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„Verstörendes Totholz“ ist quicklebendiger Lebensraum für Käfer, Larven und Co.

Antwort auf den Tagesspiegel-Artikel „Tegeler Fließ befindet sich in einem desolaten Zustand“

Auf den Internetseiten des Tagesspiegels (TSP) erschien am 12.1.2018 ein Artikel mit dem Titel: „Tegeler Fließ befindet sich in einem desolaten Zustand“ verfasst von G. Appenzeller, dem ehemaligen Herausgeber und Sprecher der Chefredaktion, der auch heute noch der Chefredaktion der Tageszeitung beratend zur Seite steht.

In dem Artikel wird der chaotische und unordentliche Zustand des Tegeler Fließtals, einem Landschaftsschutzgebiet (LSG) und Naturschutzgebiet (NSG) im Norden Berlins beklagt. Die zuständigen Senatsbehörden würden das Fließtal zwischen Lübars und Tegel, ein angeblich ehemals gepflegtes landschaftliches Kleinod aus Naturschutzgründen verwahrlosen lassen, indem sie keine Gewässerunterhaltung mehr betreiben, Entwässergräben zuwachsen und tote Bäume ins Fließ fallen lassen. Dadurch würde billigend in Kauf genommen, dass die Keller der Anwohner vollaufen würden, die Lübarser Bauern keine Heuerente mehr durchführen könnten und sich dadurch bedingt, die Wasserqualität des Fließes sich drastisch verschlechtern würde. Des Autors Resümee (Zitat): „Im Laufe der Jahre ist aus dem einstigen Ausflugs- und Erholungsgebiet mit seinen Flussauen und Wanderwegen über weite Strecken eine verstörende Mischung aus treibendem Totholz, umgestürzten oder verfaulenden Bäumen und brackigen Tümpeln geworden“.

Unter
http://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-naturschutzgebiet-tegeler-fliess-befindet-sich-in-einem-desolaten-zustand/20834126.html kann man das alles mit entsprechend verstörenden Fotos nachlesen.

Nun ist das Bewerten eines Landschaftsbilds eine ziemlich subjektive Angelegenheit, es ist die alte Diskussion zwischen menschengemachter Ordnung und natürlichem Chaos. Es mutet dennoch ziemlich anachronistisch an, wenn ein ehemaliger Chefredakteur des TSP im Zeitalter der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die seit dem Jahr 2000 in Kraft ist und von allen Mitgliedsstaaten der EU verlangt, ihre Fließgewässer wieder in einen ökologisch guten Zustand zu überführen, Forderungen nach Intensivierung der Gewässerunterhaltung und Herstellung alter „ordentlicher“ Zustände, die letztendlich einem Ausbaggern gleichkommen, erhebt.
So gibt es ja inzwischen zahlreiche Renaturierungsprojekte, durch die genau das Gegenteil passiert, indem Flüsse wieder frei mäandrieren können, selbst innerhalb von Siedlungsgebieten (vgl. DER SPIEGEL 1/2018: Umwelt: Den Bach runter – Verbaut und vergiftet: Unseren Bächen und Flüssen geht es schlecht). Anders als andere EU-Staaten kümmert sich Deutschland immer noch viel zu wenig um die Renaturierung seiner Gewässer.

Der ökologisch gute Zustand beinhaltet nicht nur eine gute Wasserqualität, sondern auch eine entsprechend dem Gewässercharakter entsprechende hohe Strukturvielfalt sowie eine möglichst natürliche Aue, die in der Lage ist, auch Hochwasser aufzunehmen und zu speichern. Dazu muss aber die Vegetation an derartige Überflutungen angepasst sein.
Das Tegeler Fließ als Landschaftsschutzgebiet (LSG) und Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet sowie neuerdings auch als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen, ist so ein trotz vieler menschlicher Einflüsse noch weitgehend naturnahes und über weite Strecken mäandrierendes Fließgewässer. Es wird im Berliner Teil auf der gesamten Fließstrecke von Mooren (insgesamt 156 ha) mit beträchtlichen Torfmächtigkeiten (3,5 bis 7 m) gesäumt. Die Moore stellen einen wichtigen CO2-Speicher dar.

Das Fließ selbst hatte schon immer eine stark schwankende Wasserführung. Im Zeitraum von 1986 bis 1998 lag der niedrigste Abfluss (NNQ) bei 81 l/s, der höchste Hochwasser-Abfluss (HHQ) bei 2500 l/s. Die Spanne zwischen Niedrig- und Hochwasser klafft also ziemlich weit auseinander.
Die Wasserspiegelschwankungen der Jahre 2016 und 2017 in m über NN, durch die Starkniederschläge im Sommer 2017 beeinflusst, sind der Abb. 1 zu entnehmen.

Abb. 1: Verlauf der Pegelwerte des Tegeler Fließes am St Josefs-Steg vom Nov. 2015 bis Januar 2018 (Quelle SenUVK).

Dass die Wasserstände heuer so lange so hoch sind, hängt vor allem mit den extremen Niederschlägen im Sommer 2017 zusammen. Das schreibt der TSP-Autor selbst, verkennt aber offensichtlich, wie heftig diese Niederschläge tatsächlich waren.
So stellte Berlin-Tegel einen bundesweiten Rekord auf. Am 29. Juni, dem Tag, an dem die gesamte Region mit sintflutartigen Regenfällen zu kämpfen hatte, wurden in Tegel 196,9 Liter pro m² gemessen, ein schier unglaublicher Wert – und fast ein Viertel der gesamten Jahresmenge (bis zu diesem Donnerstag waren es 831,8 Liter). Insgesamt war es laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) in keinem Sommer in Berlin seit Beginn der Aufzeichnungen noch nasser als 2017. Zitiert nach: https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2017/12/berlin-brandenburg-wetter-rueckblick-2017-viel-regen-viel-wind.html

Diese Wassermengen hätte auch ein „ordnungsgemäß“ gepflegtes Fließ nicht abgeführt. Dazu kommt, dass im Einzugsbereich des Fließes in Brandenburg durch großflächige Haus- und Straßenneubauten in Glienicke, Schildow, Mühlenbeck etc. zunehmend mehr Boden versiegelt wird, dadurch versickert weniger Wasser und es kommt zu höheren Abflüssen.
Auch die Landwirtschaft, die mit Ihren schweren Traktoren immer mehr die Böden verdichtet, so auch auf den Wiesen im Bereich Lübars, trägt dazu bei, dass immer weniger Wasser versickern kann. Angesichts der heftigen, möglicherweise zukünftig noch zunehmenden Starkniederschläge sollten die Anwohner froh sein, dass sie dort noch ein so ein großes natürliches Hochwasserrückhaltebecken haben.

Auch die in dem TSP-Artikel aufgeführten zahlreichen Abflusshindernisse in Form von ins Wasser gefallenen Bäumen gibt es nicht. Das Fließ wird regelmäßig von einer Arbeitsgruppe der Senatsverwaltung inspiziert und dabei wesentliche Abflusshindernisse sofort entfernt. Warum sollte man aber in einem derartigen Naturraum zusätzlich jene toten Bäume beseitigen, die keine Gefahr für Menschen oder Sachgüter darstellen? Schließlich ist es das Kennzeichen eines naturnahen Flusses und tote Bäume im Wasser werden von vielen Fischarten als Unterstand und Deckung geschätzt.
Das im Unterlauf des Fließes befindliche Wehr kurz vor der Autobahn ist allerdings tatsächlich ein Abflusshindernis. Es ist aber zur teilweisen Ableitung des Fließwassers zur Phospat-Elimierungsanlage zur Reinhaltung des Tegeler Sees notwendig. Ohne diese Umleitung würde das nach wie vor belastete Fließwasser ungeklärt in den Tegeler See fließen. Möglicherweise ist diese Ableitung für Starkregenfälle zu gering dimensioniert.

Schließlich hat es die „Ordnung“, die der Autor im Tegeler Fließtal sucht, dort so nie gegeben. Es gab dort keine gestaltete Parklandschaft. Zwar wurde das Fließ im letzten Jahrhundert mehrmals begradigt, insbesondere aber deshalb, um jahrzehntelang das Abwasser der Rieselfelder schneller dem Tegeler See zuzuführen. Da glich der kleine Fluss eher einer Kloake. Dies änderte sich erst 1985, als das damals modernste Klärwerk der DDR in Schönerlinde in Betrieb genommen wurde. Die Schadstoffe, die bis dahin der Fluss abtransportieren musste, stecken aber immer noch im seinem Bett und den umgebenden Wiesen und belasten das Wasser vermutlich heute noch.

Bis in die 1960er Jahre wurde das Fließtal landwirtschaftlich genutzt, die Feuchtwiesen wurden zur Gewinnung von Heu oder Einstreu von Hand oder mit Pferden gemäht. Diese Nutzung findet heute nur noch im Bereich Lübars statt. Es gab auch zahlreiche Torfstiche, dadurch entstand z.B. der Köppchensee. Und es wurden zahlreiche Mühlenstaue errichtet, die den Abfluss bremsten.

Nach der Aufgabe der unrentablen landwirtschaftlichen Nutzung blieben weite Teile des Fließes sich selbst überlassen und die Natur holte sich den Raum wieder zurück, Erlenwälder, feuchte Weidengebüsche sowie Röhrichte entstanden. So ist das Bild, welches das Fließtal heute bietet, seit dieser Zeit allmählich entstanden. Obwohl bereits 1990 als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen, für dessen Pflege der Bezirk Reinickendorf zuständig ist, erfolgte auch von dort aus keine weitere Pflege oder Nutzung. Das Fließtal wurde auch aus Kostengründen sich selbst überlassen.

So sind durch die Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung weite Teile des Fließtals zu einer spannenden Wildnis geworden. Es gibt dort noch an feuchte Standorte angepasste Pflanzenarten wie den Fieberklee oder seltene und gefährdete Orchideenarten. Biber und Kranich haben dort wieder ihren Lebensraum und es brüten noch wenige Paare der jedenfalls in Berlin fast ausgestorbenen Bekassine, um nur einige Arten zu nennen.
Die seit 2015 stattfindende Beweidung mit Wasserbüffeln ist im Übrigen der letzte Versuch, Teile der Wiesen vor der völligen Verbuschung zu bewahren, denn die alte Nutzung ist nicht mehr herstellbar und auch aus Kostengründen völlig unrealistisch.

Das derzeit zu beobachtende Absterben der alten Schwarzerlen ist zu bedauern, aber nicht zu ändern. Es wird durch den Pilz Phytophthora alni hervorgerufen und ist ein europaweites Problem und hat nichts mit hohen Wasserständen zu tun. Man könnte die toten Erlen nur mit einem Riesenaufwand aus der Aue herausholen und würde dabei immense Schäden an den empfindlichen Böden hervorrufen. Ganz davon zu schweigen, dass große Teile der Moorböden gar nicht befahrbar sind. So sind die Baumskelette ein Zeichen für die in der Natur stattfindende Dynamik.

Zusammenfassend kann man nur feststellen, dass die in dem Artikel geforderte Vertiefung des Fließes und die Räumung heute bereits zum großen Teil nicht mehr vorhandener Entwässerungsgräben, was letztendlich einem Ausbaggern gleich käme, völlig kontraproduktiv wäre und die gesamte heutige Fließlandschaft erheblich schädigen würde.
Wer einmal im Sommer bei Niedrigwasser das Fließ erlebt hat, wird darüber nur den Kopf schütteln. Dann „tröpfeln“ oft weniger als 100 l/s durch das Flussbett und dann kommt es erst zu dem beklagten Sauerstoffmangel. Durch die Eintiefung würde die gesamte Aue im Sommer austrocknen mit den entsprechenden Wirkungen für an hohe Wasserstände und Bodenfeuchte angepasste Fauna und Flora.
In den Mooren würde dadurch das gespeicherte CO2 freigesetzt, was auch nicht gerade wünschenswert ist.
Und schließlich würde das Absinken des Wasserspiegels sofort durch den Biber kompensiert werden. Es würden zahlreiche neue Biberdämme entstehen – alles wäre umsonst gewesen.

Aufgrund der Verpflichtung zur Herstellung des guten ökologischen Zustands gemäß Wasserrahmenrichtlinie dürfte die Senatsverwaltung, selbst wenn sie es wollte, keine Eintiefung vornehmen, da sie an die Vorgaben der Wasserrahmenrichtlinie und der FFH-Richtlinie zwingend gebunden ist!

Der Artikel endet mit der Feststellung: „technisch möglich ist das alles“ – ja, aber ein Naturschutzgebiet ist etwas anderes als eine sterile, entwässerte Niedermoorwiese oder Parkanlage. Hier werden andere Fragen gestellt, hier soll die die Natur zu ihrem Recht kommen und Tiere und Pflanzen erhalten bleiben, die hier eine ihrer letzten guten Lebensräume haben. Kritik, Vorschläge und Ideen für Maßnahmen für das Fließ müssen sich mit diesem Ziel auseinandersetzen, das vermisst man in dem Artikel vollständig.
Wenn für den Autor eine umgestürzte Weide ein „verstörendes Totholz“ ist, dann ist an ihm die gesamte Diskussion zum Erhalt der Biodiversität auf dieser Erde spurlos vorbeigegangen. Eine tote Weide ist ein quicklebendiger Lebensraum für Käfer, Larven, Spinnen und andere Tiere, deren Rückgang der Tagesspiegel sonst ganz generell im Wissenschaftsteil als dramatischen Rückgang der Insekten feststellt; hier ist die Gelegenheit zu zeigen, dass man es Ernst meint mit deren Schutz.

Auch der angeblich Konflikt von dem der Autor spricht, der auf Kosten der Anwohner und der Natur ausgetragen wird, ist meiner Ansicht nach vor Ort nicht vorhanden. Ich habe seit 2015 aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit mit vielen Erholungssuchenden, Radlern und Spaziergängern im Tegeler Fließtal gesprochen, die allermeisten fanden die Landschaft dort spannend oder wildromantisch, weil sich hier die Natur, vom Menschen weitgehend unbeeinflusst entwickeln kann. Gepflegte Parks sind eine Sache, naturnahe Flusstäler haben eben auch ihre Berechtigung und Ihre Liebhaber*innen.

Ich stimme allerdings zu, dass das Natur- und Grünflächenamt Reinickendorf sich ruhig ein bisschen mehr um die Ästhetik des Gebiets, vor allem an den Wegrändern kümmern könnte. Mich stören dabei weniger die toten Bäume im Fließ, als vielmehr die Gartenabfälle, die nach wie vor von zahlreichen unbelehrbaren Anwohnern im LSG deponiert werden. Dies fördert u.a. die Ausbreitung von Gartenpflanzen, den sogenannten Neophyten und stellt eine Ordnungswidrigkeit dar.
Ziemlich störend für mein Naturerlebnis finde ich auch die zahlreichen blickdichten Zäune und landschaftsfremden Koniferenhecken entlang der Wanderwege. Da müsste doch was zu machen sein, um das Naturerlebnis zu optimieren!
Auch die Herstellung einiger weiterer Sichtschneisen, die dem Spaziergänger mehr Blicke vom Weg in die Landschaft ermöglichen, wäre sicher mit dem Naturschutz vereinbar.
Schließlich könnte man auch die Abschnitte der Wanderwege entlang des Fließtals, die infolge hoher Wasserstände manchmal nicht begehbar sind, ganz schnell durch den Bau aufgeständerter Bohlenwege entschärfen, so wie es bereits im Bereich des Eichwerder Steigs vor vielen Jahren geschehen ist.

Aus meiner Sicht befindet sich das Tegeler Fließ, wenn denn endlich noch die geplanten Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt werden, auf einem spannenden Weg hin zu einem guten ökologischen Zustand mit einer hohen Erlebnisqualität für den Menschen – ein Schatz für alle Berliner!

Als Leser des Tagesspiegels frage ich mich natürlich, was dieser Artikel eigentlich bezwecken wollte? Immer wieder ist ja festzustellen, dass die Berlin-Redaktion erhebliche Schwierigkeiten bei der objektiven Darstellung von Berliner Naturschutzproblemen hat. Ich erinnere mich an einen nicht akzeptablen Artikel über den Biber sowie zahlreicher, tw. tendenziöser Berichte zum Unterschutzstellungsverfahren Müggelsee usw.
Im Gegensatz dazu gibt es viele gute Berichte, z.B. von Auslandskorrespondenten über Naturschutzprobleme in aller Welt oder im Wissenschaftsteil. Man hat den Eindruck, je weiter weg die Probleme (von der Berlin-Redaktion?) stattfinden, desto objektiver wird darüber berichtet. Irgendjemand hat da ein Problem, das man mal lösen sollte! Für klärende Gespräche stehen Naturschützer gerne zur Verfügung!

10 Kommentare

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  1. Junge, Junge – der Beitrag ist mal ’ne „amtliche“ Ansage!
    Danke für die sachliche Erwiderung und Darstellung der Zusammenhänge aus Naturschutzsicht. Das lässt so ein Thema dann gleich in einem ganz anderen, neuen Licht erscheinen. Und es drängt sich einem aber in der Tat die Frage auf, welche Interessen den TSP-Autor da geleitet haben mögen, darüber so vglw. einseitig zu schreiben. Aber uns in Verschwörungstheorien ergehen, das wollen wir hier lieber auch nicht… 🙂

  2. Als Mühlenbecker kann ich die aus Gesprächen des Autors mit Erholungssuchenden abgeleitete Schlussfolgerung, dass es keinen Konflikt mit den Anwohnerinteressen gibt, leider nicht bestätigen. Die gleiche Erfahrung machen wir seit Monaten mit unseren zuständigen Behörden, die schon das Problem nicht anerkennen wollen, um damit ihr fortwährendes Nichthandeln zu rechtfertigen. Dabei gab es schon lange Zeit vor dem Starkregen im Sommer Anzeichen für eine zunehmende Vernässung des Bodens. Diese hat sich auch mehr als ein halbes Jahr nach dem Starkregen (nach dem wir aufgrund der bereits bestehenden Sättigung des Bodens wochenlang durch Wasser und Schlamm gewatet sind) nicht entscheidend gebessert, so dass nach wie vor dringender Handlungsbedarf besteht, da jeder stärkere neue Regenguss wiederum Seen auf dem Land der Anwohner anwachsen lässt. Dieser Zustand geht zudem auf Kosten der bisher vorhandenen Flora und Fauna, die sich durch den steigenden Wasserspiegel natürlich auch ändert. So werden die Schwarzerlen irgendwann aufgrund der fortwährenden Überflutung ihrer Wurzelbasis absterben und ein Gespensterwald ist die Folge. Ich persönlich hoffe, dass niemand aus meinem privaten Umfeld durch einen dieser Baumleichen zu Schaden kommt. Insofern kann ich nur dafür plädieren, bei dem wichtigen Thema Naturschutz auch die schutzwürdigen Interessen der Anwohner im Auge zu behalten und ggf. auch mal über den einen oder anderen behutsamen Eingriff nachzudenken. Es muss ja nicht gerade eine Flussbegradigung wie früher am Rhein sein…

  3. Die Lübarser Landwirte wirtschaften seit Jahrhunderten auf dem von Ihnen benannten Gebiet und sichern somit die Existenzgrundlage ihrer Betriebe stets unter Berücksichtigung der bestehenden Fauna und Flora. Fauna und Flora konnten sich in den letzten Jahrzehnten entwickeln, da die Landwirte ihre im Eigentum stehenden Flächen bodengerecht und naturschonend bewirtschaftet haben. Wir sind keine Bilderbuchbauern, sondern Wirtschaftsunternehmen die sich an die ordnungsgemäßen , landwirtschaftlichen Auflagen ( ( Verordnung zum Schutz der Landschaft der Lübarser Felder von 1989) halten und nachhaltig anpassen.
    Ich zitiere aus einem Anschreiben von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von November 2000:
    In der Einbeziehung des Tegeler Fließtales in das Natura 2000 Schutzgebietssystem sehe ich im übrigen eine zusätzliche und langfristige Sicherung dieser Landschaft auch als ( Land-) Wirtschaftsraum, zumal ich davon ausgehe, dass der schutzwürdige Zustand, der durch “ Natura 200″ gesichert werden soll, sich bei der Form der bisherigen Landwirtschaft eingestellt hat. Peter Strieder Senator von Berlin Zitat Ende

    Auf Deutsch, nur weil die Landwirte seit jahrhunderten von Jahren diese Landschaft behudsam gepflegt und bewirtschaftet haben ist sie als Schutzgebiet Natura 2000 ausgewiesen worden.
    Fakt ist, wenn der Staat die Eigentumsflächen der Bauern für Schutzmaßnahmen haben will, muß es einen Ausgleich geben.
    Schade, dass ein Kultur.- und Erholungsgebiet so ein Ende findet. Für viele Berliner war Lübars mit seinen Fließwiesen und Feldern immer einen Ausflug wert.

    Eine Landwirtin aus Lübars

  4. Als Anwohner des Fließtales in Waidmannslust beobachten wir die Situation seit mehr als 10 Jahren. Die Hintergrundberichte des Autors zu Gesetzgebungen und zur Rückgewinnung von Lebensraum von Tieren sind sehr aufschlussreich. Die Unterstellungen Richtung Tagespiegel bezüglich einer einseitigen Berichterstattung halte ich jedoch vorsichtig gesagt für …wenig hilfreich und nicht angemessen. Vielmehr ist es nötig, dass endlich ein Gespräch zu der Situation, die sich für die Anwohner sehr ins Negative verändert hat, geführt wird.
    Der Wasserstand im Fließtal steigt kontinuierlich. Das hat dazu geführt, dass z.B. auf der Höhe des Hermsdorfer Sees Uferbereiche, die vor Jahren noch als Erlebnisfläche für Erholungssuchende und Lebensraum für Tiere vorhanden war, nun mehr und mehr im Wasser verschwinden.
    Wenn die Schwarzerlen an einer Pilzkrankheit sterben, warum fallen dann viele andere Bäume? Der steigende Wasserspiegel sorgt im Uferbereich dafür, dass der Bodenbereich extrem aufweicht und bei starkem Wind Bäume zunehmend entwurzelt werden und dann auch im Wasser liegen. Durch den steigenden Wasserspiegel sind zudem die Lübarser Wiesen schon länger nicht mehr zu passieren. Das ist für mich leider eine sehr unschöne Einschränkung im Erholungswert dieser wunderbare Landschaft.
    Wenn 7 Monate nach einem Hochwasser der Wasserspiegel noch nicht gesunken ist, dann hat das m. E. wenig mit Renaturierung zu tun. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass die Verantwortlichen sich im Nichtstun gefallen.

    Ein schnelleres Abfliessen des Wassers ist für mich die erste und wichtigte Forderung.

    • Der Wasserstand im Tegeler Fließ steigt nicht kontinuierlich, er steigt überhaupt nicht sondern schwankt stark mit den Niedrschlägen. 2008 war ein extrem nasser Winter mit hohem Wasserstand und auch 2010 konnt man nicht trockenen Fußes durch die Wiesen nach Lübars.
      Wofür wollen Sie ein schnelleres Abfließen des Wassers? Für die Natur und für unser Klima ist ein langes Verweilen des Niederschlagswassers in der Region wichtig – gerade in Zeiten des Klimawandels!

  5. Ich kann mich meinem Vorredner Reinhold Kaukmann nur anschließen. Als Direktanwohnerin auf der Nordseite des Fließ bin ich nicht erst seit den Starkregenfällen besorgt über die zunehmende Vermoorung aufgrund der fragwürdigen Umweltpolitik mit dem Ziel „das Fließ der Natur zu überlassen“ . Bereits seit vielen Jahren beobachte ich das allmähliche Absterben zahlreicher Birken als Ausdruck der steigenden Wasserhöhe. Zunehmend mehr toten Birkenstämme ragten und ragen von weitem sichtbar aus dem unzugänglichen Feuchtbereich des Fließ. Die beiden Bilder von Herrn Krauß zeigen das deutlich. Dabei waren in dieser Zeit des „Birkensterbens“ die Sommer noch heiß und trocken, so dass die Ursache keine Starkregenfälle waren, sondern Zeugnis der bewusst nicht mehr finanzierten Pflege der alten Entwässerungskanäle. Erst ein Besuch im Biosphärenreservat „Hochmoor Rhön“, in welchem der Prozess der Vermoorung in verschiedenen „Kerngebieten“ wissenschaftlich erforscht wird, hat mir deutlich gemacht, dass die absterbenden Birken ein Gradmesser dafür sind, was in Zukunft auch anderen Bäumen im noch trockenen Teil des Fließ widerfahren könnte . Als sogenannte „Pioniergehölze“ können Birken bei einer Kultivierung einer Moorlandschaft (z.B. durch Entwässserungsgräben) als erste auch in einem immer noch moorähnlichen Feuchtgebiet wachsen. Andere Bäume folgen ihnen nach langen Zeiträumen, so dass ein Mischwald entstehen kann, so wie wir ihn heute im Fließ (noch) erleben dürfen. Andersherum als in einem Biopsphärenreservat, wo man die Rückkehr zum ursprünglichen Moor verfolgen möchte, haben wir hier tatsächlich eine großstadtnahe – sich ehemals aus einem Moor heraus entwickelte „Kulturlandschaft“. Was ist daran denn unnatürlich? Denn sie bietet neben dem hohen Naherholungswert für uns Menschen vor allem auch durch den vielfältigen Baumbewuchs ein Paradies für eine artenreiche Vogelwelt, wie wir sie in Stadtnähe kaum erleben können. Andere Tiere finden wiederum Zuflucht im buschbewachsenen trockenen Untergrund. Hier ist allerdings schon Gefahr im Verzug. Denn die Wasserbüffel sind nicht die einzigen Tiere, die in ihren Rückzugsräumen nasse Füße bekommen. Der lobenswerte Wanderweg wurde erst vor 2 Jahren aufwändig gebaut, droht aber inzwischen an vielen Stellen unterspült zu werden. Ob man heuer überhaupt noch mit schwerem Gerät zur Reparatur anfahren kann, bezweifle ich. Auf der „Hermsdorfer Seeseite“ des Weges stehen die Uferbäume großflächig seit Monaten im überfluteten Wasser. Ich befürchte, diese Bäume werden als nächstes absterben (oder bei Wind entwurzelt), bis in diesem Bereich nur noch feuchtigkeitsresistentere Birken überdauern…… und diese irgendwann auch absterben.
    Ich bin keine Biologin, aber ich weiß, welch irreversiblen Vorgang das Übergießen von Pflanzen auslöst. Nach Trockenphasen können fast alle Pflanzen wieder wachsen, aber wenn die Wurzeln erst einmal verfault sind, ist nicht mehr zu helfen. Ein „Kerngebiet Schwarzmoor“, wie es im Biosphärenreservat erforscht wird, kann für uns in diesen wenigen Quadratmetern doch kein erstrebenswertes Stadium sein. Im Übrigen wird auch im Biosphäreneservat verdeutlicht, dass alle „Kerngebiete“ schützenwerte Sphären der Natur darstellen. Und was die Anwohner und deren Behausungen anbelangt: Stehen Menschen nicht auch unter Naturschutz?

  6. Panta rhei – alles fließt – nichts bleibt wie es ist. Als Spaziergängerin bedaure ich es, ohne Gummistiefel nicht mehr trockenen Fußes auf dem Weg durch die Lübarser Wiesen laufen zu können. Es ist auch schade, dass die Bank am Hermsdorfer See mittlerweile im See steht und für Menschen unbenutzbar geworden ist. Schade, wenn die Wasserbüffel nicht mehr kommen können, weil es ihnen zu naß ist. Was hat die Zaunanlage für sie gekostet, was die Weg- und Steganlage? Was würde es kosten, wenn die HauseigentümerInnen mit dauerhaft nassen Kellern entschädigt würden? Wenn das Fließ als Naturschutzgebiet wie vom BUND beschrieben tatsächlich gewünscht oder sogar gefordert wird, dann wird dies hinzunehmen sein, sosehr wir uns auch die früheren Zustände zurückwünschen, um unsere alten Seh- und Lauf- und Wohngewohnheiten nicht ändern zu müssen. Ich denke, mit Geld kann eine Menge gemacht werden, so dass am Ende alle zufrieden sind.

    • Die Bank stand immer an der von See abgewandten Seite, sie wurde von „Spazirgängern“ dahin transportiert. Dies ist mitnichten ein Zeichen für stetig gestiegene Wasserstände

  7. Das Thema bewegt uns Anwohner aber auch den Naturschutz sehr: ich bin beides, seit 67 Jahren Anwohner des Tegeler Fließes und Naturschützer. Bei allem Verständnis über den Ärger, dass z.B. der Wanderweg nach Lübars nicht passierbar ist, ist eine sachliche Beurteilung dennoch wichtig. Mal sind es Kleinigkeiten, die hier falsch dargestellt werden (für „Spaziergängerin“: die Bank am Hermsdorfer See stand immer auf der dem See abgewandten Seite des Weges, dass sie jetzt nah am Wasser steht ist Ergebnis eigenwilliger Besucher), mal sind es wirklich grobe Fehler: die Bewohnerin der Bertramstraße beklagt die „zunehmende Vermoorung“, obwohl das Tegeler Fließ seit Jahrhunderten ein Moor ist. Oder Herr Kolkmann, der seit 10 Jahren die Situation beobachtet und meint, dass der Wasserstand kontinuierlich steigt. Langjährige Pegelmessungen zeigen das nicht und vor genau 7 Jahren, im Januar 2011 war der Wanderweg nach Lübars noch viel weniger passierbar als jetzt und ein sehr langes Winterhochwasser 2008 führte zu weiträumigem Absterben der Erlen, deren kahle Stämme noch stehen. Betrachtet man nicht nur 10 sondern mal 50 oder 60 Jahre, dann merkt man ganz andere Veränderungen: früher wurden die nassen Wiesen landwirtschaftlich genutzt und wurden geschnitten – wenn wohl auch nicht jedes Jahr. Da sich diese Wiesennutzung nicht mehr rentierte wuchsen die Wiesen zu und das Aufwachsen, Sterben und jetzt auch wieder Neuwachsen der Erlen (und Weiden und Birken), ist die nun folgende, natürliche Dynamik in einem stark vom Wasser und seinen Schwankungen bestimmten System, die uns nicht erschrecken sollte. Die Natur verträgt das und wir Menschen können uns darauf einstellen; wir sollten uns an den paar natürlichen Prozessen erfreuen, die uns in einer sonst so technisierten Welt noch bleiben. Und noch etwas ist anders geworden in den letzten Jahrzehnten: Im Lotosweg und im Zehntwerder Weg stehen jetzt Häuser in der zweiten Reihe wo früher Gärten waren. Den Gärten machte das nahe stehende Wasser des Hermsdorfer Sees nicht viel aus, aber den neuen Häusern! Nicht der Wasserspiegel ist gestiegen sondern die Häuser sind zu nah ans Wasser gebaut worden!
    Dies mal als Bemerkungen von jemanden, der vor über 60 Jahren in der „Schule am Fließtal“ nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch Beobachten gelernt hat.

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