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Vier Forderungen um Berlins Stadtgrün zu schützen!

Auch wenn es jetzt draußen wieder ungemütlicher ist, behalten die grünen Freiflächen ihren besonderen Wert für Berlin. Sie laden uns ein, raus zu gehen, bei Gelegenheit Sonne zu tanken, Familie und Freund*innen zu treffen und dabei auch den in diesen Zeiten gebotenen Abstand wahren zu können.

Bewegung in der Natur stärkt auch das Immunsystem und so ist „Raus ins Grüne“ dann auch die Devise, der viele Berliner*innen während der Kontakt-Beschränkungen folgen. Das geht leider nicht spurlos an den grünen Freiflächen vorbei. Der Nutzungsdruck auf die Grünanlagen hat sich bereits im Frühjahr bemerkbar gemacht, nicht nur dort, wo die Menschen feierten, sondern auch abseits der Hotspots mussten die Parks und Wälder, die Friedhöfe und Gewässerufer eine Menge schlucken. Müllberge häuften sich und die vertrocknete Grasnarbe konnte den vielen Füßen und Bällen nicht lange stand halten. Wer die Natur suchte, musste schnell feststellen, dass sich diese leider schon längst auf dem Rückzug befindet.

Denn schon vor Corona war die grüne Infrastruktur am Rande ihrer Leistungsfähigkeit, fehlten den Gärtner*innen die Kolleg*innen und die Ausrüstung, um sie nicht nur instand zu halten, sondern sie angemessen zu pflegen, ihre Qualitäten für die Menschen, Tiere und Pflanzen in der Stadt zu bewahren. Aber auch in der Fläche muss die Natur das Feld räumen. Denn gebaut wird am liebsten dort, wo vorher noch nichts war außer Bäumen und Sträuchern.

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz entwickelte 2018 nach jahrelangem Drängen der Berliner Naturschutzverbände endlich ein Papier – die „Charta für das Berliner Stadtgrün“ – um dem Grünflächenverlust durch Bebauung endlich Einhalt zu gebieten und das Stadtgrün durch eine gute Pflege weiterzuentwickeln. Im Juni 2020 vom Berliner Senat verabschiedet bleibt die Charta mit ihrem anhängigen Handlungsprogramm jedoch nur eine schwammige Selbstverpflichtung.

Nun liegt es an den Berliner Abgeordneten, die Charta und ihr Handlungsprogramm aufzugreifen und zu diskutieren, sie mit den richtigen Instrumenten auszustatten und schlussendlich zu verabschieden. Das Abgeordnetenhaus hat jetzt die einmalige Chance, dem Berliner Stadtgrün die Priorität einzuräumen, der sie tatsächlich gebührt. Denn eine Stadt braucht Grün, um überhaupt noch lebenswert zu sein.

Mit diesen vier Forderungen richteten wir uns vergangene Woche in einem Brief an die Berliner Abgeordneten:

 

1. Konkrete Budgets für die Maßnahmen im Handlungsprogramm der Charta. An den grünen Freiflächen wurde schon lange gespart. Die Stadtnatur ist hohen Belastungen ausgesetzt, in diesen Zeiten der Ausgangs- und Reisebeschränkungen mehr denn je. Ohne ökologische Pflege werden die Qualitäten verloren gehen, werden die Bäume vertrocknen, die Gewässer verlanden und die Schutzzonen überrannt werden.

2. Verbindlicher Schutz für die grünen Freiflächen in Berlin. Diese Flächen regulieren das Stadtklima, sichern die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes, bieten den Bewohner*innen der Stadt Raum für Bewegung, Freizeit und Erholung und sind wiederum selber Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Das Landschafts- und Artenschutzprogramm gibt den Rahmen der für eine gesunde Stadtentwicklung benötigten Flächen vor. Dieses Landschaftsprogramm muss mit geeigneten Instrumenten gestärkt und durchsetzungsfähig werden, damit es bei konkreten Planungskonflikten nicht regelmäßig missachtet wird.

3. Zukunftsweisender Wasserhaushalt. Die grüne Infrastruktur kann ohne die blaue nicht sein. Wasser muss in der Landschaft gehalten werden und für die Vegetation verfügbar gemacht werden, anstatt es in die Kanalisation abzuleiten. Das Konzept der Schwammstadt, die den Regen speichert, wenn er fällt und das Wasser vorhält, wenn es gebraucht wird, muss entschlossen umgesetzt werden. Wo möglich, muss versiegelter Boden wieder aufnahmefähig gemacht werden. Die Schmutzwassereinleitungen bei Starkregen in die Gewässer muss zügig beendet werden. Zur Sicherung des Berliner Wassers und der wasserbeeinflussten Ökosysteme müssen verbindlich einzuhaltende Grundwasserstände, die das ganze Jahr über nicht unterschritten werden dürfen, festgesetzt werden.

4. Den Weg zum 0 Hektar Ziel vorbereiten. Die verfügbare Fläche Berlins ist endlich und immer mehr Menschen werden sich immer weniger Freiraum teilen müssen. Jeder neu versiegelte Quadratmeter, der jetzt verloren geht, wird dann noch kostbarer werden. Wer die Stadt entwickeln will, muss die Grünflächen mitentwickeln, in ihrer Menge mindestens erhalten, wenn nicht sogar vermehren. Die grüne Infrastruktur bildet ein unabdingbares Sicherheitsnetz für die Stadt. Bis 2030 muss Berlin das selbst gesteckte 0 Hektar Ziel erreichen, so dass für jeden Quadratmeter Boden, der neu versiegelt wird, die gleiche Menge auch wieder entsiegelt und renaturiert wird.

 

Mitmachen:

Unterstützen Sie unsere Forderungen mit Ihrer Unterschrift und teilen Sie uns mit, warum Ihnen das Stadtgrün am Herzen liegt

 

2 Kommentare

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  1. In Tempelhof wurden in den Parkanlagen ( z.B. Bosepark, Alter Park, Franckepark) mehrere Bäume gefällt. Ohne eine Neuanpflanzung von Bäumen können die Einbußen für das Stadtklima nicht ausgeglichen werden. Wichtig ist einen Ausgleich von gefällten und neu gepflanzten Bäumen zu schaffen und für Personal zur Pflege der Grünanlagen zu sorgen. Dafür wurde jahrelang nicht gesorgt.

  2. Gegen die vier Punkte ist nichts zu sagen, außer daß sie alle in den Mühlen der Politik kleingemahlen werden und zu lange Perspektiven zur Umsetzung verlangen. Aber die Zeit läuft davon. Was also kann man sogleich für Maßnahmen treffen, um den Prozeß der Hilfe für die Stadtnatur in Gang zu setzen?
    1.) Meines Erachtens wäre sofort umsetzbar, daß die Grünflächen, soweit sie nicht zur unmittelbaren Erholung als Liegewiesen dienen, nicht mehr als 1 x pro Jahr oder besser alle 2 Jahre gemäht werden. Das sog. Straßenbegleitgrün muß Blühstreifen bilden können, nicht als Kleinrasen nur „hübsch“ aussehen. Es muß auch im Herbst stehen bleiben, um Überwinterungsmöglichkeitenfür Insekten zu bieten. Auf den Pilotflächen der Deutschen Wildtier Stiftrung in Charlottenburg-Wilmersdorf wird es vorgemacht. Man muß nicht 5 Jahre Probelauf ansetzen, um dann erst mit einer Ausweitung des Ansatzes zu beginnen…

    2.) Dringend ist ein besseres Management gegen den jährlichen Verlust an Straßenbäumen. Die Anordnung, daß jeder gefällte Baum umgehend zu ersetzen ist, muß dahingehend geändert werden, daß jeder gefällte Baum über einem Alter von 20 Jahren durch drei Bäume zu ersetzen ist, jeder Baum über 40 Jahre durch fünf Neupflanzungen.
    Die Kosten für Pflanzung und Bewässerung sind u.a. durch Einsparungen bei der „Rasenpflege“ (siehe oben 1.)) zu kompensieren.
    3.) Straßenbäume und Bäume in Privathand dürfen weniger leicht durch Fällen zu „entsorgen“ sein, sondern sind durch Kroneneinkürzungen zu stabilisieren und auch bei Hohlstamm zu sanieren, soweit möglich. Pflege geht vor Fällen.
    Derartige Sofortmaßnahmen wären möglich und würden den Verlust an Naturreserven verlangsamen.
    Dr. Ulf Martens

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