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Das große Insektensterben

Haben auch Insekten eine Daseinsberechtigung per se?

Es geht nicht nur bergab, Millionen gehen drauf. 75 Prozent weniger Insekten, nicht nur in diesem Jahr sondern als Entwicklung über Jahrzehnte, ist einfach nur katastrophal. Bildlich gesprochen sind wir auf dem Weg, Europa in eine Wüste zu verwandeln. Mit den Millionen Toten sind jetzt nicht die menschlichen Opfer von kommenden, immer wieder (gerade auch von Umweltschutzbewegten) beschworenen Katastrophen gemeint, sondern diese kleinen fiesen Krabbel- und Flugtierchen.

Fremd sind sie uns mit den vielen Beinen und den Facettenaugen, die nie blinzeln. Die ständig und plötzlich über, unter und neben uns auftauchen können, um dann genauso schnell auch wieder in der kleinsten Ritze zu verschwinden. Alleine sind sie klein und flüchten, wenn man ihnen nachstellt, in Schwärmen sind sie so schwer zu fassen wie Wasser mit der bloßen Hand. Die wenigsten von ihnen sind so schön wie Schmetterlinge und auch in der von vielen bewunderten Eleganz einer Gottesanbeterin schwingt immer auch der Grusel über die unerbittliche Effizienz der Evolution mit.

Welchen Stellenwert haben tierische, pflanzliche und pilzliche Lebewesen?

Diese kleinen Viecher, deren Präsenz man so ungerne gewahr sein möchte, verschwinden nun zunehmend, machen sich vom Acker, peu a peu. Es ist ein stilles Sterben, wir hören kein schmerzerfülltes Zirpen und sehen keine schwirrenden Flügel im Todeskampf, es ist schwer diese Katastrophe zu erfassen, noch schwerer sie in Bilder zu fassen, die in dieser zunehmend visuell und emotional kommunizierenden Gesellschaft jetzt so wichtig wären um aufzurütteln, um klar zu machen, dass Geiz nicht geil, die Dose Mais für 50 Cent schlecht und Nahrung kein Spekulationsobjekt ist. Dass wir dringend eine Wende in der Landwirtschaft brauchen, es damit aber nicht getan ist, vielmehr geht es darum, welchen Stellenwert wir der menschlichen Umwelt und dem Leben der tierischen, pflanzlichen und pilzlichen nichtmenschlichen Lebewesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen, einräumen. Wie viel Platz wir ihnen bereit wären zu geben, wie viel Rücksicht wir auf ihre Bedürfnisse nehmen wollen würden.

Die Frage „Was nützt uns das“ ist der Ursprung der Misere.

Die Geschichten kennen wir alle: Nahrungskette, ökologisches Gleichgewicht, Insekten leben im Boden und von Pflanzen, übernehmen dort ganz wichtige Funktionen, Vögel fressen Insekten, Singvögel finden wir geil, Obst auch, bunte Blumen sowieso, ohne Hummeln und Bienen geht es nun mal nicht. Aber es soll sich jetzt auch einfach mal nicht darum drehen, dass wir unsere Umwelt zerstören und dann alle sterben werden. Das hören wir schon seit den 60ern und vermutlich auch schon bedeutend länger, Weltuntergangsphantasien gehören nun mal zu den ältesten und dauerhaftesten literarischen Genres. Die Argumentation mit dem Ende der Menschheit ist sicher eine gewichtige. Wenig sollte uns so nahe sein wie der Fortbestand unserer eigenen Spezies. Es geht um die Zukunft unserer Kinder, und die unserer Nachbarn, im Haus nebenan und auf der anderen Seite des Planeten. Die Bereitschaft das jetzige Erdzeitalter Anthropozän – das vom Menschen beeinflusste – zu taufen, trägt diesem Umstand genügend Rechnung. Es ist das Eingeständnis, dass wir die bestimmende Kraft auf diesem Planeten sind und dass wir bereit sind, dieser Kraft alles unterzuordnen. Jedoch beinhaltet das Denken in Funktionen, die Fragestellung „Was nützt es uns?“ schon die Ursache für die Misere. Es ist nützlich die Felder künstlich zu düngen, es ist nützlich quadratkilometerweise eine Pflanzensorte anzubauen, es ist nützlich während dem Anbau und nach der Ernte literweise Gift auf die Feldfrüchte zu spritzen. Den kurzfristigen Nutzen kann keiner bestreiten bei den langfristigen Folgen streitet man sich dann sehr schnell. DDT, Glyphosat, Neonicotinoide, tote Pflanzen, tote Tiere, kranke Menschen… alle Jahre wieder die gleiche S….

Menschen besetzen alle Nischen

Wenn wir uns kurz lösen wollen von der Frage „Welchen Nutzen bringt es uns?“, wenn wir uns einen Moment der Ruhe nehmen, um uns weniger mit der menschlichen Umwelt, sondern etwas mehr mit der Natur, dieser unfassbaren Menge nichtmenschlicher Lebewesen zu befassen, wenn wir für einen Moment ausblenden, wie schwer es uns fällt, uns von der Natur abzugrenzen, weil sie überall ist, sich nicht nur in ihrer jeweils eigenen, sondern auch in unserer Umwelt tummelt, und wir einerseits von ihr abhängig sind und gleichzeitig als Herren und Damen der Erde ihr gegenüber im Chefsessel sitzen, dann stellt sich sehr schnell die Frage, welches Recht haben wir eigentlich mit ihr zu verfahren, wie es uns beliebt? Das Recht des Stärkeren ist eine Antwort die darauf ganz gerne gegeben wird und sie beschreibt fatalerweise viel deutlicher, was so ein schönes Wort wie Anthropozän verschleiert. Das Recht des Stärkeren wird gerne aus der Natur abgeleitet, und dem liegt dann meistens ein sehr begrenztes Verständnis von Evolution zu Grunde, weil es nicht unbedingt immer die Stärksten sind, sondern diejenigen, die sich am besten an ihre jeweilige Nische, den ihnen zur Verfügung stehenden Lebensraum angepasst haben. Die Gottesanbeterin hat die (besser gesagt eine) Nische Jagd für sich besetzt, und spätestens bei den Paarungsgewohnheiten ist dann für viele Schluss mit der Vorbildfunktion. Asseln wiederum juckt das gar nicht und sie leben mehr oder weniger unbehelligt unter einem Stein und ernähren sich von Pflanzenmüll. Es ist auch ein Leben.

Wir haben die Gabe unser Handeln zu reflektieren

Der Mensch ist den Weg gegangen, alles als seine Nische zu betrachten und da wird es nun mal eng. Für uns selber haben wir beschlossen, das reine Recht des Stärkeren zu ächten, es nur unter starken Auflagen und bestimmten Umständen zuzulassen. Jede Gesellschaft, jede Kultur hat im Laufe der Zeit zumindest formale Tabus entwickelt, die eine unbegrenzte Machtausübung einhegen und begrenzen sollen. Und im Grunde genommen haben wir auch kein Recht, unsere Macht gegenüber den nichtmenschlichen Lebewesen auszuüben. Wir haben die Möglichkeit dazu, aber sind nicht im Recht es zu tun. Beziehungen zwischen den nichtmenschlichen Lebewesen lassen sich nicht auf den Vorgang fressen und gefressen werden reduzieren, es ist nun mal komplizierter. Das fängt an bei den tradierten Vorstellungen von Räuber-Beute Beziehungen (Spoiler-Alert: Raubtiere mögen ebenso wie Destruenten scheinbar am Ende der Nahrungskette stehen, de facto folgt ihre Bestandsgröße aber dem Bestand der Beutepopulation und diese ist wiederum von sehr vielen anderen Faktoren abhängig) und geht weiter über vermutlich nicht einvernehmliche, aber nichts desto trotz für Gast- und Wirtsorganismus vorteilhafte Symbiosen. Je feiner wir das Raster ziehen, desto vielfältiger werden die Beziehungen. Von daher sollten wir uns auch überhaupt gar nicht erst einreden, dass die Vormachtstellung, die wir gegenüber den nichtmenschlichen Lebewesen einnehmen in irgendeiner Weise durch ein Gewohnheitsrecht der Natur gerechtfertigt wäre. Vor allem aber haben wir die Gabe unser Handeln zu reflektieren, zu bewerten und zu verändern und da wird es dann auch leider wieder schwierig. Was juckt es die Blume, wenn ich sie ausreiße, um sie in eine Vase zu stellen? Ich weiß nicht ob sie ein Bewusstsein hat, dafür weiß ich, dass ihr die Nervenbahnen fehlen, um Schmerz wie wir ihn kennen zu empfinden. Dessen ungeachtet entreiße ich ihr das Fortpflanzungsorgan, um mich an seinem Anblick zu erfreuen. Was juckt es die Mücke, wenn ich sie erschlage? Mich juckt es gewaltig, wenn ich es nicht tue.

Alle Grundrechte haben einen schweren Stand im Realitätscheck

Aber wenn wir kein Recht haben, unsere Macht unbegrenzt auf die Natur auszudehnen, wenn die Frage nach dem Nutzen von Natur für unsere Umwelt schon den Fehler an sich beinhaltet, dann bleibt uns eigentlich nur noch übrig, der Natur und damit den nichtmenschlichen Lebewesen eine eigenständige Daseinsberechtigung aus sich selbst heraus einzuräumen. Das ist ein abstrakter Gedanke, der einem Test auf tatsächliche Umsetzung und Anwendung nur schwer standhalten kann. Es ist wie in dem alten Witz: „Was macht der Veganer, wenn Pflanzen ein Bewusstsein nachgewiesen wird?“ Und ja wenn es um mein Überleben geht, werde ich Tiere essen, wenn es um meinen Schlaf geht, werde ich sicher auch noch die eine oder andere Mücke ins Jenseits befördern, auch wenn ich weiß, dass ich es nicht tun sollte. Aber alle unveräußerlichen Grundrechte haben einen schweren Stand, wenn sie an der Realität gemessen werden. (Und in dem Moment, indem ich diesen Gedanken formuliere schaudert es mich, weil ich gerade den Mord an einer Mücke, dem Mord an einem Menschen gleich gesetzt habe und es gibt da nun mal einen Unterschied. Punkt.) Aber genau der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, genau der macht den Anspruch umso bedeutsamer, ist Beleg dafür, wie wichtig es ist, das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben für alle Wesen als Ideal aufrechtzuerhalten, danach zu streben, dieses Ideal umzusetzen, so gut es geht. Wir haben die Möglichkeiten dazu.

 

 

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