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Streuobstwiesen in Berlin – Eine Chance für den Naturschutz?

Streuobstwiesen gelten als Hotspots für Artenvielfalt, da sie bei richtiger Anlage, Pflanzung und Pflege bis zu 5.000 Tier- und Pflanzenarten beheimaten können. Deswegen formulierte auch die Bundesregierung 2007 in ihrer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt das Ziel, Streuobstwiesen bundesweit um 10% auszuweiten.

© Eckart Klaffke, Zitronenfalter und Wildbiene
© Eckart Klaffke, Schachbrettfalter – Schmetterling des Jahres 2019

Historie

Traditionell kommt diese Art des Obstanbaus eigentlich nur in Süd- und Südwestdeutschland vor. In Berlin/Brandenburg hingegen wurde die Obst-Versorgung im Zuge der Industrialisierung und dem damit einhergehenden Flächenschwund bereits 1830 über die heute noch bekannten Anbaugebiete wie beispielsweise im Potsdamer Havelland und über die mit dem Namen Lenné verbundenen Obstalleen entlang der Landstraßen sichergestellt.

Und trotzdem gibt es heute in Berlin mindestens 87 Streuobstflächen, die sich über das gesamte Stadtgebiet in öffentlichen Grünanlagen, Naturschutzgebieten sowie Privat-, Landwirtschafts- und Forstflächen verteilen. Zu diesem Ergebnis kommt der BUND-Experte für Streuobstwiesen Eckart Klaffke in seiner Studie zu Streuobstwiesen in Berlin, die er im Dezember 2018 in der Offenen Gesprächsrunde Stadtnatur beim BUND vorstellte. Es ist die umfassendste und aktuellste Übersicht über Berlins Streuobstflächen.

Streuobstwiesen als Ausgleich für Eingriffe in Natur und Landschaft

Der Großteil entstand nicht, wie vielleicht anzunehmen, in der Nachkriegszeit, sondern erst nach dem Fall der Berliner Mauer, als sich – dank veränderter Nutzungsansprüche – neue Freiräume entwickelten.
Die Anzahl ist seither beständig gewachsen. Viele Streuobstwiesen wurden angelegt, um Eingriffe in die Natur und Landschaft auszugleichen. Diese Ausgleichsflächen machen aktuell gut ein Viertel des Berliner Streuobstwiesenbestandes aus. Die Eingriffsregelung ist heute eines der bedeutendsten Instrumente des Naturschutzes, doch leider entsprechen die zum Ausgleich bestimmten Streuobstwiesen nicht immer den Anforderungen.

Streuobstwiese auf Velodrom – Beispiel falscher Planung

Als Beispiel präsentierte Eckart Klaffke dem Publikum die Streuobstwiese auf dem Dach des Berliner Velodroms im Prenzlauer Berg, welches im Rahmen der Berliner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 gebaut wurde. In Anlehnung an den französischen Namen der Sport-Halle und den in Frankreich besonders beliebten Radrennsport, hatte man als Ausgleich für den Bau französische Cidre-Apfelsorten gepflanzt, wie sie in der Bretagne und Normandie vorkommen. Von den ursprünglich 450 Apfelbäumen stehen heute nur noch 134 Exemplare. Als Ursache benennt Eckart Klaffke den unzureichenden Schutz der Stämme vor Vandalismus als auch das kontinentale Klima in Berlin, mit dem die französischen Sorten nicht zurechtkommen. Dass die Wahl für eine Ausgleichsmaßnahme ausgerechnet auf eine für den Standort ungeeignete Sorte fiel, ist fast schon paradox. Denn es sind gerade die traditionellen heimischen Obstsorten, die als besonders robust gelten und extremen Wetterlagen wie im vergangenen Sommer weitaus besser standhalten können. Die Apfelernte auf der BUND-Streuobstwiese ist im letzten Herbst sogar eher üppig ausgefallen.

Nur 15 Prozent der Streuobstwiesen geht es gut

Auch auf den anderen Streuobstwiesen zeigt sich ein ähnliches Bild. Lediglich 15% der Flächen befinden sich in einem pflegerisch guten Zustand. Die überwiegende Mehrheit der Streuobstbäume ist jedoch entweder leicht vernachlässigt oder stark bis erheblich beeinträchtigt. Die Fotos in der Präsentation von Eckart Klaffke sprechen ihre eigene Sprache. „Ein Horrorkabinett falscher Pflegemaßnahmen“, ertönt es aus dem Publikum zynisch.
Zu sehen sind zu dicht gepflanzte, falsch oder gar nicht beschnittene Bäume, eingewachsene Stammbefestigungen oder durch Sukzession völlig überschattete Baumkronen. Da rund zwei Drittel der Gehölze erst nach 1990 gepflanzt wurden, haben sie naturgemäß noch gar kein Alter erreicht, in dem sie Höhlen und sonstige Strukturen ausbilden, die sich für Vögel und Insekten als Nist- und Quartiersmöglichkeiten eignen.

© Eckart Klaffke

Welchen Wert haben Streuobstwiesen?

Es drängt sich die Frage auf, welchen Wert die Streuobstflächen für den Naturschutz in Berlin haben?
Die Streuobstwiesen im innerstädtischen Bereich wie im Görlitzer Park oder am Richardplatz sind einem hohen Nutzungsdruck ausgesetzt, dem nur mit ausreichend Schutz und einem großen Pflegeaufwand begegnet werden kann. Dass sich allerdings zwischen den Stämmen eine artenreiche Krautschicht entwickelt, ist gänzlich auszuschließen.

© Eckart Klaffke, Streuobstwiese im Görlitzer Park

Aber einmal ganz unabhängig von ihrem im Vergleich zu Streuobstwiesen in Stadtrandlagen begrenzteren Beitrag zum Arten- und Biotopschutz erfüllen sie als Vorsorgegebiete für frische Luft, der Grundwasserneubildung und als Treffpunkt gemeinsamer Aktivitäten wichtige natürliche und soziale Funktionen. Für den Stadtnaturschutz zudem ganz entscheidend ist das Erfahren von spontaner Naturentfaltung im unmittelbaren Wohnumfeld. Die räumliche Trennung von Konsum und Produktion unserer Güter hat dazu geführt, dass vielen Stadtbewohner*innen das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit von den natürlichen Ressourcen abhandengekommen ist. Das Erlebbarmachen primärer Produktionsformen – sei es beim Obstanabau – ist ein ganz wichtiger Baustein in der Umweltbildung.

© pixabay, Seidenschwänze im Apfelbaum

Ein wunderschönes Bild gibt die Obstblüte mit dem Gesumme der bestäubenden Insekten im Frühling und der alle paar Jahre wieder zu erlebende Besuch der Seidenschwänze aus den Weiten der Taiga im Winter her. Überall dort, wo noch Früchte an den Bäumen hängen, schlagen sich die zutraulichen Vögel die Bäuche voll und lassen sich dabei hervorragend aus der Nähe beobachten.
Die Ziele des Arten- und Biotopschutzes ließen sich besonders gut auf den Streuobstwiesen in Wohngebieten mit landschaftlicher Prägung und in den Stadtrandlagen umsetzen, da hier der Nutzungsdruck deutlich geringer ist als in der Innenstadt. Darüber hinaus befinden sich die Flächen meist in einem funktionalen Zusammenhang (Biotopverbund) mit benachbarten Lebensräumen wie Wäldern, Gehölzsäumen, Brachflächen, Kleingartenanlagen, Wiesen oder größere Parks und können sich damit zu einem wichtigen Trittstein für Vögel, Säugetiere und Insekten entwickeln.

Professionelle und kontinuierliche Baumpflege ist das A und O

Egal, ob es sich um innerstädtische Streuobstwiesen oder um solche in Stadtrandlagen handelt, wichtige Voraussetzung für ihren Naturschutzwert ist eine professionelle und kontinuierliche Baumpflege, für die es einer besseren Ausstattung und Ausbildung des Pflegepersonals bedarf. Dies ließe sich zumindest bei den Wiesen umsetzen, die sich auf öffentlichen Grünflächen befinden und für die die Grünflächenämter verantwortlich sind. Dabei handelt es sich immerhin um fast die Hälfte aller Streuobstwiesen.
Darüber hinaus wäre es sinnvoll, Streuobstwiesen als Flächentyp in den gesetzlichen Biotopschutz zu überführen, so wie es in Brandenburg und vielen anderen Bundesländern der Fall ist.

Schnelles Handeln, damit die Bäume ihren wahren Wert erlangen

Für alle Maßnahmen zählt am Ende, dass diese zügig in die Umsetzung kommen. Denn nur so können die Obstbäume auch ein Alter erreichen, in dem sich ihr wahrer Wert für den Naturschutz entfaltet und die Bäume einen kleinen Beitrag zu unserer Ernährung leisten können.

Fazit:

Wir sehen es ähnlich wie die Bundesregierung in ihrer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt: Streuobstwiesen stellen auch in Berlin eine Chance für den Naturschutz dar, die genutzt werden sollte.

Links:

Studie „Streuobstwiesen in Berlin – eine Chance für den Naturschutz“ von Eckart Klaffke ist eine vom BUND in Auftrag gegebene Studie und gefördert durch die Stiftung Naturschutz Berlin.

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Information zur BUND-Streuobstwiese Stahnsdorf

Mitmachen auf der BUND Streuobstwiese:
https://www.bund-berlin.de/themen/stadtnatur/stadtgruen/streuobstwiese/

BUND-Streuobstwiese Stahnsdorf – Apfelernte 2018

Honig und Apfelsaft von der BUND Streuobstwiese:
https://www.bund-berlin.de/themen/stadtnatur/stadtgruen/streuobstwiese/

Eine Projektpatenschaft für die BUND-Streuobstwiese übernehmen und damit den Fortbestand und die wichtige ehrenamtliche Arbeit auf der Wiese finanziell unterstützen und langfristig sichern:
https://www.bund-berlin.de/fileadmin/berlin/publikationen/Naturschutz/stadtnatur/sow_Projektpatenschaft.pdf

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