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Warum Ökostrom immer noch Thema ist…

BUND Berlin e.V. gibt Orientierung zum unübersichtlichen, liberalisierten Strommarkt

© by Robert Melzer / pixelio.de

Noch immer kommt unser Strom aus der Steckdose – nicht nur der „böse graue“ sondern auch der „gute grüne“. Noch immer rufen Umweltverbände wie der BUND die Verbraucher zum Stromwechsel auf – wenn auch seit dem späten Atomausstieg nach Fukushima auf niedrigerem Level. Nach „Atomausstieg selber machen“ folgt „Mach Deine Stadtwerke kohlefrei“, „Tschüss Vattenfall“ bzw. „Vattenfail“ und „Kohleausstieg selber machen“. Und noch immer gibt es diese Stromwechselgespräche: Wenn Strom, dann den „richtigen“, der bitte viel in Erneuerbare investiert, der die „Energiewende von unten“ vorantreibt, die ökologische Grundversorgung gewährleistet, der mal Sand im Getriebe ist, mal das David gegen Goliath–Motiv bemüht. Aus Konsumentensicht stellt sich der liberalisierte Strommarkt aber längst als wahrer Dschungel dar: Vierhundert Stromanbieter gibt es im Berliner Netz! Unendlich viele Stromprodukte-, -Tarife und -Techniken. Kann man da letztlich immer sicher sein, dass man auch das richtige Ökostromangebot findet?

„Kohleausstieg selber machen“ – das ist und bleibt nicht nur die dringlichste Klimaschutzaufgabe der neuen rot-rot-grünen Koalition in Berlin und des neuen Berliner Senats, der sich zu einer Vorbildwirkung der öffentlichen Hand verpflichtet sieht. Aber auch für die privaten Konsumenten muss es nach wie vor  heißen: „Weg von den nuklearen und fossilen Dreckschleudern“ und „Divest now!“  – und das alles in Zeiten, wo die Erneuerbaren Energien in Deutschland ja längst eine gewisse Erfolgsgeschichte erzählen. Eigentümlicherweise sogar in Berlin, wo bereits viele Ökostromkunden den Markt mitgestalten. Während in Sachsen nur 16% der Kunden Ökostrom beziehen, sind es in Berlin immerhin 28%! Mit steigender Tendenz. Aber reicht das, wenn sich nur ein Drittel der Verbraucher für „anderen“ Strom aus der Steckdose entscheidet? Und welcher Ökostrom kommt denn bei 28% der bewusst entscheidenden Verbraucher aus der Steckdose?

Wer auf Kohle setzt, zahlt doppelt drauf

Das einfachgruener_strom_label_schatten_01ste Klimaschutzrezept für Mieter, Verbraucher und ökologisch bewusste Berlinerinnen und Berliner ist der Wechsel zu einem empfehlenswerten Stromanbieter. Denn unter den „Ökostrom“-Genannten sind selbstverständlich auch Stromanbieter, die vielleicht den Markt bereichern, aber wenig Klimaschutzpotential aufweisen: Sog. RECS-Graustrom oder ökologisch bedenklicher Strommix, veraltete Produktion oder Konzernbeteiligungen, die alles andere als unbedenklich sind – man muss bei der Wahl leider schon sehr genau hinschauen. Letztendlich hilft wieder nur ein verlässliches Label. Und das gibt es mit dem www.Grünerstromlabel.de (GSL), das weniger als Zertifikat über bestimmte Tarifeigenschaften daherkommt, sondern vielmehr als wirkliches, ökologisch ausgerichtetes Gütesiegel. Dabei sind die Kriterien, die zum Erreichen des GSL notwendig eingehalten werden müssen, im Sinne von Umwelt- und Klimaschutz besonders hart.
Das ok Power Label als jüngstes empfehlenswertes Ökostromlabel schließt seit 2016 eine Beteiligung von fossilen oder nuklearen Muttergesellschaften aus und betont zudem stark Verbraucherschutzaspekte der Tarifwahl, stellt sich somit als eine weitere Label-Alternative dar. Wer auf Stromangebote mit dem „ok Power“-Label setzt, ist mit Verträgen ab 2016 sehr gut bedient, weil hier die neuen Richtlinien des Labels voll greifen. Wer bereits bei Ökostrom-Angeboten mit diesem Label vor 2016 zugegriffen hat, sollte lieber nochmal etwas genauer hinschauen, weil aus BUND-Sicht hier leider nicht volle „ok Power“ angesagt ist/war.

Die bleibende Erkenntnis ist aber, dass man beim vergleichenden Blick auf die Grundversorgertarife zumeist schnell sieht, dass sich ein Wechsel zu Ökostrom oft auch ökonomisch bezahlt macht. Und wer ab jetzt zu Ökostrom wechselt, ist mit einem der zwei vorgenannten Labels „an Bord“ auch auf der sicheren Seite.

Einen guten Überblick über die verschiedenen Labels, mit denen die verschiedenen Ökostrom-Anbieter bzw. Ökostrom-Angebote werben, bietet: Marktwächter Energie. Hier wird auch nochmal deutlich, warum eigentlich zunächst mit viel Renommée daher kommende Ökostromzertifkate von Gesellschaften wie z.B. TÜV Nord, TÜV Süd, TÜV Rheinland oder auch Renewable PLUS nur bedingt empfehlenswert oder tatsächlich gar nicht empfehlenswert sind. Sehr genaues Hinschauen ist also leider nachwievor gefragt, weil es sich bei vielen Angeboten zwar formal betrachtet um Ökostrom handelt, der ökologische Mehrwert aber am Ende leider nicht immer sichergestellt ist.

2 Kommentare

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  1. Ich finde das GSL nicht besonders hilfreich. Nicht etwa weil ich Sorge habe, dass mir dort Atom- oder Kohlestrom untergemogelt wird, sondern weil einige namhafte und seriöse Okostromanbieter in der Liste der rund 70 zertifizierten Produkte fehlen: GreenpeaceEnergy, Lichtblick oder die Elektrizitätswerke Schönau (EWS, „Stromrebellen“). Also genau die Unternehmen, die seit Jahren in erneuerbare Energien investieren. Nach Auskunft meines Stromanbieters (EWS) liegt das aber nicht daran, dass man die GSL-Kriterien nicht erfüllt, sondern dass man sich aus Unzufriedenheit mit den Kriterien bewusst nicht zertifizieren lässt. Möglicherweise sind die Bewertungen, die ecotopten.de oder oekotest regelmäßig an Ökostromanbietern vornehmen, aussagekräftiger. Besonders ärgerlich finde ich als Berliner, dass unser neues Stadtwerk nicht auftaucht, wenn ich bei GSL meine Postleitzahl eingebe. Kaum jemand weiß, dass man mit wenigen Klicks unter berlinerstadtwerke.de echten Ökostrom aus Berlin bestellen kann. Klar, das Label kann nichts dafür, wenn Anbieter ihre Stromtarife nicht zertifizieren lassen, aber es bildet halt nicht die Marktvielfalt ab.

    • @ Sebold
      … dass das Berliner Stadtwerk nicht auftaucht, wundert mich überhaupt nicht – hätte mich aber auch sehr sehr überrascht. Und es verhält sich mit dem fehlenden Ökostromzertifikat des Berliner Stadtwerks wie beim „Blauen Engel“, dem ältesten und dennoch erfolgreichsten Umwelt-Gütesiegel: Wenn ein Produkt die RAL-Kennzeichnung aufweist, hat der Produzent meist die Zertifizierung veranlasst und bezahlt. Bei unter 2000 Kunden, die aus den eigenen Erzeugungskapazitäten (mehr oder weniger Mieterstrommodelle) versorgt werden, lässt sich der hohe Standard der Label nicht erreichen bzw. nicht finanzieren. Zumal das Berliner Stadtwerk Unterkapazitäten durch Graustrom ausgleichen wird – wenn es die Unterkapazitäten denn bei den wenigen Kunden momentan geben sollte. Die neue Koalition will ja den „Deckel“ des Bonsai-Stadtwerks etwas lüften – was die Stadtwerke vor das „Problem“ des zu schnellen Wachsens stellen kann – sprich: Woher kommt der Strom, wenn er nicht von den eigenen Dachflächen kommt, wo wird der dazugekauft, wie ist der Strom zertifiziert? In Punkto Zertifizierung mit „Umweltlabels, die Licht ins Dunkel bringen“ wird es auch nichts beim Stadtwerk als Stromhändler werden – mit einer Beteiligung des Berliner Stadtwerks am ENBW Windpark. Aber ich gebe Ihnen natürlich Recht: Das Berliner Stadtwerk soll wachsen und bürgernah erneuerbare Energie (und NUR die) von den Dächern und Flächen Berlins in die Haushalte bringen. Nur sollte das Berliner Stadtwerk konsequent den guten Vorbildern vieler anderer Stadtwerke folgen und auch den Zertifikaten der Umweltverbände genügen. Sonst kann man ja auch gleich bei Vattenfail-„Ökostrom“ bleiben.
      Lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag des Lichtblick Geschäftsführers Gero Lücking auf klimaretter.info (http://www.klimaretter.info/konsum/hintergrund/22301-schoen-gemixt-dank-eeg-strom) in dem er erklärt, wie und in welchem Ausmaß die Umetikettierung bei Ökostrom praktiziert wird. Auch er kommt wiederum zum selben Fazit: Das „GrünerStromLabel“ und das „ok power Label“ sind verlässliche Kennzeichnungen für empfehlenswerte Stromprodukte. Die anderen eben nicht – selbst wenn seine Firma keine Zertifizierung vornimmt. Die Marktvielfalt der vierhundert Anbieter im Berliner Strommarkt bildet kein Label vernünftig ab – das ist wahr. Die genannten „großen Vier Ökostromanbieter“ tun das übrigens auch nicht für die Marktvielfalt empfehlenswerter Anbieter. Da findet man nämlich häufig innovative, ökologisch wenig bedenkliche Strommixe (insbesondere bei hohem Anteil an Wasserkraft) und vor allem genossenschaftliche und kommunale Lösungen kleiner Erzeuger, die die Energiewende in Bürgerhand repräsentieren.

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