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TVO: Asphalt statt Wald in der Wuhlheide

Kampagne Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt! vor Ort auf der Trasse der geplanten Hochleistungsstraße

© by BUND Berlin/Nicolas Šustr

Mit dem Bau der geplanten Hochleistungsstraße Tangentiale Verbindung Ost (TVO) plant der Senat die größte Waldzerstörung der vergangenen Jahrzehnte. Die Fläche von fast 31 Fußballfeldern – 22 Hektar – soll für die vierspurige Straßenverbindung von Biesdorf nach Oberschöneweide gerodet und planiert werden. Dazu kommen noch 5,4 Hektar für Baustellenflächen – noch einmal über sieben Fußballfelder. 630 Millionen Euro sind die veranschlagten Kosten inklusive Inflation bis zur Baufertigstellung. Tragen müsste sie zu über 90 Prozent das Land Berlin.

Das Interesse ist groß. Mehrere Dutzend Menschen sind am 14. Juli 2026 zum Ortstermin der BUND-Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt“ gekommen. Darunter auch zahlreiche Politiker*innen – schließlich wird in zwei Monaten gewählt. Der vom BUND Berlin organisierte Informations- und Diskussionsspaziergang führt von der Spindlersfelder Straße entlang der bis zu 45 Meter breiten Trasse der geplanten Hochleistungsstraße Richtung Norden.

„Ich bin dankbar dafür, dass es die Flächenschutz-Kampagne gibt“, sagt die Treptow-Köpenicker Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Straßen, Grünflächen, Umwelt und Naturschutz, Claudia Leistner (Grüne), gleich zu Beginn ihres Redebeitrags. „Die Tangentialverbindung Ost war bereits 1968 im Generalverkehrsplan der Stadt Berlin angelegt – als Berlin noch als autogerechte Stadt geplant war“, so Leistner weiter.  Sie bekräftigt: „Die Planung von 1968 passt nicht in die heutige Zeit.“

Die Wuhlheide stehe exemplarisch dafür, was auf dem Spiel stehe:  Ein Ort, der „Kühlung bietet,  ein Ort der Biodiversität der Natur, aber auch der Erholung“, so die Bezirkspolitikerin. Es sei „schwer vorstellbar“, wie dieser Naturverlust auszugleichen sein könnte.

Nicht auszugleichender Naturverlust

„Je tiefer wir in den Wald reingelaufen sind, desto ruhiger wurde es und ich habe mich ehrlicherweise auch glücklicher gefühlt“, sagt Filiz Keküllüoğlu. Die Grünen-Politikerin ist in Lichtenberg Bezirksstadträtin für Verkehr, Grünflächen, Ordnung, Umwelt und Naturschutz.

Keküllüoğlu zweifelt das seit vielen Jahren von Politiker*innen aller Parteien gegebene Versprechen, dass die neue Verbindung Anwohner*innen benachbarter paralleler Straßenzüge von Verkehr entlasten werde, an. Laut Prognose zur Treskowallee werde die Entlastung so gering ausfallen, dass die Menschen diese Entlastung kaum spüren würden. „Aber es ist wissenschaftlich belegt, dass neue Straßen auch natürlich mehr Verkehr produzieren“, unterstreicht sie.

Die Autoschneise TVO würde vom Fotostandpunkt bis zur Besuchergruppe reichen. Foto: BUND Berlin/Nicolas Šustr

Sie erwartet insgesamt mehr Autopendler*innen und Lkw-Verkehr im Korridor. Schließlich würde mit der komplettierten TVO zwischen Ahrensfelde und Schönefeld eine mautfreie und kürzere Umfahrung für den Berliner Autobahnring A10 geschaffen.

Die Planung der TVO als vierspurige Straße würde auch dazu führen, dass die ebenfalls geplante Nahverkehrstangente – zwei zusätzliche Gleise und neue Bahnhöfe entlang des parallel führenden Eisenbahn-Außenrings – in das Naturschutzgebiet Biesenhorster Sand geschnitten werden müssten, erläutert Keküllüoğlu. „Ich kann Ihnen als Umweltstatträtin mitteilen, wie viel Aufwand es bedeutet, so ein Naturschutzgebiet zu schützen.“

Ivestitionen in die Schiene

„Wir müssen auf jeden Fall in die Schiene investieren. Die Schiene muss zuerst kommen“, so die Haltung der Lichtenberger Stadträtin. Generell müsse in den ÖPNV investiert werden. Das sei eine wichtige Maßnahme, um die Verkehrsverbindungen im Osten zu verbessern. „Wenn ich jetzt mit dem Auto gekommen wäre, hätte ich vom Rathaus Lichtenberg hierher 21 Minuten gebraucht. Und mit dem ÖPNV fast eine Stunde“, macht sie die Lage plastisch.

„Wenn Sie die Wuhlheide mal auf einer Karte von oben betrachten, dann werden Sie feststellen, dass die Wuhlheide kein Schweizer Käse, sondern ein mehrfach zerschnittenes Scheibe Brot ist“, sagt Dirk Riestenpatt von den Berliner Forsten. Seit 2024 leitet er das zuständige Forstamt Köpenick. Mehrere Bahnlinien und Straßen zerschneiden die Wuhlheide bereits.

Naturzerschneidung anderer Qualität

Die TVO würde über die vorhandenen Verkehrsschneisen hinaus „eine ganz andere Qualität von Zerschneidung hier in die Wuhlheide“ bringen. Bisher sei die vorhandene Infrastruktur für die Tiere überquerbar. „Die Bahndämme sind alle offen. Die Wildschweine können darüber, die Rehe und alles andere, was da noch so kreucht und fleucht“, sagt Riestenpatt. Dies gelte auch für die zweispurige Rudolf-Rühl-Allee. Nachts könne die auch ein Igel queren, wenn er sich beeilt.

Mit der „anderen Qualität der Naturzerschneidung“ durch die geplante TVO könne man „aus Waldperspektive nicht einverstanden sein“, sagt der Förster. „Und natürlich haben wir unser Uneinverständnis auch in dem Planungsverfahren immer an geeigneter Stelle geäußert.“

„Ein bisschen“ freue sich Riestenpatt über die „erheblichen Anstrengungen“, vernünftige Ausgleichsmaßnahmen für die Waldinanspruchnahme zu finden. Nichtsdestotrotz bleibe eine nicht unerhebliche negative Kompensationsbilanz. „Und da fällt dem Land Berlin nichts anderes ein, als das mit Geld auszugleichen“, kritisiert er. Aus seiner Sicht sei bei so einem Verfahren ein eins-zu-eins-Naturalausgleich für die in Anspruch genommenen Flächen „das Mindeste, was man bei so einem Verfahren als Latte hinhängen sollte“.

Biodiversitäts-Hotspot Wuhlheide

280 in der Regel vom Aussterben bedrohte Zielarten des Florenschutzes gibt es in Berlin. Rund 30 davon finden sich in der Wuhlheide, berichtet Justus Meißner. Er ist Leiter der Koordinierungsstelle Florenschutz der Stiftung Naturschutz Berlin. „Die Wuhlheide spielt also eine ganz wichtige Rolle“, sagt er. Insgesamt gebe es in Berlin ungefähr 1500 wildwachsende Pflanzen, allein in der Wuhlheide seien rund 530 verschiedene Pflanzen gefunden worden.

Ilka Schröter (l.) und Birgit Protze von der BI Wuhlheide erläutern ihr Verkehrskonzept ohne TVO. Foto: BUND Berlin/Nicolas Šustr

Es gebe ein „ganz besonderes Vorkommen vom Weißen Fingerkraut“,  das einzige Vorkommen in Berlin, das noch existiert, so Meißner. „Eichenwald auf bodensauren Talsanden“, so nennt sich der seltene Flora-Fauna-Habitat-Lebensraumtyp der Wuhlheide. Man hätte erwarten können, dass die Wuhlheide entsprechend als Schutzgebiet gemeldet wird, sagt der Experte. Das sei leider nicht passiert. „Sonst hätten wir einen ganz anderen Schutzstatus. Aber man kann sich vorstellen, warum es nicht gemeldet wurde“, so Meißner.

Werde die TVO gebaut, würden in der Umgebung vor allem sogenannte Ruderalarten eingeschleppt, also Pflanzen, die an Wegesrändern wachsen. Genau die wolle man in der Wuhlheide nicht haben.

„Wir gehen auch davon aus, dass die Wechselkröte hier in den Wäldern ihren Landlebensraum hat. Genauso Erdkröte, Zauneidechse und andere Arten. Und die werden alle extrem betroffen von der TVO“, sagt der Naturexperte.

Zudem müsse man immer im Hinterkopf haben, dass die Waldentwicklung sehr langsam ist, unterstreicht Meißner. Was einmal gerodet ist wäre also für Jahrhunderte verloren. Vergleichende Untersuchungen in Niedersachsen zu historisch alten Wäldern, die älter als 200 Jahre alt waren, und jungen Wäldern, die maximal 200 Jahre alt waren, zeigten deutliche Unterschiede. „Die Arten wandern ganz langsam ein“, so der Experte.

Überall wird an der Wuhlheide geknabbert

Birgit Protze von der Bürgerinitiative Wuhlheide macht darauf aufmerksam, dass auch noch weitere Projekte das Biotop unter starken Druck setzen. So die geplante Westumfahrung der Köpenicker Bahnhofstraße. „Und da ist noch mal Waldrodung notwendig. Wir kritisieren ganz grundsätzlich, dass diese Bauvorhaben überhaupt nicht miteinander verzahnt sind“, sagt die Naturschützerin, deren Arbeit erst kürzlich mit der Verleihung des Berliner Naturschutzpreises 2026 gewürdigt worden ist.

Foto: BUND Berlin/Nicolas Šustr

Große Kritik übt sie auch an den vorgesehenen Ausgleichsflächen für den Bau der TVO. „Entlang der neuen Trasse so kleine Fleckchen, ein bisschen länglich, bahnbegleitend“, sollen die Waldrodung ausgleichen. Diese Flächen würden bei Realisierung der Nahverkehrstangente allerdings für Gleise benötigt. In diesen kleinen Bereichen mit ihrem speziellen Klima könne sich kein Wald entwickeln.

Ilka Schröter von der Bürgerinitiative Wuhlheide kritisiert, dass TVO und Nahverkehrstangente nicht zusammen geplant werden. Außerdem sei keine „Nullvariante“ geprüft worden, also eine Lösung für die Verkehrsprobleme ohne Bau der Straßentangente. Sie spricht auch über das von den Aktiven der Bürgerinutiative entwickelte alternative Verkehrskonzept, dass den Bau mehrerer neuer Straßenbahnstrecken im Berliner Osten beinhaltet und auch neue Fahrrad- und Fußverkehrsinfrastruktur. Rund um den Bahnhof Wuhlheide sollen die bestehende marode Straßenbrücke der Rudolf-Rühl-Allee und der Bahnübergang durch Straßenunterführungen ersetzt werden.

CDU: Wir wollen die TVO bauen

Als einzige politische Vertreterin der Landesebene ist Lilia Usik gekommen. Die Politikerin ist Mitglied der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus mit Wahlkreis in Karlshorst. „Normalerweise, wenn ich unterwegs bin zum Thema TVO, bekomme ich komplett andere Meinungen. Und eher Befürworter und eher Unterstützer vom Vorhaben“, sagt sie. Und unterstreicht: „Wir wollen die TVO bauen. Und wir bleiben auch bei dieser Überzeugung, werden das auch weiterhin vertreten.“ Sie kündigt für den 9. September 2026 eine Veranstaltung zur TVO zusammen mit Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) an. Online ist der Termin bisher nicht zu finden.

„Wenn wir nur das eine bekommen, also nur die Straße bekommen und nicht die Schiene, dann sind wir da sehr skeptisch“, sagt Paul Bahlmann, SPD-Fraktionschef in der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick. Er sehe nicht, woher Berlin die prognostizierten Baukosten von 630 Millionen Euro für die TVO nehmen sollte. „Der Haushalt ist ausgereizt, was Schulden angeht.“

Daniela Ehlers, Fraktionschefin der Grünen in der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung, unterstreicht die Erwartung, dass mit der TVO insgesamt mehr Autoverkehr produziert wird. „Gerade das Beispiel A100 hat sehr deutlich gezeigt, dass es eben nicht zu einer Entlastung kommt, wo ich eine neue Straße irgendwo hinbaue. Sondern es führt eben dazu, dass mehr Menschen zum einen versuchen, Umfahrungen, Abkürzungen und ähnliches zu nehmen und dann, wenn Stau da ist, dann weiterhin durch Nebenstraßen und verschiedene Straßen ausweichen.“

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2 Kommentare

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  1. Danke für den Beitrag! … Nur eine kleine Ergänzung: … So „Hochleistung“ ist die Straße gar nicht. Sie ist zwar breit und damit umso teurer für Umwelt und die Landeskasse, aber schnell fahren darf man da wegen Lärmschutz nicht. Wir müssen die TVO also nicht grösser machen als sie ist. Am Ende findet sich sonst doch noch wer, der darin einen Sinn erkennen könnte.

    • Lieber Heiner,
      du verwechselst – wie viele Laien und Verkehrsminister – Tempo mit Leistungsfähigkeit.
      Die Leistungsfähigkeit einer Straße gibt an, wie viele Autos pro Zeiteinheit – z.B. pro Stunde – einen bestimmten Abschnitt passieren können.
      Je schneller gefahren wird, umso größer ist der Abstand zwischen den Autos (Mindestwert „Halber Tacho“). Deshalb passen bei höherer Geschwindigkeit nicht mehr Autos durch einen Abschnitt.
      Verkehrsingenieure haben den „Zeitbedarfswert (tB)“ als Rechengröße entwickelt: Die Zeit, die ein Fahrzeug in einer Kolonne braucht, um eine Linie zu passieren einschließlich Sicherheitsabstand. tB beträgt für Pkw 1,8 s. Bei Pkw-Kolonnen gilt also: alle 1,8 s kommt ein Pkw. Der tB-Wert ist in der Theorie geschwindigkeitsunabhängig!

      In der Praxis ist die Leistungsfähigkeit einer Stadtstraße bei 30 km/h größer als bei 50 km/h – weil es dort „Störungen“ aller Art gibt: Ampeln, Zebrastreifen, Einbieger, Abbieger, Ein- und Ausparker, Parker in 2. Reihe, querende Fußgänger, ggf. Radfahrer etc. Dadurch verursachte Brems- und Beschleunigungsmanöver wirken sich bei 30 km/h weniger leistungsfähigkeitsmindernd aus, als bei 50 km/h.
      Auf Stadtautobahnen gelten 80 km/h als Maximum der Leistungsfähigkeit. Die TVO dürfte dazwischen liegen.

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