zusätzlich ein Zweiwegefahrzeug zur Unterstützung der händischen Eisentfernung ausgeliehen haben, fuhren die ganze Nacht durch, wie es zu DDR-Zeiten in Berlin, Leipzig usw. immer gemacht wurde. Doch in Berlin blieben auch MetroTrams liegen, die in der Nacht planmäßig durch fuhren, selbst auf dichter befahrenen Strecken. Öffentlich bestätigte auch ein Sprecher in Potsdam gegenüber dem rbb, dass sie dort von den Witterungsverhältnissen her „mehr Glück hatten“ als Berlin. Das zeigen eindeutig auch die stündlichen Radarkarten des DWD! Der Einsatz von Glycerin ist nicht so wirksam, wie oft zu hören, und unter Fachleuten durchaus umstritten. (Welche anderen Zaubermittel?) Das hängt mit dem Auftrageprozeß, der Menge und dem Zeitpunkt vor dem Vereisungsereignis zusammen. Dann müsste mit einem Schlage 500 km Freileitung unmittelbar vor dem Eisregen damit benetzt sein, was nicht geht. Erschwert wird das vor allem, weil der Fahrdraht i.d.R. nur an seiner Abschleifseite mechanisch benetzt werden kann, die Vereisung allerdings rundum einsetzt und physikalische Tropfschwepunkte und „Knoten“ ansetzt. Dies zeigt sich bei Beginn der Vereisung am „Feuerwerk“, wenn der Stromabnehmer beim „Stromziehen“ „leidet“. Unabhängig ob 600 oder 750V, sind die Umrichter und deren Elektronik sehr empfindlich bei Spannungsabrissen.
Die Kollegen in Potsdam, die übrigens der BVG auch zusätzlich ein Zweiwegefahrzeug zur Unterstützung der händischen Eisentfernung ausgeliehen haben, fuhren die ganze Nacht durch, wie es zu DDR-Zeiten in Berlin, Leipzig usw. immer gemacht wurde. Doch in Berlin blieben auch MetroTrams liegen, die in der Nacht planmäßig durchfuhren, selbst auf dichter befahrenen Strecken. Öffentlich bestätigte auch ein Sprecher in Potsdam gegenüberdem rbb, dass sie dort von den Witterungsverhältnissen her „mehr Glück hatten“ als Berlin. Das zeigen eindeutig auch die stündlichen Radarkarten DWD! Der Einsatz von Glycerin ist nicht nachweislich wirksam, und unter Fachleuten umstritten. (Welche anderen Zaubermittel?) Das hängt mit dem Auftrageprozeß, der Menge und dem Zeitpunkt vor dem Vereisungsereignis zusammen. Dann müsste mit einem Schlage 500 km Freileitung unmittelbar vor dem Eisregen damit benetzt sein, was nicht geht. Erschwert wird das vor allem, weil der Fahrdraht i.d.R. nur an seiner Abschleifseite mechanisch benetzt werden kann, die Vereisung allerdings rundum einsetzt und physikalische Tropfschwepunkte und „Knoten“ ansetzt. Dies zeigt sich bei Beginn der Vereisung am „Feuerwerk“, wenn der Stromabnehmer beim „Stromziehen“ „leidet“. Unabhängig ob 600 oder 750V, sind die Umrichter und deren Elektronik sehr empfindlich bei Spannungsabrissen.