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Kastanie, Adieu: Stadtgrün im Klimastress

Dass sich das Berliner Stadtgrün unter dem Einfluss des Klimawandels in seiner bisherigen (historischen) Zusammensetzung künftig schützen ließe, wirkt nach neusten Erkenntnissen des Berliner Pflanzenschutzamtes fast unwahrscheinlich. Vergangenen Monat stellte die stellv. Leiterin Dr. Barbara Jäckel ihre Ergebnisse im Rahmen der BUND „Offenen Gesprächsrunde Stadtnaturschutz“ vor und sorgte dabei für ziemlich viel Ernüchterung im Publikum.

Klimaänderungen in neuen Dimensionen

Die seit einigen Jahren zu beobachtenden Klimaveränderungen besitzen eine völlig neue Dimension mit weitreichenden und bislang schwer abzuschätzenden Auswirkungen auf die Physiologie der Berliner Pflanzenwelt. Wenngleich die Folgen des Klimawandels in ihrem vollen Umfang noch nicht absehbar sind, so lassen sich schon jetzt Schädigungen auf die veränderten klimatischen Rahmenbedingungen zurückführen.

Die letzten beiden Sommer zeigten dies eindrücklich. Nachdem Sturmtief Xavier im Herbst 2017 mindestens 56.000 durch Starkregen destabilisierte Wald,- Straßen- und Parkbäume umriss, vertrockneten nach Angaben des landeseigenen Betriebs Berliner Forsten in diesem Sommer etwa 300.000 Jungbäume. Aber auch den ausgewachsenen Bäumen waren Wassermangel und Hitze anzusehen. Sie warfen schon mitten im Sommer Laub und ganze Äste ab und wurden durch erhöhte Ozonkonzentrationen geschädigt. Nur wenige Kilometer südwestlich der Stadtgrenze vernichteten Waldbrände weitere 300 Hektar Wald.

Frühjahre viel zu warm

Die Witterungsverhältnisse hätten in den letzten beiden Jahre kaum unterschiedlicher sein können und doch haben sie eine Gemeinsamkeit: ein viel zu warmes und trockenes Frühjahr. Bei einer seit 2003 durchschnittlichen Erhöhung von 1,7 Grad im April fielen im Mittel 25% weniger Niederschläge. Höhere Temperaturen sorgen für einen verfrühten Blatt- und Knospenaustrieb. Kommt es wie im vergangen Mai zu Spätfrost, gehen diese ein. Gleichzeitig hemmt zu wenig Niederschlag die Keimung, den Blattaustrieb und die Fortpflanzung.

Mehr und andere Schadorganismen

Zu kämpfen hat der Berliner Pflanzenschutz aber vor allem mit Schadorganismen. Das Spektrum an Pilzen, Bakterien und tierischen Schädlingen hat sich in seiner Quantität und Zusammensetzung stark verändert. Während sich bereits bekannte Schädlinge weiter vermehren, kommen nun auch noch nicht-heimische Organsimen hinzu. Dies hat zweierlei Gründe: zum einen verstärken höhere Temperaturen die Taubildung, wodurch Blattpilze wie der fasche Mehltau optimale Bedingungen vorfinden. Zum anderen begünstigen die Temperaturen die dauerhafte Ansiedelung von wärmeliebenden Organismen, die bisher nur in südlicheren Regionen bekannt waren. So hat die Rosskastanie neben der Miniermotte nun noch einen zweiten Feind: das Bakterium Pseudomonas syringae pavia aesculi. Seitdem werden kranke Kastanien gefällt und neue erst gar nicht mehr gepflanzt.

Fatale Kombination: Streusalz und Trockenheit

Unterdessen sind aber auch Globalisierung (weltweiter Handel mit Pflanzen, Baumaterialien und Verpackungen), Bevölkerungsdruck, Freizeitaktivitäten in Parkanlagen, unsachgemäße Pflegemaßnahmen und Streusalze im Winter weitere Stressfaktoren für das Berliner Stadtgrün. Gerade Streusalz wirkt sich bei großer Trockenheit fatal aus. Nach dem Winter verbleibt das Salz im Boden. Je weniger Niederschläge fallen desto höher ist die Streusalz-Konzentration in der Erde und die Bäume nehmen noch mehr von dem tödlichen Stoff auf.

Neue Herausforderungen für den Pflanzenschutz

Diese Entwicklungen erfordern ein Umdenken und vorbeugende Maßnahmen. Wie wir von Frau Dr. Jäckel erfahren, begegne das Pflanzenschutzamt diesen Herausforderungen vor allem mit der Einrichtung eines flächendeckenden Schädlings-Monitorings, Maßnahmen zu Unterstützung der Gesundheit wie fachgerechtes Wässern und Düngen sowie der Pflanzung von stadtklima-toleranten Baumarten aus der sog. Galk-Liste.

Richtig angepasste Bäume haben nur gute Chancen

Dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, wurde in der anschließenden offenen Diskussion deutlich. Naturschützer*innen bemängeln vor allem den Verlust gebietseigener Baumschulen. Während es in den 90er Jahren noch bezirkseigene Baumschulen gab, bezieht Berlin seine Bäume mittlerweile ausschließlich von gewerblichen Baumschulen. Nur entsprechen die Aufwuchsbedingungen dort in Bezug auf Nährstoffgehalte und Wasserverfügbarkeit im Boden selten den realen Bedingungen im Berliner Straßenland. Der Umzug eines Jungbaumes von der Baumschule in den Berliner Boden gleiche einem kalten Entzug und könne nur durch eine aufwendige Betreuung aufgefangen werden. Jungbäume können so nur schwerlich an die Berlinspezifischen Verhältnisse und die heimische Fauna angepasst sein. Aber auch das in Baumschulen gängige Klonen von Bäumen führe dazu, dass diese nur eine geringe genetische Vielfalt aufweisen – ein Faktor, der für die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen von hoher Bedeutung ist.

Gutes Pflanzenmanagement kostet Zeit, Geld und Expertise

Der BUND Berlin bemängelt schon seit Jahren die Berliner Sparpolitik in den Grünflächenämtern. Denn der Abbau von Personal und know-how trägt in einem erheblichen Maße dazu bei, dass das Berliner Stadtgrün so schlecht mit den neuartigen Witterungsverhältnissen zurechtkommt.
Und leider reichen da auch nicht die vielen wirklich anerkennungswürdigen Aktivitäten von Frau Dr. Jäckel und ihrem Team aus.

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