Print

Posted in:

Die entscheidenden Schrauben

Aus ökologischer Sicht ist die Sache klar: Reparieren ist immer sinnvoller als neu kaufen. Für die Besitzer*innen kaputter Gegenstände scheinen Reparaturen häufig aber die ökonomisch falsche Entscheidung zu sein. Um das Reparieren wieder zu einer auch finanziell lohnenden Sache zu machen, müssen Hersteller zu mehr Kooperation gezwungen und professionelle wie auch ehrenamtliche Reparierende stärker unterstützt werden.

„Das lohnt sich doch nicht mehr“ – wie oft hört man diesen Satz schon von Fachleuten aller Zünfte, wenn ein Kostenvoranschlag für eine Reparatur gefragt ist. Wie der Markt bei der Reparatur von an und für sich gut reparierbaren Gegenständen versagt, haben wir hier unlängst am Beispiel eines Druckers mit Papierstau beschrieben.1 Meistens ist die Arbeitszeit der größte Kostentreiber, manchmal fehlt aber auch ein Ersatzteil, ein aktueller Treiber oder ein Bauplan.

Das Problem der fehlenden Ersatzteile und Reparaturanleitungen könnte im kommenden Jahr verschwinden, zumindest teilweise. Dank der neuen EU-Ökodesignrichtlinie muss die Industrie ab März 2021 bei bestimmten Warengruppen Ersatzteile und Anleitungen bereithalten, und zwar auch dann, wenn sie das Produkt nicht mehr herstellt. Diese Pflicht erlischt je nach Warengruppe sieben und zehn Jahre nach Inverkehrbringen des letzten Exemplars. Sie gilt für Waschmaschinen, Geschirrspüler, elektronische Displays, Lichtquellen, externe Netzteile, Elektromotoren, Kühlgeräte (inklusive Kühltheken in Supermärkten und Verkaufsautomaten für Getränke), Leistungstransformatoren und Schweißgeräte.2

Wer gilt als „fachlich kompetent“?

Allzu leicht möchten es die Herstellerfirmen den Besitzer*innen defekter Geräte aber nicht machen. Als gut vernetzte Interessengruppe konnten sie es durchsetzen, dass sie Material und Know-how nicht an ihre Kund*innen, sondern nur an „fachlich kompetente Reparateure“ abgeben müssen.3 Die Folge dieser Einschränkung ist, dass die EU-Mitgliedstaaten nun wohl Register dieser „fachlich kompetente Reparateure“ aufstellen müssen. Wichtig ist, dass sich auch ehrenamtliche Reparaturinitiativen wie zum Beispiel Repair-Cafés in dieses Register eintragen dürfen. Die erste, glücklicherweise noch veränderte Übersetzung des Verordnungstextes ins Deutsche wollte aus „fachlich kompetent“ nämlich „gewerblich“ machen.4

Sehr spannend wird auch, wie die Hersteller ihren anderen neuen Pflichten aus der Ökodesign-Verordnung nachkommen. Werden sie wirklich sicherstellen, „dass diese Ersatzteile mit allgemein verfügbaren Werkzeugen und ohne dauerhafte Beschädigung am Gerät ausgewechselt werden können“?5

Reparaturgutscheine statt Autoprämie

Doch auch das beste Ökodesign6 nutzt wenig, wenn die Reparatur gegenüber dem Neukauf die deutlich teurere Option ist. Hilfreich wäre sicherlich, die Hersteller an den Entsorgungskosten zu beteiligen, um weniger Anreize für die Produktion von kurzlebigen Gütern zu setzen.

Aber warum nicht den direkten Weg wählen und das Reparieren günstiger machen? Eine Möglichkeit wäre, dass Reparaturen den vergünstigten Umsatzsteuersatz von sieben Prozent erhalten oder ganz davon befreit werden. Eine andere Möglichkeit wird im Zuge der kommenden Rezession interessant: Statt mit einer Abwrackprämie den Absatz von stinkenden und lärmenden Blechkisten anzukurbeln, könnte der Staat genauso gut Reparaturgutscheine ausgeben, ganz egal ob damit Schuhe, Mobiltelefone oder Spülmaschinen wieder funktionsfähig gemacht werden.

Wertstoffhöfe sollten ihren Namen verdienen

Die größte Wirkung dürften allerdings die Maßnahmen entfalten, die das kostenlose Reparieren unterstützen. Das sollte zum einen die finanzielle oder organisatorische Förderung von Reparaturinitiativen wie Repair-Cafés oder DIY-Workshops sein – etwa indem Kommunen ihnen Räume zur Verfügung stellen. Zum anderen sollten Initiativen und einzelne Reparateur*innen endlich Zugang zu den wichtigsten Ersatzteillagern bekommen, die es überhaupt gibt: den Recyclinghöfen.

Momentan machen die Wertstoffhöfe ihrem Namen noch nicht alle Ehre, da es sich in erster Linie um Abfallabwurfstellen handelt. Die Trennung der verschiedenen Abfallfraktionen funktioniert dort zwar recht gut, aber Wiederverwendung von Dingen oder Stoffen steht nicht auf dem Programm. Für den Berliner BUND ist daher eine der wichtigsten Forderungen auf dem Weg zu einer Zero Waste-Stadt, die BSR-Recyclinghöfe für Reparateur*innen zu öffnen. Dabei geht es nicht nur um wiederverwendbare Gegenstände, sondern auch um Sekundärmaterialien, die vor der „thermischen Verwertung“ (sprich Verbrennung) gerettet werden sollen.7

Machen, nicht nur reden!

Die Zeit ist reif, um die Stoffströme in Richtung Wiederverwendung zu lenken. Das sieht – zumindest im Grundsatz – auch die BSR so. Denn während andere kommunale Entsorgungsunternehmen Mitarbeiter*innen, die wiederverwendbare Gegenstände heimlich vor der Vernichtung bewahren, wegen Diebstahls anzeigen,8 gestaltet die BSR ihre Wertstoffhöfe schon einmal zu „Nachhaltigkeits-Centern“ um. Zwar nur gedanklich, aber die Vision klingt gut. Die kieznahen „Nachhaltigkeits-Center“ sollen „Re-Use-Kaufhaus, Repair-Café und Wertstoff-Scanner unter einem Dach“ vereinigen.9

Unterstützung für diese „Nachhaltigkeits-Center“ durch die Umweltverbände wäre der BSR sicher. Sie müsste nur – machen. Dasselbe gilt für die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, der schon seit Ende 2018 eine Machbarkeitsstudie zum Aufbau eines Reparaturnetzwerks in Berlin vorliegt.10 Wie so oft fehlt es nicht an Konzepten, sondern schlicht an der Umsetzung.

 

Erstveröffentlichung des Beitrags auf www.remap-berlin.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.