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Bauscham statt Bauwahn

In der Neuauflage seiner Streitschrift „Verbietet das Bauen“ legt Daniel Fuhrhop dar, warum Neubau nicht das Geringste am Wohnungsmangel ändert, und stellt 100 Instrumente vor, wie bezahlbarer Wohnraum zu organisieren und die Flächenversiegelung zu stoppen ist. Eine Buchempfehlung.

Wenn es um Wohnungsbau geht, scheinen sich in Deutschland alle einig zu sein. Von CDU/CSU bis zur Linken, von der Immobilienwirtschaft bis zu den Mieterverbänden fordert man unisono „bauen, bauen, bauen!“. Zwar schwören die einen auf die wundersamen Kräfte des Marktes, während die anderen staatliche Lenkung in Form von kommunalem Wohnungsbau bevorzugen – ob aber wirklich neu gebaut werden muss, stellt niemand infrage.

Wirklich niemand? Nun, richtig viele Neubaufans gab es in der Umweltszene noch nie. Der BUND etwa fordert seit Jahren null Hektar Neuversiegelung, dass also nur auf ohnehin schon versiegelten Flächen gebaut wird beziehungsweise dass für jeden neu versiegelten Quadratmeter ein Quadratmeter an anderer Stelle entsiegelt werden muss. Aber kaum jemand hat die Sache so konsequent weitergedacht wie Daniel Fuhrhop. „Verbietet das Bauen“ lautet der durchaus ernstgemeinte Titel seiner 2015 publizierten Streitschrift, die jetzt in deutlich erweiterter und aktualisierter Form neu erschienen ist.

Warum das Bauen verbieten? Dafür führt der ehemalige Architekturverleger und heutige Wohnforscher Fuhrhop im Wesentlichen zwei Gründe auf. Erstens ist das Bauen eine Anhäufung ökologischer Probleme: Flächenversiegelung, Grünlandverlust, längere Verkehrswege in die Neubaugebiete, jede Menge Müll beim Abriss, hoher Energie- und Ressourcenverbrauch beim Neubau … Das alles ist nicht unbedingt neu. Bemerkenswert strikt ist aber die Konsequenz, die Fuhrhop daraus zieht, eben das Bauen gänzlich zu unterlassen. Und zwar ohne Ausnahme. Denn auch die vermeintlich ökologisch vorteilhaften Niedrig- oder Passivenergiehäuser schneiden in seiner Gesamtbetrachtung schlecht ab – staatlich besiegelte Ineffizienz nennt er DGNB-Siegel und KfW-Effizienzhaus 70.

Das zweite Argument für den Baustopp lautet: Bauen lindert nicht die Wohnungsnot, statt Wohnungsmangel herrscht eine Überversorgung. Um das zu untermauern, führt Fuhrhop das Beispiel Hamburg an: Dort wurden 2018 etwa 10.000 neue Wohnungen gebaut, was etwa dem Bevölkerungszuwachs entspricht. Gleichzeitig leben zwei Menschen in einer Neubauwohnung. So gerechnet wurden 5.000 Wohnungen zu viel gebaut, dennoch ändert sich kaum etwas an der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt. Eine lokale Momentaufnahme? Über längere Zeit und auf Bundesebene sind die Zahlen noch deutlicher: Zwischen 1993 und 2018 wuchs die Einwohnerschaft um zwei Millionen, im gleichen Zeitraum entstanden sieben Millionen neue Wohnungen.

Wie kommt es zu diesem Überangebot an Wohnraum? Zunächst ziehen (vor allem junge) Menschen aus wirtschaftlich schwachen Regionen in die Boomstädte und hinterlassen in ihrer alten Heimat ungenutzten Wohnraum.  Auf dieses Problem reagieren die schrumpfenden Städte bizarrerweise mit Neubau, wie Fuhrhop an den Beispielen Wuppertal und Cottbus zeigt. Sie hoffen, mit neuen Wohnungen oder günstigem Bauland innerhalb der Stadtgrenzen Wegzugwillige umstimmen zu können – und verstärken damit Verödungstendenzen ihrer Innenstadtbereiche. Das gilt nicht nur für Wohn-, sondern auch für Büro- und Gewerbeflächen.

In den Schwarmstädten hingegen bringt auch jahrelang anhaltender Neubau nicht den lauthals versprochenen günstigen Wohnraum für alle. Im Gegenteil: Der von Niedrigzinsen angefeuerte Immobilienkauf und -bau macht für viele Alteingesessene das Wohnen unerschwinglich. Fuhrhop beschreibt diese Entwicklung mit dem Begriff der Investification, die der Gentrification gefolgt ist. Für ihn sind „heute weniger die wirklich zuziehenden Reichen das Problem. Schlimm sind die von Reichen gekauften Wohnungen, die diese gar nicht zum Wohnen brauchen und die deshalb meist leerstehen. […] Denn jetzt ziehen nicht allein andere Menschen in die Städte, das Geld zieht ein.“ Dieses Phänomen tritt auch in Berlin auf. Spaziert man beispielsweise durch die Neubauquartiere am Gleisdreieckpark oder an der Bundesdruckerei, so fällt auf, wie viele Balkone verwaist und wie wenig Wohnungen abends beleuchtet sind.

Wenn der Befund stimmt, dass das Bauen kein Grundrecht ist und mittlerweile genug Häuser gebaut wurden – wie stoppen wir dann den umweltschädlichen und unnötigen Neubau? Dazu bietet Daniel Fuhrhop einen Baukasten von nicht weniger als 100 Werkzeugen an. Einige richten sich an Politik und Verwaltung, manche an Architekt*innen und Eigentümer*innen, andere an Mieter*innen, einige an alle zusammen: Abriss verhindern, versteckte finanzielle und ökologische Kosten beim Neubau offenlegen, Leerstand erfassen und sinnvoll nutzen, berufliche und private Platzverschwendung beenden, vermeintliche Bausünden der Nachkriegszeit wertschätzen, – und natürlich die drei U fördern: Umbau, Untervermietung, Umzüge (in kleinere Wohnungen).

Wer aus der oben erwähnten großen Koalition für das Bauen sollte sich für einen Paradigmenwechsel starkmachen? Fuhrhop zufolge wäre das im Sinne aller relevanten politischen Parteien, denn: „Es ist weder links noch rechts, das Bauen zu verbieten, sondern eine Frage der Vernunft. Konservativ ist es, unsere Häuser und Städte zu bewahren, sozial ist, teuren Neubau abzulehnen, ökologisch, energieintensiven Neubau zu meiden, und liberal, die Freiheit auch für die Wenigverdiener und kommende Generationen zu erhalten.“

Daniel Fuhrhop: „Verbietet das Bauen! Streitschrift gegen Spekulation, Abriss und Flächenfraß“. Oekom, München 2020, 222 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-96238-194-3

Das Blog zum Buch: www.verbietet-das-bauen.de

Daniel Fuhrhop im Interview mit der BUNDzeit: https://www.bund-berlin.de/service/meldungen/detail/news/wenn-neubau-alle-probleme-loeste-gaebe-es-in-berlin-laengst-keinen-wohnungsmangel-mehr/?tx_bundpoolnews_display%5Bfilter%5D%5Btopic%5D=61&cHash=271e2470845d6d3d6d8aa880d922c13a

2 Kommentare

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  1. Eigentlich isses so! Bei genauem Hinschauen überall Leerstand, mal mehr mal weniger, dafür wachsend vor allem in „besseren“ Kategorien. Und wer soll in die Büroberge ziehen die allerorts aufgeschichtet werden? Neuester Trend: Kapitalanlage in „Messie-“ Container-Burgen in guter Innenstadtlage…..
    Stadtentwicklung ausser Kontrolle!!!

  2. Ich bin aus Norden aus Sanktpeterburg- Russland. Für mich ist Berlin und seine schöne Bäume als einBotanische Garten. Ich öffnete für mich sehr oft die neue schöne unbekannte Sorte von Bäumen. Ich wünsche gern: auf Stamm ein Tafel mit dem Namen zu sehen. Dann ich suche ich diese Name pet internet. Schöne grüne Stadt Berlin. Danke für Ihre Sorge!

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